Ein Blick auf mein Handy und ich bin wie erstarrt. Meine Gedanken stehen still.
Die Pausentaste drücken zu können.
Sodass die Musik in meinem Kopf ruht.
Die Sehnsucht nach diesem Gefühl, ganz gleich, wie es aussieht, spüre ich jede
einzelne Sekunde.
Aber nicht jetzt, jetzt in diesem Moment kann ich das wirklich nicht gebrauchen!
Meine Hände zittern, sie sind das lebendige Spiegelbild meines Inneren. Plötzlich
schnürt sich mir die Luft ab. Ich muss atmen!
Luft, Sophia. Atme, Sophia. Atme.
Nachdem ich dieses Mantra unzählige Male wiederholt habe und der Druck auf meiner Lunge nachlässt, gelingt es mir langsam, nach Luft zu schnappen. Tränen bahnen sich ihren Weg, doch ich versuche, sie hinunterzuschlucken. Ehe ich mich versehe, rinnt ein riesiger Bach, bestehend aus tiefen, ozeanblauen Tränen, meine Wangen hinunter.
Dieser Bach reißt mich mit in eine Tiefe, eine schwarz-graue Leere. Mein Versuch, alles hinunterzuschlucken und nicht so dramatisch darüber zu denken, scheitert kläglich. Weil ich das einfach nicht bin. Un-dramatisch.
Nachdenken, Überdenken, alle Formen des Denkens, das tue ich immer. Mein Kopf ist die ganze Zeit auf Play.
Das erste Mal stehen meine Gedanken still, meine Gefühle jedoch noch lange nicht.
Nicht einmal der Geschmack meiner schweren, süß-salzigen Tränen in meinen Mundwinkeln führt dazu, den Verrat für einen kurzen Moment zu vergessen.
Während mein Magen sich im Freefall-Tower verknotet, steht mein Kopf schon in der Schlange für den nächsten Stand an: das Karussell. Schon als Kind verabscheute ich Karussells. Dort war immer so viel los, sie trieben mich in den Wahnsinn. Doch anmerken ließ ich mir meine Überforderung nie. Außer …
Auf dem Karussell sind mehrere Pferde angebracht. Eines davon lacht mich höhnisch aus.
Es nennt sich Reue.
Reue über die vielen Momente, in denen ich mich frei gefühlt habe.
Ein Echo hallt in meinem Hinterkopf: Zeitverschwendung.
Einige Stunden zuvor:
„Sophia, ich liebe dich zwar und möchte dich nicht noch zusätzlich hetzen, aber wir müssen los zur Schule!“, höre ich es aus dem Flur rufen und sprinte die Treppenstufen mit einer Packung Kartoffelchips in meiner Hand hinunter.
„Du liebst mich also?“, frage ich John neckisch, während ich an einem Kartoffelchip knabbere. Seine Antwort lautet bloß: „Du weißt ganz genau, wie ich das meine. Komm jetzt!“ - „Ja-a!“
„Also, Taylor Swift hat vor den Augen tausender Gäste geheiratet. Stell dir mal vor, rein theoretisch, du wärst dort eingeladen. Wie krass wäre das denn? Möchtest du eigentlich auch etwas von meinen Chips?“, frage ich ihn auf dem Weg zur Schule. Doch er antwortet nicht.
„Hörst du mir überhaupt zu, John?“
„Ja, ich höre dir zu, Sophia. Aber schalt einen Gang herunter“, unterbricht er mich.
Ich halte mir eine Hand vor den Mund, um einen Lacher zu unterdrücken. „Wieso bist du so harsch? Übertreib mal nicht. Sorry, not sorry.“ Er schweigt. Irgendwie hatte ich mit einer anderen Reaktion gerechnet. Einem lauten Lachflash.
Stattdessen schaut er mich müde, mit einem Hauch von Traurigkeit, an.
Sofort spüre ich die vertraute Verunsicherung, die sich in meiner Kehle festsetzt.
Doch ich schlucke sie hinunter. Ermahne mich selbst, mir keine Gedanken mehr darüber zu machen.
Nach dem Unterricht setze ich mich zu Hause aufs Sofa und schaue mir allein eine Folge Gilmore Girls an, um mich abzulenken. John kommt nach der Schule eigentlich immer zu mir.
Plötzlich geht meine kleine Welt in Flammen auf.
Soeben hat mir mein angeblich allerbester Freund offenbart, ich wäre ihm momentan zu viel. Er meinte es nicht böse, doch er brauche Abstand und mehr Nonchalance in seinem Leben.
Noch immer kann ich es nicht fassen. Zum zweiten Mal überkommt mich die Traurigkeit. Ich höre mein Schluchzen bloß gedämpft, wie durch ein Tuch. Er wünscht sich eine nonchalante Freundin, die nicht so anstrengend ist wie ich.
Schon verstanden.
Nonchalant kann mich mal.
Wer möchte das schon sein?
Ich jedenfalls nicht. Zwar bin ich aus der Sicht der meisten Menschen zu viel und lasse ihre Stimmen manchmal zu laut werden, doch ich weiß ganz genau, wer ich bin.
Ich bin voller Enthusiasmus und Leidenschaft. Daran ist nichts verkehrt. Ich trete allem und jedem mit einer fesselnden Umarmung gegenüber. Weil ich mich genau dafür gern hab, dass ich eben nicht nonchalant bin.
Ganz sicher wird von nun an das Wort rent free in meinem Kopf wohnen.
Es hat sich eingebrannt.
Aber nicht für immer. Ich bin überzeugt, dass dieses Wort aufhören wird, mich zu verfolgen.
Es wird verblassen.