Zwei
Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Noah Kohlmaier, 19 Jahre
Wir sind so verschieden. Ihre Stimme laut und singend, meine versteckt hinter schützendem Lächeln. Mein Alleinsein ist ihre Zweisamkeit, unser Ruhepuls bleibt dabei im gleichmäßigen Grundschlag. Was wir brauchen, was wir haben, was wir uns voneinander wünschen; die Punkte unseres Kreises bleiben in Bewegung, stets ein paar π voneinander entfernt. Man nehme eine Fotografie zueinander geneigter Köpfe und setze den Filter unserer Seelen darüber. Heraus kommt wahrscheinlich ein unnatürlich kontrastreiches Negativ.
Wir sind so verliebt. Die Luft zittert zwischen den zwitschernden Blicken unserer Augen. Kieferrindenbraun in Teichwassergrün. Gedacht seit wir das Klassenzimmer teilten, geküsst seit siebenhundertunddreißig Tagen (and counting). Mein erster und einziger Kuss. Mein erstes und einziges Mädchen. Im Hier und im geteilten Dort, wo auch immer das sein wird.
Unbequem drückt das Holz der Schwingliege auf mein rechtes Knie. Es ist eine dieser Positionen, die nach stundenlanger Unbeweglichkeit beim Aufstehen ihren Tribut fordern wird. Wir sitzen am Rande eines Parks, das leise Glucksen des Baches unter uns setzt sich an die Ohren, wenn es mal nicht vom Lärm der rauschenden Autos übertönt wird. Ihr Kopf liegt in meinem Schoß, Augen geschlossen und leise atmend. Ich ertaste ihren Ansatz und bewege meine Finger durch ihre dämmerungsschwarzen Haare.
„Mach meine Locken nicht kaputt. Ich hab‘ sie heute früh extra gemacht“, flüstert sie zum millionsten Mal. Ich will sie nachäffen.
Doch ich entscheide mich um, ihr Antlitz ruht so friedlich auf meinem Körper. Müdes Straßenlaternenlicht mit einer leichten Gelbsucht beleuchtet uns beide in der Schwärze der Nacht. Auf ihrem Bauch liegt ein kleines Reisetagebuch. Das Cover zeigt einen Vogel in bunter Federpracht. Ich sollte sie mal fragen, was das für einer ist. Später. Wenn wir rennen müssen. Denn das himmlische Grummeln wird immer lauter. Die Luft riecht feucht, eine erste Brise streift durch unsere Kleidung, dann zu den letzten Blättern der herbstgezeichneten Bäume. Regen wird nicht lange auf sich warten lassen.
Worte aus dem Tagebuch schweben durch meinen Kopf. Zwei Erzählungen zweier Münder beschreiben das Feuerwerk, das sie vor zwei Jahren auf dem Mönchsberg in Salzburg zum ersten Mal entzündeten. Wir versprachen uns gegenseitig, die Texte irgendwann in der Zukunft gemeinsam zu lesen, nachdem wir sie auf der Zugfahrt nach Hause verfasst hatten.
Heute ist diese Zukunft. Sätze lassen mich erinnern. Es war der schönste Tag meines Lebens. Die nervöse Zugfahrt in der Früh, das Spazieren durch den sonnigen Mirabellgarten. Über die Salzach, ein Liebesschloss mit unseren Initialen auf der Brücke zurücklassend. Die Bosna in der Getreidegasse, die Burg und die Aussicht auf einen hellblauen Himmel, trotz einer Gewitterwarnung. Das Abendessen im Freien, der Mönchsberg mit Blick auf die glühende Stadt. Die Frage, die Augen, der Mund, das Feuer, das seitdem in meinem Herzen flackert.
Zwei Jahre lang war diese Erinnerung mein letzter Halt. Als die Streits nicht mehr auszuhalten waren. Die Selbstzweifel bestätigt wurden. Als Augen dunkel tränten, tobende Wellen umhertosten. Da hatte ich diesen Tag. Der Grund für meinen Kampf. Das Ziel meiner Mühen. Den Anfang meines Schicksals. Die ewige Urkunde für die einzige Wahrheit, die jemals wichtig sein wird: Wir sind verschieden, wir sind verliebt, wir küssen uns in jeder Stadt der Welt, in jeder Sekunde der Zeit, in jedem Sein auf ewig zu zweit.
Nieselnde Tropfen streicheln meine gelb gelichtete Haut. Es riecht nach Sommergewitter. Meinen gepeinigten Rücken nochmals quälend, lehne ich mich an ihre Stirn und wecke sie auf. Ihre Haut schmeckt nach einem sanften Kissen und frischen Heu.
Wir lachen laufend durch die Nässe. Sie schützt das Buch unter ihrem Shirt, rettet diesen magischen Zauber vor Himmelswassern. Hände ineinander verschlungen überqueren wir den Parkplatz vor ihrer Wohnung. Ich trage meine löchrigen Laufschuhe, ihre Mutter wird mir frische Socken andrehen wollen. Durch die tausend Tropfen blicke ich auf meine Geliebte und durchlebe dasselbe Gefühl wie in Salzburg.
Mein Geist wird sich selbst bewusst. Das Leben drückt sich mir vor die Augen und rüttelt an meinen Sehnen. Das Jetzt gehört mir und ihr. Die Welt ist unser Spielplatz. Die Zeit ist verworfen. Der Tod nur ein weiterer Tag in unserer Ewigkeit.
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Autorin / Autor: Noah Kohlmaier