Traumwolken

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Filippa O., 12 Jahre

Wolken. Ich finde Wolken sind ein bisschen wie wir Menschen. Sie verändern sich. Wenn sich in ihnen zu viel aufstaut, brechen sie aus. Und trotzdem kann man ihnen wehtun. Einfach brechen und es ist nie wieder, wie es war. Sie halten einander fest, schmiegen sich aneinander und sind mehr oder weniger verbunden. Genau wie eine Familie. Ich fühle mit meinen Fingerspitzen den kleinen Anhänger an meiner Kette. Mama hat sie mir am Flughafen noch unter Tränen gegeben. „Für meine starke Tochter“, hat sie gesagt. Ich seufze. Ich bin immer noch ein bisschen enttäuscht, dass sie nicht mitkommen konnte. Ich vermisse sie.

Ich krame mein Handy aus der großen Ledertasche, die den Sitz neben mir belegt. Ich vermisse dich. Du schaffst das. Ich glaube an dich. Bisous Nele, lese ich zum wiederholten Mal die Nachricht, die pünktlich vor dem Abflug kam. Ich lächele wehmütig. Ja, Nele weiß, wann ich sie brauche und wird immer an mich glauben. Sie ist bei mir. Ganz ohne Handy. Nicht umsonst sind wir, seit wir im Sandkasten gespielt haben, beste Freundinnen. Ich rufe mir Neles Gesicht ins Gedächtnis. Ihre braunen Augen mit diesen hellen Sprenkeln. Das vertraute Gesicht, das ich seit dem Kleinkindalter kenne. Sie hat mich immer unterstützt…

„Sehr geehrte Damen und Herren. Wir befinden uns im Anflug auf Paris, weshalb Sie…” Ich schrecke hoch. Ich schlage meine Augen auf und blicke aus dem Fenster. Unter uns liegt die Stadt an der Seine, gezeigt von ihrer schönsten Seite. Paris. Ich lasse mir das Wort auf der Zunge zergehen. Es klingt nach verwunschenen Gassen, kleinen Cafés und diesem typischen französischen Geruch nach Baguette und Kaffee.

Auf der anderen Seite des Ganges schaut Mell von ihrer Zeitschrift auf: „Wir sind bald da.” Sie mustert mich. „Du siehst etwas müde aus.” Ich seufze zustimmend, unterdrücke ein Gähnen und bücke mich, um meine Haarbürste, mein Buch und anderen Krimskrams in meine Tasche zu packen.
Kurz darauf landen wir und fahren an die Gangway. Wir verlassen unsere Sitze und lassen das Flugzeug hinter uns. Lautes Gewimmel und abgestandene Luft schlagen mir in der Wartehalle entgegen. Ich folge Mell in Richtung Gepäckausgabe. Meine langen blonden Haare hängen strähnig über meinen Schultern. So fühlen sich Stewardessen also jeden Tag. Gut zu wissen. Ich blicke mich um. Vor mir spielt sich die Welt ab, als hätte man sie an einem Punkt zusammengefasst. Menschen, die Koffer hinter sich herzerren und Kinder, die jammern, weil sie einen Lolli wollen. Wir betreten eines dieser Laufbänder, auf die sich Menschen stellen, um nicht die paar Meter zum nächsten Coffeeshop zu laufen. Eigentlich bin ich kein Fan dieser Geräte, stelle mich aber trotzdem drauf, weil ich zu erschöpft zum Laufen bin.

Ich lege meinen Ellenbogen auf die Seitenwand und blicke aus dem großen Fenster, welches die Seitenwand der Ankunftshalle schmückt. Flugzeuge fliegen los und bringen Leute in den Urlaub, Geschäftsleute auf Geschäftsreisen und Menschen an ihren neuen Lebensort.
16 Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet, und jetzt bin ich hier. In Paris. Kurz davor, als Model auf einem der größten Laufstege der Welt zu posieren.

Ich hebe meinen Kopf.

Und blicke in seine Augen.

Sein Blick trifft mich mitten ins Herz.

Diese blaugrauen Augen, in denen die Nordsee tobt und trotzdem schweigen kann. Ich war schon mal an der Nordsee, ich weiß, wie sie aussieht. Diese Augen, die diesem braun gebrannten Gesicht diesen Surferlook geben. Walnussfarbene, etwas wellige Haare fallen ihm ins Gesicht. Das blaue, verwaschene T-Shirt mit einem Markenaufdruck prägt seinen sportlichen Oberkörper und die braun gebrannten Arme. Er guckt mich an und zieht mit einem spöttischen, aber gleichzeitig charmanten Lächeln seine linke Augenbraue hoch.

Ich merke, wie ich ihn die ganze Zeit angeguckt habe und senke meinen Blick. Mell sieht mich grinsend an. Ich bringe sie mit einem flehenden Blick dazu, sich mit undurchdringlicher Miene zum Fenster zu drehen.

„Hey. Kann es sein, dass ich dich kenne?” Ich wende mein Gesicht von Mell ab und sehe ihm direkt in die Augen. Er ist ein paar Schritte auf mich zugekommen. Er sieht mich fragend an. „Ähh…” Reiß dich zusammen, Leni! Einatmen…ausatmen. So selbstbewusst es mir in diesem Moment möglich ist, sage ich: „Ja, kann sein. Ich bin neben der Schule Model und bin in ein paar Zeitschriften zu sehen.” In meiner Stimme schwingt etwas Stolz mit. Ich strecke ihm meine Hand hin: „Leni. Und du bist…?” Ich fixiere eine Sommersprosse auf seiner linken, braun gebrannten Wange, um ihm nicht die ganze Zeit in diese Wahnsinnsaugen blicken zu müssen.

„Finn.”

Und mit diesem Jungen veränderte sich mein ganzes Leben.