Blicke

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Lise Lou, 16 Jahre

Es ist als würde mein Blick magisch von ihr angezogen. Gerade eben noch war ich, wie alle anderen, glücklich über die Tanzfläche gewirbelt, der Bass, laut und aggressiv, in meinen Gliedern.
Doch dann hatte ich nur für eine Sekunde meinen Blick gehoben und durch den Raum schweifen lassen. Ihre blonden Locken an der Tür hatten ihn angezogen, förmlich in Brand versetzt.
Sie war umgeben von einer Traube an Freunden ins Haus gekommen. Gerade lachte sie über etwas, das ein blonder Typ neben ihr sagte, während ein Mädchen mit einem knallpinken Mantel den Arm um sie legte.
Zusammen wischten sie sich die Winterluft aus dem Gesicht und sahen sich erwartungsvoll in dem warm beleuchteten Raum um.
Ich merkte gar nicht, dass ich loslief, doch plötzlich hatte sich mein Körper verselbstständigt. Mit rasendem Herzen verließ ich den immer noch feiernden Kreis aus betrunkenen Partygästen. Zittrig aber entschlossen steuerte ich auf sie zu, in meinen Ohren ein einziges Rauschen.
Nun lagen nur noch wenige Schritte zwischen ihr und mir und mein Herz zog sich mit jedem Meter mehr zusammen, als würde allein ihre Präsenz mit wehmütigen Krallen an mir ziehen und mich zu ihr schubsen. Ich war schon im Flur angekommen, als sie ihren Blick hob und mich bemerkte.
Sofort erstarrte sie in ihrer Bewegung, ein leiser aufblitzender Funken in ihren Augen.
Ich erstarrte ebenfalls. So weit hatte ich nicht gedacht. Mein Körper zitterte und ein Frösteln ergriff mich. Ich schluckte hart, was ein lautes Ploppen in meinen Ohren verursachte. Plötzlich nahm ich alles wieder ganz deutlich wahr. Den lauten Bass der Musik aus dem Wohnzimmer, das schrille Lachen des blonden Types und ihr Blick, der immer noch erstaunt auf mir lag.
„Du“, stieß sie nun hervor. Sie klang selbstsicher, doch ich erkannte das verunsicherte Zittern, das unter ihrer Stimme lag. Ihre Nasenflügel bebten und eine kleine Falte bildete sich zwischen ihren Augenbrauen.
Ich versuchte es mit einem simplen „Hi“. Es klappte nicht. Meine Stimme klang wie das Ergebnis eines stundenlangen Heulanfalls Abends in meinem Zimmer. Schnell schluckte ich den aufkeimenden Kloß in meinem Hals wieder runter. Ich musste mich zusammenreißen, die Scherben meiner gebrochenen Stimme wieder zusammenflicken und diesen Raum zwischen uns, gefüllt mit unausgesprochenen Worten, endlich wieder schließen.

Blondie, der sich in unser Blickgefecht einmischte, hob fragend eine Augenbraue. „Kennst du die etwa?“, fragte er.
Ich wollte schon etwas entgegnen, doch ein einziger warnender Blick von ihr reichte aus, um mich zu stoppen. Mein frisch gewonnenes Selbstbewusstsein im Angesicht Blondies Unverschämtheit schrumpelte wieder in sich zusammen, wie die Aprikosen, die mein Opa früher immer auf dem Balkon getrocknet hatte.
Unwohl verknotete ich meine Arme vor der Brust und schaute die beiden abwartend an. Eine wedelnde Handbewegung von ihr und Blondie verdrückte sich in Richtung Wohnzimmer.
„Können wir reden?“, fragte ich nervös. Sie reagierte nicht. Nur ihr musternder Blick lag prüfend auf mir, dann ein knappes Nicken. Erleichtert entfuhr mir ein stockender Atemzug und die Klauen an meinem Herzen wichen ein Stück zurück. Wortlos drehte sie sich um und griff wieder nach ihrer soeben abgelegten Jacke.
Die kalte Nachtluft schlug mir wie ein Eimer Wasser ins Gesicht und ich zog mir zitternd den Mantelkragen über die Nase. Es dauerte eine Weile, in der wir schweigend durch das mittlerweile menschenleere Viertel gingen, bis ich endlich die Worte rausbekam.
„Es tut mir leid.“, sagte ich, „alles was passiert ist. Ich wollte nur, dass du das weißt.“

Wieder schaute sie mich prüfend an, klar und wachsam, ein Blick der in mein tiefstes Inneres schaute. Nach einigen Momenten wendete sie sich wieder ab und drehte nervös ihr Armband zwischen ihren Fingern. So wie sie es immer tat, wenn sie sich unwohl fühlte.
Ich schluckte. Ich war der Grund, warum sie sich unwohl fühlte. Es war alles meine Schuld und nun stand ich hier, erwartete eine Antwort von ihr. Verkrampft blinzelte ich die Tränen aus meinem Augenwinkeln und presste meine Lippen aufeinander, so fest, dass es weh tat.
Eine Berührung an meiner Hand ließ mich aus meinen schwarzen Gedanken aufschrecken. Ihr kleiner Finger hatte sanft über meinen Handrücken gestreichelt. Jetzt schenkte sie mir einen letzten eindringlichen aber auch wehmütigen Blick aus ihren Augen, dann ließ sie mich stehen. Während sie sich immer weiter von mir entfernte, fühlte ich nichts als die Wärme, die ihre Berührung zurückgelassen hatte.