Das Lied, das mir der Regen sang

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt!von Klara Josefczak, 15 Jahre

Es war, als wäre ich in einer ganz anderen Welt. Eben noch in einer großen Stadt, gefüllt mit Autos und großen, bunten Werbebildschirmen, im nächsten Moment zogen Felder und Wälder an dem Autofenster vorbei, aus dem ich nachdenklich blickte. Der kleine Wagen wackelte gemütlich über die Landstraßen und ließ die Augenlieder meiner kleinen Schwester auf dem Rücksitz zufallen.

Regen prasselte beruhigend gegen die Scheiben. Ich verfolgte mit meinen Augen die Regentropfen, die langsam herunterrannen und die Farben ihrer Umgebung vermischten. Das Rotbraun des Laubes, das zu dieser Jahreszeit schon gefallen war, das Grün der Wiese, die sich wie ein Meer neben der kleinen Straße entlang zog und eine idyllische Landschaft schuf, das Grau des weinenden Himmels.

Ich liebte regnerisches Wetter, so wie heute. Das Geräusch brachte all die vielen Gedanken zum Schweigen, die sonst immer so laut in meinem Kopf herumschwirrten wie lästige Insekten. Und die Luft roch immer so zauberhaft, nach einem Unwetter.

Ein paar Kinder, die auf einem Hügel standen, mit ihren gelben Regenjacken und zu großen, gepunkteten Gummistiefeln, zogen am Fenster vorbei. Ich blickte ihnen aus dem Rückspiegel hinterher. Sie versuchten, einen roten Drachen steigen zu lassen. Ein schweres Vorhaben, wenn man den Regen einberechnete. Doch schon wenig später flatterte der Drache lebensfroh am Himmel, sein bunter Schweif schien unserem Auto hinterher zu winken, als wolle er uns „Eine bezaubernde Reise“ wünschen. Ein warmes Lächeln zog sich sanft über meine Lippen. Wie hatte ich es doch geliebt, Drachen steigen zu lassen, bis sie in den grauen Wolken verschwanden. Wie der Wind sich immer in meinem Drachen verfangen hatte und daran gezogen und gerüttelt hatte wie ein kleiner Fisch. Er hatte den Drachen immer so hoch hinaufgetragen… Und dann wurde ich älter. Man nahm mir meine Gummistiefel und bunte Drachen weg und drückte mir stattdessen ein Handy in die Hand mit der Aussage: „Du bist jetzt zu alt für so etwas.“

Ich seufzte leise. Meine Gedanken wurden immer ruhiger und ruhiger, als ich dem Regen lauschte. Es schien mir fast, als wolle er ein Lied singen. Ein Lied, nur für meine Ohren bestimmt. Eines, dass nur ich verstand. Es sollte mein Lied sein. Meines ganz allein.

Die Landschaft hatte sich gewandelt. ein wunderschöner Wald, verschwommen durch Wasser über Glas, glitt an uns elegant vorbei. Die Blätter, die von den Bäumen jenes Waldes vielen, schienen sich im Wind zu der Melodie des Regens zu wiegen. Rot waren sie. Rot, und braun. Einige waren schon etwas knusperig, die anderen waren noch frisch und zart. Ein Blatt hatte hübsche braune Sprenkel auf seiner Oberfläche, so wie lustige Sommersprossen. Auf einem anderen zog sich ein bezaubernder Farbverlauf entlang, von Rot bis grün.

Mama und ich hatten früher, als ich noch ein Kind war, immer Laub gesammelt, und all die Blätter gepresst. Schön war das gewesen. Einer meiner schönsten Erinnerungen, wenn ich an meine Kindheit zurückdachte.

Ein entferntes Donnergrollen lenkte meinen Blick von meinen Erinnerungen auf den Himmel, an dem sich Blitze entlangstreckten und über die Wolken tanzten. Der Blitz war mein liebster Tänzer. So grazil und fein, dennoch so schnell und leider kaum erkennbar für meine braunen Augen. Es donnerte erneut, nicht dieses laute, ungeschickte Poltern, nein, ein gedämpftes Geräusch. So als würde der Himmel zufrieden summen.

Es war nun just dieses Geräusch, kombiniert mit der sanften Symphonie der Regentropfen, die mich in das Land der träume schickten. Denn meine Augenlider wurden immer schwerer und schwerer.  Ich lehnte meinen Kopf in den Autositz zurück und atmete tief und entspannt aus, bevor ich mich entschloss, der Müdigkeit nachzugeben und meine Augen zu schließen.

Es war ein ruhiger, tiefer schlaf, in dem ich damit gesegnet war, nichts zu träumen, denn meine Träume waren meist wirr- genau so wie meine Haare nach dem ich aus einem solchen aufwachte- und ergaben wohl kaum Sinn. Auch wenn man sagte, Träume hätten Bedeutungen, bezweifelte ich dennoch stark, dass ich irgendetwas Tiefgründiges finden würde, wenn ich meine Träume interpretierte, die von eher abstrakten Dingen handelten wie fliegende Frettchen oder dergleichen.

Als ich also im Auto aufwachte, waren wir an unserem Ferienhaus, mitten im Grünen, angekommen. Und ein kreativer Geist wie ich würde sich hier sicherlich wohlfühlen. Vor allem, wenn der Regen sein sanftes Lied gegen meine Fenster säuseln würde.

Autorin / Autor: Klara Josefczak