Schönes Mädchen
Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Lotte, 18 Jahre
Der Rock kratzt an meinen Knien. Und ich versuche permanent ihn glattzuziehen. Als könnte das irgendetwas daran ändern, dass ich hier ungefähr so gut hinpasse wie Spontanität in einen deutschen Terminkalender.
Knielang. Gebügelt. Mein Hemd steckt so fest im Bund, dass ich beim Einatmen kaum Luft bekomme. Das kenne ich sonst nur von meinem Dirndl. „Absicht“, hatte Mia gesagt, als ich mich darüber beschwert hatte. Wenn das Hemd stramm sitzt, kann man den Rock nicht heimlich hochrollen, um ihn zu kürzen. So als ob meine Knie dadurch eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen würden. Die Schule schiebt anscheinend komplett Paranoia, dass jemand das System dribbelt. Ich habe schnell gelernt keine Regel der Schule infrage zu stellen. Hier falle ich schließlich schon genug auf. Als erste Austauschschülerin jemals dieser Schule. Die Erste. Klingt fast schon nach Königin Elisabeth I. von England. Bis man merkt, die Erste heißt eigentlich nur, dass niemand einen Plan hat, was er mit dir machen soll.
Ich heiße Carlotta. Eigentlich kein schwieriger Name. Dachte ich jedenfalls.
Hier wird daraus immer „Scharlodda“. Manchmal mit einem Laut dazwischen, den es in meinem Namen überhaupt nicht gibt. Manche verzichten gleich ganz auf den Versuch.
Dann bin ich einfach das German girl.
(Das deutsche Mädchen.)
Am Anfang habe ich noch gelacht, wenn jemand das gerufen hat. Inzwischen tut es manchmal ein bisschen weh, auch wenn ich weiterlache, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll. Jetzt bin ich fünfzehn, wohne zwanzig Minuten von Sydney entfernt und fühle mich trotzdem manchmal so weit weg von zu Hause wie der Mond.
In der Pause sitze ich bei meinen Freundinnen. Hier muss ich für ein paar Minuten niemandem erklären, dass wir in Deutschland auch Internet haben. Mit ihnen kann ich sogar vergessen, dass ich ständig Angst habe, irgendein englisches Wort komplett falsch auszusprechen. Ich lache trotzdem über Dinge, die ich nicht ganz verstehe. Erstaunlich ist, wie weit man mit einem selbstbewussten „yeah“ kommt.
Mia schließt ihre Augen.
„Okay. One more time. Car-lod-da.“
(Okay. Noch einmal. Car-lod-da.)
Ruby schüttelt den Kopf.
„Somehow it sounded like an expensive type of pasta.“
(Irgendwie klang es wie eine teure Nudelsorte.)
Sofia nickt ernst.
„Definitely. Carlotta. Handmade. Probably 20 dollars.“
(Auf jeden Fall. Carlotta. Handgemacht. Wahrscheinlich 20 Dollar.)
Wir lachen. Genau solche Momente sind der Grund, warum ich mich inzwischen nicht mehr ganz so fremd fühle. Ruby schaut plötzlich hinter mich.
„Oh.“
Mia sieht ebenfalls über meine Schulter. Dann beginnt sie zu grinsen. Mit diesem Grinsen, bei dem man sofort weiß, dass einem etwas vertuscht wurde.
„What?“
(Was ist?)
„Just look.“
(Schau einfach.)
Ich drehe mich um. Und hinter mir steht Jake. Umringt von seinen Freunden. Und er sieht aus, als hätte er entweder einen sehr schlechten Plan oder den besten Plan seines Lebens. Vielleicht beides. In seinen Händen hält er ein riesiges, selbst gemaltes Schild. In einer Ecke klebt eine Deutschlandflagge. Schwarz, Rot, Gold. Auf dem Schild steht in riesigen Buchstaben:
FROM GERMANY TO AUSTRALIA.
NEXT STOP?
THE FORMAL WITH ME!
(Von Deutschland nach Australien. Nächster Halt? Der Tanzball mit mir!)
Ich starre ihn an.
„Oh my God.“
(Oh mein Gott.)
Mia prustet neben mir los.
„You knew!“
(Du wusstest davon!)
„We knew everything.“
(Ich wusste alles.)
Sagen meine Freundinnen grinsend.
„You are all terrible.“
(Ihr seid alle schrecklich.)
Um uns herum haben die Leute aufgehört zu reden. Natürlich. Warum sollte ein „normaler“ Schultag auch einfach normal bleiben?
Jemand ruft: „German girl! Look!“
(Deutsches Mädchen! Schau!)
Ich verdrehe die Augen. Jake holt tief Luft. Und sagt auf Deutsch:
„Hallo, schönes Mädchen. Willst du mit mir zum Ball gehen?“
Sein Deutsch klingt zugegebenermaßen ein bisschen holprig. Aber er hat es gesagt.
Auf Deutsch. Für mich.
Und ich glaube, genau deshalb berührt es mich. Mein Gesicht ist vermutlich gerade mindestens so rot wie die Flagge auf seinem Schild.
Nichts daran ist perfekt.
Nicht mein Gesichtsausdruck.
Nicht dieser eine Moment, in dem ich fast „Was?“ sage.
Trotzdem sage ich natürlich:
„Yes!“
Die Menge explodiert.
„German girl said yes!“
(Das deutsche Mädchen hat ja gesagt!)
Plötzlich rufen es alle, als hätte ich gerade verkündet, dass wir hitzefrei bekommen.
Was es in Australien nicht einmal gibt. Jake grinst so breit, dass ich selbst wieder lachen muss. Mia, Ruby und Sofia ziehen mich sofort zur Seite.
Sie planen schon unser Treffen übermorgen und erinnern mich daran, dass wir sowieso zusammen Kleider kaufen wollten. Ich werde mein Kleid mit einem Jungen tragen, der heimlich Deutsch gelernt hat, nur um mich in meiner Muttersprache zu fragen. Ich glaube ich finde das sogar romantischer als perfektes Deutsch.
Ich bin nicht nur das German girl. Ich bin Carlotta. Und gerade ziemlich glücklich.
Auch wenn mein Rock kratzt.
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