Das glaubt ihr nicht

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Lennart K., 25 Jahre

Ihr glaubt nicht, was passiert ist. Aber mein bester Freund und ich, wir haben es wirklich erlebt. Eigentlich sollte der Text von einer Urlaubsgeschichte handeln, eine dieser krassen Storys, die man in den ersten Wochen danach bei jeder Gelegenheit auspackt. Bei der man nach Beweisen für die Echtheit sucht. Das ist es aber nicht.
Als Kind war ich aus der Großstadt weggezogen und musste dabei meinen besten Freund zurücklassen. Unsere Freundschaft hatte sich durch Telefonate und gegenseitige Ferienbesuche gehalten. Wenn er mich besuchte, hieß das vor allem Tagesausflüge in die Kölner Innenstadt, gekrönt von Bubble Tea oder verwackelten Selfies vor einer Sehenswürdigkeit. Spektakulär war das nie.
Tagesausflüge werden aber schnell langweilig, gerade wenn das Geld ausgeht. Zuhause ist es doch am schönsten, deshalb blieben wir auch oft in der eigentlich langweiligen Kleinstadt. Die hat, wenn auch begrenzt, schöne Seiten. Hier ein Teich, da ein Parkhaus mit toller Aussicht oder ein billiger Dönerladen. Wirklich cool ist der kleine Waldabschnitt. Dort konnte man von einer perfekt platzierten Bank auf die Stadt hinabschauen. Abgelegen genug, dass nur ein, zwei Spaziergänger pro Stunde vorbeikommen. Wenn man Glück hat, sieht man von da aus den Dom, sonst ziert das Krankenhaus, in dem gefühlt die Hälfte meiner Stufe geboren wurde, den Horizont. Der Whatsapp-Chat meiner Freundesgruppe ist immer noch nach diesem Ort und seiner Bank benannt.
Jedenfalls sitzen wir da, ganz entspannt, schon mindestens eine Stunde im Redefluss. Wir haben uns länger nicht gesehen, da muss man erstmal wieder über alles reden. Es geht gerade um die neuste Netflix-Serie, How to sell drugs Online wahrscheinlich. Spoiler, ich fand sie nicht witzig. Egal, über was wir reden, gerade haben wir einfach Spaß. Dabei schauen wir auf die Stadt vor uns und trinken Freeway Cola.
Zur Linken da liegt ein weiteres, dichtes Waldstück, Bäume dies, das. Ich war nie dort, weil da einfach nichts ist. Zur Stadt runter geht es nach rechts. Und während ich gerade wiederhole, dass ich die Serie einfach nicht mag, weil der Humor zu übertrieben ist, stampft ein Typ aus dem Wald. Nicht oben bei uns, wo der Weg verläuft. Nein, wir beobachten ihn, wie er unten zwischen den Bäumen hervorkommt. Einen Hund hat er auch.
Um ihn herum fliegt ein Vogel und wir fragen uns, ob der Typ vor dem Vogel flieht. Hat er die Waldtiere gegen sich aufgebracht? Dann wird aber immer klarer, der spielt mit dem Vogel. Der Vogel spielt auch mit dem Hund. Beide apportieren, machen Tricks und hängen miteinander ab. Mein bester Freund und ich, wir schauen uns einfach an. Wortlos wissen wir, so etwas haben wir noch nie gesehen. Das war nämlich kein Falke, sondern ein Rabe. Oder eine Krähe, wer kennt den Unterschied?
Die ganze Zeit schauen wir zu. Sind komische Haustiere nicht ein Großstadtding? Hund und Rabe sind beide gut dressiert. Als das Trio geht, es ist fast Sonnenuntergang, entscheiden wir uns hinzugehen. Normalerweise schaue ich einfach zu und würde niemals fragen, aber wir müssen einfach. Wie kommt er dazu, einen Raben als Haustier zu haben? Warum laufen sie quer durch einen Wald? Wie lange kennen sich Hund und Rabe schon?
Wir gehen hin, schneiden dem Typen halb dem Weg ab und fragen ihn. Was geht ab? Noch nie, und das ist jetzt eine bewusste Übertreibung, noch nie in meinem Leben habe ich so einen kritischen Blick gesehen. Er beäugt uns und wir stehen da in der besten Ferienmontur. Diesen Sommer hatten wir zwei Fischerhüte im Sonderangebot gekauft, ich trage noch beige Chinos.
Jedenfalls schaut uns der Typ an, und sagt Worte, einen Satz, der ein Gefühl hinterlässt, für das ich erst noch neues Vokabular lernen musste. Aura, er hat uns Aura genommen, 5 Punkte pro Person und dafür gefühlt 30 gewonnen.
Ich beantworte keine Fragen. Das ist seine Antwort und als wir genauer nach dem Raben fragen, geht er weiter. Wortlos. Wir bleiben stehen, ungläubig. Ich war mir sicher gewesen, dass er uns antworten würde. Irgendwas Langweiliges, dass er Teil einer Community wäre. Aber nichts von alledem, eine Leere, das reale Sommerloch. Den Typen habe ich nie wieder gesehen, obwohl ich oft noch an dieser Bank war. Dabei ist es doch eine Kleinstadt.
Geblieben ist die Geschichte, die mein bester Freund und ich immer wieder erzählen. Jahre später, mit Maske während Corona, mit einem Schreien auf einer zu lauten Hausparty, ja sogar auf Englisch im Erasmus he really said no answer, for real. Aber nicht nur anderen, auch uns selbst. Und dann mutmaßen wir wieder, was der Typ eigentlich dort gemacht hat.

Autorin / Autor: Lennart K.