Mit eleganten Schwüngen heizte sie hinab. Dicke Flocken peitschten ihr ins Gesicht, während sie sich in jede Kurve legte, sodass ihre Hand den Schnee küsste. Statt dass der steile Hang ihr Angst machte, legte sich ein breites Grinsen auf ihre Lippen. Die Haare flogen im Wind und die Bretter unter ihren Füßen glitten rasant über die Piste. Schlangengleich wand sie sich durch die Menschen, die den Hang hinabschlitterten. Ihr kam es vor, als seien sie Felsen im Strom ihres Flusses. Sie drehte den Kopf und der Blick ihrer leuchtenden Augen traf den ihres Vaters, der ebenso lächelte. Sie liebte die gemeinsame Herausforderung. Ob sie den letzten Lift noch erreichen würden? Sie würden es versuchen. Die Bahn war wichtig. Wichtiger als alle anderen Lifte. Denn es war die eine Fahrt, die sie zusätzlich hätten. Die eine Fahrt, die ihnen erneut den Genuss des Schnees unter den Skiern schenken würde. Dann stieg der Hang an, bis sich ihre Bretter zum Himmel streckten. Plötzlich war der Schnee unter ihr fort. Ihr ohnehin rasendes Herz schlug noch schneller, sodass sie glaubte, der gesamte Berg müsse es schlagen hören. Sie lachte, während sie das Rauschen des Windes um sie herum spürte.
Als sie glaubte, der Sprung würde ewig sein, gab es einen Schlag. Mit einem lauten Platschen tauchte sie in die Kühle ein, die sie wie eine liebevolle Umarmung umfing. Neben ihr türmten sich zerklüftete Felsen auf, zwischen denen sie winzige Bewegungen ausmachen konnte. Dann näherten sich ihr unzählige Punkte, die sich als winzige Fische entpuppten. Sie wurde eins mit dem Schwarm, der sie umgab. Neben ihr schwamm ihre Mutter, die sich mit gekonnten Zügen durch das Wasser bewegte, als sei sie selbst Teil der Wellen. Der Blick der Frau war konzentriert, doch ein Lächeln zierte ihr Gesicht. Von ihrer Mutter hatte sie gelernt, die Natur zu lieben. Es gab so vieles zu entdecken: etwa den Oktopus vor ihr, der sich vollkommen in den Felsen einschmiegte, sodass er sich nur denen offenbarte, die genau hinsahen. Dann nahm sie eine Bewegung im Augenwinkel wahr. Ein länglicher Fisch mit bizarren Hörnchen war zwischen dem Gestein verschwunden. Mit den Händen fuhr sie über den Fels, bis sie schließlich zupackte.
Mit aller Kraft zog sie sich nach oben. Gesteinsspitzen bohrten sich in ihre geschundenen Hände, doch sie liebte es, wie ihr Körper all seine Kraft für das Klettern aufwand. Das aufgeregte Zwitschern von Vögeln war neben dem Rascheln der Blätter im Wind zu hören. An ihrer Seite kletterte ein junger Mann. Das Klettern war ein Spinnfaden gewesen, der sie verbunden hatte und rasch zu einer Liane geworden war, bis verwobene Äste sie verknüpften. Immer mehr Zweige waren hinzugekommen, bis sie ein hölzernes Geflecht zusammenhielt. Plötzlich rutschte ihr Fuß ab. Sie stieß einen panischen Schrei aus. Ihr Herz stockte, während ihre Arme durch die Luft ruderten. Doch ihre Hände fanden lediglich scharfkantiges Gestein, das ihre Haut aufschnitt. Hatte sie sich zu sehr von ihrer Freude mitreißen lassen? War sie zu unvorsichtig geworden? Ehe ihr wirbelnder Kopf sich auf einen Gedanken einigen konnte, spürte sie, wie etwas ihre Hand berührte. Es gab einen heftigen Ruck und ihr Fall stoppte. Unter ihr hörte sie das dumpfe Klackern von Gestein, das in der Tiefe aufschlug. Das wäre sie gewesen. Dann sah sie auf und blickte geradewegs in das verzerrte Gesicht des Mannes. Er biss die Zähne zusammen. Panik lag in seinen aufgerissenen Augen. Er würde sie nicht mehr lange halten können. Seine Hand hatte die ihre fest umschlossen. An seinem Arm traten Muskeln hervor. Eilig suchten ihre Hände und Füße nach Halt. Dann, endlich, fand sie Erhebungen im Fels, an denen sie sich festkrallen konnte. Ihm entwich ein Seufzen. „Ich dachte, ich hätte dich verloren…“, murmelte er dann.
Ihre noch immer zittrigen Hände lösten sich langsam voneinander. „Du wirst mich nie verlieren“, flüsterte sie. Als sich ihre liebevollen Blicke trafen, war es, als tauche sie in seine Augen ein, in das wundervolle Braun, dessen Farbabstufungen dem Gestein vor ihnen ähnelten. Doch in ihnen lag ein Funkeln, das die Iris mehr an einen Edelstein, ein Tigerauge, erinnern ließ. Am liebsten hätte sie sich in der Tiefe seiner Augen verloren, doch ein rötlicher Schimmer holte sie in die Gegenwart zurück. Die Sonne, die mit feurigem Leuchten am Horizont verschwand, spiegelte sich in seinen lodernden Augen. Der Feuerball ließ den Fels zu Flammen werden, die neben ihren dunklen Silhouetten tanzten.