Königinnen der Wellen
Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Anna, 21 Jahre
Die Roald Amundsen Brig hat geankert und ich habe meinen Bikini bereits unter meinem Wollpullover. „Ihr dürft jetzt rein”, verkündet uns der Kapitän und die ersten von uns klettern an der Strickleiter herunter in die scheinbare Unendlichkeit des Meeres. Das Wasser ist genau richtig kalt. Wir planschen, schwimmen, lachen und existieren einfach, zufrieden auf einem kleinen Stück Ostsee an der estländischen Küste. Ich strahle dich mit meinem Grinsen an und du strahlst zurück. Wir wollen springen, denn wir haben uns versprochen mutig zu sein und so klettern wir hintereinander auf den Klüverbaum vorne am Schiff. Sieben Meter unter uns das Meer. Verdammt ist das hoch. Unsere Herzen klopfen um die Wette und du springst und fällst für eine Ewigkeit.
"Platsch".
Klatschende Bejubelung schallt vom Deck, kollektive Freude zelebriert den Moment und so nehme auch ich meinen Mut zusammen und springe ins graue Blau. Spüre im Fall die Freiheit, die mich umgibt. Eintauchen in die dunkle Tiefe und auftauchen in der hellen Weite. Das ist das pure Leben. Geborgen umschlungen von den Wassermassen, die gestern noch die Fahrt erschwerten. Nasse salzige Strähnen rahmen dein Gesicht und die Sonne trocknet sie zu Wellen. “Das war so toll” grinst du mir entgegen. “Ja einfach unglaublich” stimme ich dir zu. Glücklich und unterkühlt warten wir zitternd darauf, dass die Duschen frei werden. Mist, das warme Wasser ist aus. Das kalte Wasser plätschert aus den alten Leitungen im Schiffsinneren. Und so sitzen wir wenig später wie neugeboren mit nassen Haaren an Deck. Du trägst den Pullover, den meine Mutter mir gestrickt hat. Er steht dir. Der Tag kündigt sein Abgehen an und der Himmel färbt sich orange zum Abschied. Es ist schön zu sehen, wie alle beieinander sitzen und sich so gut verstehen. Ich umarme dich. Der Gedanke daran, dass unsere Reise genauso wie dieser Tag bald enden wird, ist ein schmerzhafter Stich.
Ohne Internet und Unistress lässt es sich so viel leichter Leben. Gewogen von den Wellen des Wassers, das schon unter Wikingern, Händlern und Fischern da lag. Unter Wolken, die jeden Tag andere sind. Nur getrieben vom Wind, der einen umhüllt und die Segel über unseren Köpfen bauchig werden lässt.
So endet einer der schönsten Tage meines Lebens. Wir sagen uns “Gute Nacht” und ich falle glücklich und erschöpft in meine Hängematte. Ich schließe meine Augen, spüre das Wiegen der Wellen und sehe vor meinem inneren Auge, wie das Meer friedlich unter uns liegt und im Himmelblau leuchtet. Das Typhon schallt durch den Nebel und kündigt uns der Zukunft lauthals an. Ungewissheit liegt vor uns, doch eines ist klar, dass wir das, was kommt, gemeinsam erleben werden. In dieser durch ein Abenteuer fest verbundenen Freundschaft. Die Knoten an Deck sitzen fest genauso wie die geknüpften Erinnerungen. Ich sehe uns vor mir, wie wir gemeinsam in der Messe geweint haben, als uns alles zu viel wurde. Wir haben den Sturm durchgestanden und waren beide seekrank. Als das Wetter dann besser war, sind wir zusammen in die Takelage geklettert. Zum Sonnenuntergang haben wir mit den anderen gesungen. Gemeinsam waren wir mutig. Es fühlt sich so an, als würde mich das Leben umarmen. Kein Land in Sicht und ich fühle mich geerdeter denn je. Ich atme ein und aus, fühle mich entspannt. Der Alltagsstress ist abgeebbt und doch herrscht in meinem Kopf eine Sturmflut an Gedanken. Wir sind mitten auf dem Meer, jeder trägt zum Schiffsbetrieb bei und bei einer Tasse Tee reden wir über das Weltgeschehen.
Aus der Hängematte neben mir ertönt ein lautes Schnarchen.
Verbunden an Bord mit den anderen, ohne jegliche Privatsphäre bin ich zwar erschöpft, aber berauscht von dem Gefühl, einfach da zu sein. Davon, einfach ich zu sein. Verbunden mit dir und gefühlt mit allem, was das Leben so zu bieten hat, obwohl es hier kein Internet gibt. Zwei Wochen und wir sind so gewachsen, zusammengewachsen. Wir heilen unsere Selbstzweifel. Wir bauen Fenster in die Mauern, die das Leben gebaut hat und pflanzen unsere Lieblingsblumen obendrauf. Freundschaft heißt, die Welt durch die Augen eines anderen zu lieben. Danke, dass du deine mit mir teilst.
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Autorin / Autor: Anna,