Kleine Stalkerin
Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Kyra, 19 Jahre
Fuck. Fuck. Fuck. Die Haarnadel, die vor einer Minute noch meinen Messy Bun aufrechterhalten hatte, klemmte nun im Türschloss. Ich starrte frustriert auf die grob gehauene Holztür. In Filmen sah es immer so einfach aus. Die Einbrecher holten ihre Dietriche heraus und schon sprang die Tür auf.
Das war einfach nur zum Kotzen. Ich drehte die Haarnadel wie verrückt im Schloss herum und fluchte leise.
„Für eine Einbrecherin bist du nicht gerade gut ausgestattet.”
Ich schreckte hoch und fuhr herum.
„Nein, ich…” Ich hob instinktiv die Hände, bis ich sah, dass er lächelte.
„Ich bin Jack. Ich wohne über dir.” Er streckte mir seine Hand hin.
Oh, ich wusste ganz genau, wer er war. Jack Friesen war vor einem Monat in den Altbau eingezogen. Seitdem ich gesehen hatte, wie er einem Kind nach einem Sturz half, hatte ich mich in ihn verguckt. Ja, was soll ich sagen, es hat nicht viel gebraucht.
Ich fuhr mir durch die Haare. Sie waren bestimmt völlig zerzaust und mein Mascara vermutlich verschmiert.
Normalerweise sah ich Jack nur, wenn er vom Basketball zurückkam. So wie jetzt. Seine braunen Haare waren verstrubbelt und verschwitzt vom Training. Er trug noch das Trikot und im Arm hielt er sogar einen Basketball.
Ich nahm seine Hand. „Ich bin Elfi. Und war zu blöd, mir meinen Schlüssel mitzunehmen”, stammelte ich. Natürlich musste das unsere erste Begegnung sein. Mein Gesicht hatte nun wahrscheinlich die Farbe eines Lachses angenommen. Wenn ich nicht mit einer Tomate konkurrieren wollte, musste ich etwas unternehmen.
Er lächelte. „Sag bloß. Ist mir gar nicht aufgefallen.” Doch dann fuhr sein Blick blitzschnell zum Türschloss. „Du weißt aber schon, dass du noch einen Hebel brauchst, der das Schloss unter Spannung setzt? Sonst kannst du dir das Ganze sparen.”
Ich stutzte und betrachtete ihn genauer. „Habe ich hier einen Einbrecher vor mir?”
Jack schob seine Hände in die Hosentaschen und verzog das Gesicht zu einem Lächeln. „Vielleicht.” Er setzte zur nächsten Stufe an, verfehlte sie und fing sich gerade noch am Geländer. Er wich meinem Blick aus. „Ich muss jetzt unbedingt aus den Sachen raus. Mal sehen, wann ich dich das nächste Mal überraschen kann.” Er warf mir einen vielsagenden Blick zu und verschwand.
Na super. Er war weg. Ich rieb mir entnervt die Stirn. Half nichts. Dann musste ich wohl oder übel den Schlüsseldienst rufen. Nach mehreren Minuten in der Warteschleife ging endlich jemand ran. Zwei Stunden soll ich warten?
Ich ließ mich stöhnend auf den Boden sinken. Nicht einmal das trockene Brot von gestern war noch übrig.
Im Treppenhaus hallte es wieder. Getrampel. Jemand rannte die Treppe herunter. Jack. Er hatte sich einen frischen dunkelblauen Pullover und eine weite Jeans übergeworfen.
„Was machst du hier?" Er war zurückgekommen.
Jack hob die Hand, in der ich ein Etui erkennen konnte. "Ich habe echtes Werkzeug dabei.”
Seine Hände flogen auf mein Schloss zu. Nun musste ich keinen Film mehr schauen. Ich war bereits in einem.
„Und du… du spielst Basketball?”, stammelte ich vor mich hin.
Er schaute auf und sein Mundwinkel zuckte verräterisch. „Ja, aber das wusstest du bereits.”
Meine Pupillen weiteten sich.
„Kleine Stalkerin.” Doch er grinste. „Du bist nicht gerade unauffällig, wenn du im Dunkeln mit deinem Kaffee auf dem Balkon stehst. Mit Lichterketten wohlgemerkt.”
„Heyy.” Ich löste mich vom Boden. „Die sind aber schön, oder? Ich habe sie selbst designt." Es waren kleine bunte Tannen aus Pappmaché und Wolle, für die ich nicht mal zwei Stunden gebraucht hatte.
„Ohh, selbst designt? Nicht zufällig bei deinem Designstudium?”
Ich lachte verwundert auf. „Ein Einbrecher und ein Stalker also?”
Ich stellte mich neben ihn. Er hatte zwei Dietriche in den Händen. Mit einem arbeitete er sich immer weiter durchs Schloss.
„Fuck”, fluchte er leise.
Ich hob die Augenbrauen.
Er fuhr sich verlegen durch die Haare. „Das ist schwieriger als es aussieht.”
Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Warum kannst du das, oder tust zumindest so?”
Die Adern auf seinen Händen traten deutlich hervor. „Ich kann es. Ich bin nur aus der Übung. Es kommt nicht jeden Tag vor, dass ich in eine Wohnung einbrechen muss.”
Sein Blick war verbissen. „Als ich in der sechsten Klasse war, wurde mir mein Fahrrad geklaut. Ich wollte es mir zurückholen.”
Es klickte. „So hereinspaziert.” Jack stieß die Tür auf.
Ich atmete erleichtert auf und schnappte mir meinen Rucksack. „Danke. Ich habe nie an dir gezweifelt”, log ich. Ich blieb im Rahmen stehen und drehte mich verschmitzt zu ihm herum. „Mal sehen, wann ich dich das nächste Mal überraschen kann.”
Alle Infos zum Wettbewerb