Abiball. Die goldgelben Girlanden hängen bedrohlich über den Köpfen der Gäste, präsentieren etwas, das sie nicht verstehen. Denn nichts ist nur gut. Nicht Menschen, nicht Veranstaltungen oder irgendeine andere Sache auf der Welt. Aber sie, sie lächelt so wie sie es immer tut. Ein Licht, das jede Art von Dunkelheit vertreibt, und sie bedienen sich an ihr, wie an der Unendlichkeit. Es ist ihre Art, sagen sie und haben keine Ahnung. Niemand ist einfach, sondern er wurde.
„Die anderen fahren los zur Afterparty", ihre Stimme klingt viel zu hoch, kindlich und nimmt einen fragenden Unterton an. Auf dem Weg nach draußen hallt das Klappern ihrer hohen Schuhe auf dem Betonboden wider. Sie schwankt ein wenig, greift ins Leere. Kurzerhand landen die Schuhe in ihren Händen. Sie bräuchte Hilfe beim Laufen, was lächerlich ist. Der vertraute Geruch von Parfüm, dringt an ihre Nase, als ihr Vater sich für eine Umarmung vorbeugt. Er ist fest in ihren Erinnerungen verankert. Seine Arme fühlen sich stark an, beschützend. Ihre Mundwinkel verziehen sich zu etwas, das aussieht wie ein Lächeln. „Pass auf dich auf, sagt sie und winkt mit Tränen in den Augen.
Urlaub. Blaue Augen, die über kristallblaues Wasser schweifen. Im Hintergrund ein Kind das nach seinem Vater schreit. Sie sieht gerade noch, wie ein strahlender Mann mittleren Alters den Strand entlang joggt, genau in die Richtung des kleinen schreienden Knopfs, als ihre Gedanken unterbrochen werden. „Aquí está tu pulsera." (Hier ist dein Armband.) „Mal eben Spanisch gelernt", scherzt ihr Vater von der Seite. Die Rezeptionistin grinst bis über beide Ohren. Sie nicht. „Tengo diecisiete." (Ich bin siebzehn.) Ihr Blick landet auf dem knallblauen Bändchen mit der Inschrift 12-16. Der peinlich berührte Blick ihres Vaters reicht als Erklärung. Auf dem Weg zum Aufzug lacht sie - zu laut.
Grundschule. „Emi, emi, was machst duuu?" Mit großen haselnussbraunen Augen nimmt Simon sie in Augenschein. Sie sollte ihn gar nicht treffen. Er geht auf eine andere Schule. Ihre Heimwege kreuzen sich nie. Schon längst sollte sie zuhause sein. Bestimmt hat sie etwas falsch verstanden. „Ich werde abgeholt", ist alles, was sie sagt, während ihr kleiner Kopf sich in alle Richtungen dreht. Tränen steigen in ihr Sichtfeld. Hätte sie bloß das Busticket eingepackt - nur zur Sicherheit. Sich auf jemanden zu verlassen, klappt nicht. Später erzählt Simon stolz, dass er sich wie ein Erwachsener vor dem Schultor mit ihrem Vater unterhalten hatte.
Dunkelheit. „Hallo, halloo? Ich habe Durst. Hallooo?" Zittrig atmet sie die Dunkelheit in ihre kleinen Kinderlungen. Ihre winzigen Finger umklammern das Bettgestell ihres Hochbetts, während sie auf den Helden ihrer Geschichte wartet. Der Teddy, der wie immer an ihre Brust gepresst ist, starrt mit leeren Augen in ein Gesicht, das nicht kommen wird. Bestimmt hört er sie nicht. Sein rechtes Ohr ist kaputt. Da klappert es und sie beginnt zu strahlen. Grabschend verfangen sich ihre Hande in langem, lockigem Haar - wie jede Nacht. „Na komm her, mein Liebling." Und schon ist der Schmerz vergessen. Die Kleine strahlt immer noch, als sie sich in der Mulde neben ihrer Mama zusammenrollt. Rechts neben ihr liegt ihr Vater - auf dem rechten Ohr.
Notiz an mein jüngeres Ich:
Es gab Momente, da habe ich mich gefragt, ob es einfacher gewesen wäre, wenn er einfach gegangen ware. Ohne seine Anwesenheit hatte ich nicht so früh erleben müssen, wie sich Desinteresse anfühlt. Ich hatte mir einreden können, dass es einen Grund gegeben haben muss. Einen anderen Grund, als der, der mich lange zu sehr geschmerzt hat, um ihn auszusprechen oder zuzugeben. Weil ich dachte, er wäre ein Beweis dafür, dass ich nicht interessant genug bin. Einfach ein bisschen mehr für seine Aufmerksamkeit hätte tun müssen.
Aber es heißt nicht ohne Grund bedingungslose Liebe.
Wenn du etwas loslässt, dass auf deinen Handflächen liegt, wird es dich nach unten ziehen. Wenn du etwas loslässt, indem du es so weit wie möglich wegwirfst, wird es dich einholen. Aber wenn du es zu einem Teil deiner selbst machst, wird es in dir ertrinken. In den Dingen, die dich wirklich ausmachen und zeigen, dass du nie zu wenig warst, sondern einfach zu viel für ihn.
Autorin / Autor: Ronja M.