Meine Seite vom Balkon
Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? von Katja, 25 Jahre
Die Spitze deiner Zigarette glimmt auf der anderen Seite des klappbaren Gartentischchens und zwei Katzen streiten sich im Hinterhof unter dem Balkon. Den Mitbewohner höre ich durch das gekippte Fenster unter der Dusche singen. Es ist zu spät für einen Donnerstag, wir sollten schlafen gehen, wir hätten weniger trinken sollen. Ich frage mich, ob das Oberteil mit den Spagettiträgern mich nicht ausreichend vor der frischen Nachtluft schützt oder die Gänsehaut auf meinen Schultern deinem Blick hinter der Zigarette hervor geschuldet ist.
Ich habe mir etwa einhundert verschiede Versionen hiervon vorgestellt. In vielen davon habe ich geweint. In manchen du auch. In den schönen Träumen vor Freude. In den unruhig schlaflosen Sorgen aus Trauer um die wohlige Sicherheit unserer Gespräche, die wohl notwendigerweise einer gewissen Spannung weichen würde, wenn deine Gefühle nicht zu meinen passten. Oder meine nicht zu deinen. Hin und wieder hat mir schon die bloße Angst, diese herrliche Leichtigkeit unserer gemeinsamen Zeit zu zerstören, Tränen in die Augen getrieben. Manchmal dachte ich sogar, du könntest wütend werden. Wütend, weil ich unsere Freundschaft solch einem Risiko aussetze oder wütend, weil ich meine Gefühle so schlecht im Griff habe. An anderen Tagen konnte ich die Erleichterung spüren, die wir beide wohl empfinden würden, wenn ich es endlich schaffen würde, etwas auszusprechen, das wir beide fühlen. Vielleicht würden wir uns betrunken auf einer Party oder einem Konzert oder einem Festival in die Arme fallen oder abends am See sitzen und in die untergehende Sonne starren, um einander nicht in die Augen schauen zu müssen.
In keiner meiner Vorstellungen saßen wir auf dem wackelig wirkenden Balkon meiner Altbau-WG vor den Resten unserer Döner. In keiner meiner Vorstellungen hatte ich morgen früh diesen Termin beim Mieterschutzbund wegen der unerklärlich hohen Nebenkostenabrechnung. In keiner meiner Vorstellungen hattest du mir gerade freudestrahlend berichtet, dass du dich verliebt hast - in jemanden, der nicht ich bin.
In keiner meiner Vorstellungen hast du einfach dagesessen und dem Rauch dabei hinterhergeschaut, wie er über das Balkongeländer schwebt und in der Dunkelheit verschwindet. Ein bisschen habe ich das Gefühl, dass auch du nicht mehr da drüben auf der anderen Seite vom Balkon sitzt, sondern irgendwo zwischen hier und dem Hinterhaus in der Luft hängst. Flüchtig wie der Rauch, grau wie der Bereich zwischen Freundschaft und Liebe, in dem wir seit meinem letzten Satz gefangen sind. Für mich nicht mehr greifbar.
Der Mitbewohner summt beim Zähneputzen die Melodie eines Boyband-Hits. Mir fällt weder der Titel des Songs noch der Name der Band ein, aber vor meinem inneren Auge flackert eine Tanzszene aus dem Musikvideo. Der Sänger mit den blonden Wuschelhaaren strahlt darin besonders charmant in die Kamera. Wäre die Band nicht erfolgreich gewesen als meine Eltern jung waren und wären die Mitglieder nicht etwa doppelt so alt wie ich, wäre ich als Teenager sicherlich ein wenig in ihn verschossen gewesen. Im Badezimmer wird es dunkel, der Mitbewohner geht schlafen.
Du drückst deine Zigarette aus und der Stummel fällt fast geräuschlos in das alte Marmeladenglas, das der Mitbewohner zum Aschenbecher erklärt hat. Wie immer kontrollierst du, ob sich eine Wespe in deine Bierflasche verirrt hat, bevor du den letzten Schluck trinkst. Du stehst von dem klapprigen Holzstuhl auf und musst seitwärts gehen, um durch den schmalen Spalt zwischen dem Gartentisch und der Hauswand zu passen. Neben mir bleibst du kurz stehen und kneifst mich liebevoll in den Oberarm. Das tust du immer zum Abschied. Dabei schaust du mich direkt an und zwinkerst ein bisschen. Wie immer.
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Autorin / Autor: Katja