Sterne schauen

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Lilli Schön, 22 Jahre

Der Mond leuchtet hell am Dezembernachthimmel. Der Himmel klar, die Luft kalt.

Immer, wenn sie ausatmen, tanzen kleinen Wölkchen aus ihren Nasen. So manches Haar ist von einer dünnen Schicht Eis überzogen, das es wie zartes Glas glitzern lässt.

Obwohl sie sich alle nah aneinander kuscheln und unter dutzenden Decken vergraben haben, können sie die Kälte nicht ausschließen. Eiskalte Füße werden zwischen ebenfalls kalte Beine geschoben, es wird sich bemüht, die Zähne so leise wie möglich aufeinander klappern zu lassen. Die Gesichter, die aus dem Deckenhaufen herausschauen, sind dick eingepackt in Mützen und Schals; die daraus hervorlugenden Nasen sind rot und wirken wie eingefroren.

Eigentlich wirklich kein guter Tag für einen Abend draußen. Alles klirrend kalt und frostig. Nur Schnee würde fehlen, damit es noch unangenehmer wäre. Dann gäbe es zwar eine wunderschöne Winterlandschaft, aber hier könnten sie dann wohl mit durchnässten Decken nicht mehr sitzen.

Doch sie lachen, mümmeln sich noch mehr ein und kuscheln sich aneinander. Ein Mädchen, Aurora, zeigt den anderen das Sternbild Orion. Begeistert erzählt sie von Beteigeuze – dem hellen roten Stern im Sternbild, der nach astronomischen Maßstäben bald zu einer Supernova wird. Die anderen müssen schmunzeln über die Begeisterung ihrer Freundin. Doch auch wenn sie nicht so besessen sind vom Nachthimmel, finden sie es auch spannend und lassen sich gerne weiter Sternbilder von ihr zeigen. Aurora weist auf Sirius im Großen Hund und die Zwillinge. Gespannt suchen sie den Himmel ab, bevor sie die bekannten Sternbilder am dunklen Nachthimmel finden.

Ein anderer Mensch zeigt ihnen das Sternbild Stier, das sich groß am Himmel ausbreitet. Sie deuten mit ausgestreckten Fingern in die Dunkelheit über ihnen. Alles um sie herum ist finster. Nicht umsonst liegen sie möglichst weit weg von menschlichem Licht auf einem alten Feldweg. Ohne Lichtverschmutzung lässt es sich viel besser in den dunklen Himmel mit den unzähligen kleinen Lichtpunkten starren.

Fasziniert von all den Sternen dort draußen, von der Weite des Weltalls, liegen sie einige Minuten einfach nur still nebeneinander und beobachten die Sterne, wie sie langsam an ihnen vorbeiziehen. Wie neue Sterne auftauchen und alte gen Westen wandern. All die Sterne.

Bis sie wieder das Kichern anfangen und beginnen, neue Sternbilder zu erfinden. Das umgedrehte Fragezeichen, die Windmühle, das kleine R, den Marder. Lachend liegen sie unter dem Sternenhimmel und phantasieren über die weit entfernen Lichtpünktchen, die die Menschen einfach plump zu Figuren zusammengefasst und ihnen Namen gegeben haben. Warum also sollten sie jetzt nicht neue bekommen können?

Aurora lächelt glücklich und zufrieden. Ihre Freund*innen scherzen immer noch, doch sie wird langsam müde. Sie kuschelt sich etwas enger an einen Freund, blickt in den Himmel, lauscht den Witzen ihrer Menschen.

Was macht schon das bisschen Kälte aus, wenn man all das haben kann? Sterne und Freund*innen, die trotz der Kälte mit ihr die Nacht hier draußen verbringen. Sie kann sich wirklich glücklich schätzen. Denn eigentlich sind sie alle nur wegen ihr hier. Sie ist diejenige, die besessen ist von den Sternen und vom Weltall. Sie ist diejenige, die hier sein will wegen der Sterne. Und ihre Freund*innen? Sie wollen hier sein wegen Aurora.

Aurora ist es nicht gewohnt, dass sie so gute Freunde hat. Menschen, denen sie ihr vollstes Vertrauen schenkt. Menschen, bei denen sie sich traut, sie selbst zu sein. Sie hatte Herzklopfen, als sie ihre Freund*innen gefragt hat, ob sie mit ihr eine Nacht lang draußen schlafen und Sterne beobachten wollen. Es war ein Schritt für sie, ein Meilenstein, sich ihnen so klar zu zeigen. Ihnen zu zeigen, wer sie ist.

Und natürlich haben ihre Freund*innen lächelnd zugestimmt und sich über ihre Idee gefreut. Natürlich. Weil sie die besten sind. Doch dieses Wissen hat sie nicht daran gehindert, Jahre zu brauchen, um sich ihnen öffnen zu können.

Jetzt ist sie hier. Und was noch wichtiger ist: jetzt sind sie hier. Jetzt liegen sie hier unter den Sternen und Aurora kann die Klauen der Ängste von ihrem Arm streifen, als wäre es nichts. Weil sie nicht alleine ist und weiß, dass sie ihre Menschen gefunden hat.

Irgendwann fallen ihr die Augen zu. Hinein in die Geborgenheit ihrer Freund*innen.

Autorin / Autor: Lilli Schön