Nichts

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Rita Solis, 26 Jahre

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Es ist kein Datum, das irgendwo geschrieben steht. Zumindest nicht auf einem Friedhof, und nicht mit meinem Namen.

Irgendwo hing ein Mädchen an einer Leitplanke.

Das Mädchen nahm das Fahrrad und fuhr zur Bahn. Ging zur Uni, besuchte Seminare. Funktionierte. Dachte sich dabei die ganze Zeit, es sei das letzte Mal, diese Dinge zu tun.

Das Mädchen blieb nüchtern. Etwas schummerig war ihr bereits. So hatte sie es geplant, damit alles funktionieren würde. Auf dem Weg zum Feld zeigte sich die Wirkung. Ihr wurde schwarz, alles brummte um sie herum und sie hörte nichts mehr. Aber sie zwang sich weiter.

Ein Fehler unterlief ihr. Sie wusste nicht, welcher es war. Er rettete ihr das Leben.

Das Feld erstreckte sich geradezu endlos vor ihr, der blaue Himmel küsste das goldene Feld. Es war ein schöner Ort für den Anlass, fand das Mädchen. Sie stellte das Rad ab, breitete ein Tuch aus und setzte sich, der Kreislauf kippte.

Der Fehler war, dass sie ihr Handy nicht ausschaltete. Vergeblich schrieb sie irgendwelche Nachrichten, die wirrer und wirrer wurden. Danksagungen an Freunde, Grüße an die Familie, den Liebesbeweis an die unglückliche Liebe. Hilferufe. Irgendwann kippte sie vornüber und war weg. Fast.

Und dann war ich wieder da.

Denn zwischendurch tat sich einiges, woran ich kaum Erinnerungen habe. Freunde bildeten eine Gruppe, tauschten sich aus. Die Eltern telefonierten miteinander. Ein Rettungswagen mit einer hartnäckigen jungen Frauenstimme telefonierte mit mir, verbal sinnlos, und ortete mich dabei. Ich machte mich halb bewusstlos, mit nur einem Schuh, ohne Sinn und Verstand, auf durch die Pampa, bis ich an der Leitplanke, irgendwo, das Bewusstsein verlor. Die Autos rasten vorbei, eine Autofahrerin rief einen Krankenwagen.
Im zweiten Krankenhaus, später auf der Intensivstation, wo ich eingeliefert wurde, erboste sich eine ältere Krankenschwester, völlig wütend: „Dass man so etwas tut! In dem Alter!“ Ein jüngerer, lieber Krankenpfleger, der sich gut kümmern sollte, murmelte dazu nur: „Als ob das in dem Moment hilft…“

Die ersten zwei Tage funktionierten die Organe nicht richtig. Der liebe Pfleger war erstaunt, als ich nach zwei Tagen von der Intensivstation – wo ich neben lauter Leuten schlief, die mental so gut wie tot waren und nur noch maschinell lebten – verlegt wurde; er meinte, so eine Erholung hatte er selten erlebt. Die Sanitäter kamen mit einem Rollstuhl an mein Bett; es war aber schon leer, ich hatte alle Sachen in zwei große Aldi-Tüten gestopft, stapfte um 2 Uhr nachts vor die beiden erstaunten Männer, legte die schweren Tüten auf dem Rollstuhl ab, bedankte mich und lief neben den beiden zum Krankentransporter.

Fakt ist, dass man tiefer nicht sinken kann. Und dass ich stehe, bedeutet zwangsläufig, dass ich aufgestanden bin. Ich versuche es mir wie einen Aufstieg des Phönix vorzustellen- das gibt mir Kraft. Erhobenen Hauptes.

In dem Moment, als ich mein Leben verlor, dachte ich an all das, was mir fehlte. Meine Familie und meine Heimat, so fern, zu fern. Die Sonne. Alles, was immer da gewesen war und jetzt nie. Familie, die einfach so weggezogen oder so aggressiv war. Die psychischen Krankheiten und Süchte. Der Freundeskreis, der autonomer wurde und sich auseinanderlebte. Meine geliebten Haustiere, die nicht mehr da waren und die ich nicht mehr halten durfte. Der eigene Freund, ein Konzept, das ich mir immer perfekt und wunderschön vorgestellt hatte, und dass in meinem Fall schmerzte. Die Anonymität an der Hochschule. Eine faire Politik. Und ich, völlig allein, die funktionierte und immer lieb war, aber warum eigentlich…

In dem Moment, als ich mein Leben wieder bekam, erfuhr ich all das Wichtige, was es eigentlich ausmacht. Freiheit. Dass dich Menschen lieben, auch wenn sie gerade nicht da oder beschäftigt sind. Wie schön die Welt aussieht, wenn sich Licht und Farben und Schatten abwechseln. Wie schön es ist, in den Himmel zu blicken und er leuchtet blau oder auch nicht, je nach Tagesform. Wie sich der Regen anfühlt, wenn er auf dein Gesicht tropft. Pfeifender Wind, der dir ins Gesicht fährt. Das Gefühl, unter einer Dusche zu stehen. Wie schön es klingt, wenn Blätter im Wind rauschen. Wie lebendig der Verkehr auf der Straße ist. Wie toll ein Stück Kuchen ist. Wie wunderschön Musik ist und wie wunderschön es ist, ihr zuzuhören und sie zu teilen. Nach einem langen Tag zu schlafen. Dass man neue Orte mit neuen Atmosphären erkunden kann, weit weg oder auch ganz in der Nähe. Wie schön es ist, Freunde in die Arme zu schließen und sie dich vermisst haben- und du sie! Dass es gut so ist, dass die Welt komplex ist, denn dann ist sie wahnsinnig bereichernd. Wie unglaublich es ist, dass man laufen kann, springen, schwimmen. Dass man überhaupt fähig ist, zu fühlen und zu lieben.

Und zu atmen.

Danke für das Leben, danke für... alles.

  • Content-Warnung: Dieser Text thematisiert einen Selbstmordversuch. Wenn du selbst von Selbstmordgedanken betroffen bist, hole dir Hilfe. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsangeboten findest du zum Beispiel hier: DGS Suizidprävention/Hilfefinder
Autorin / Autor: Rita Solis