Himmel über Kyoto: Nightcall; Kavinsky

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Seraphina W., 23 Jahre

I′m giving you a night call to tell you how I
feel
I want to drive you through the night, down
the hills
I'm gonna tell you something you don′t
want to hear
I'm gonna show you where it's dark, but
have no fear

- Nightcall; Kavinsky -

(Des Nachts rufe ich dich an, um dir zu
erzählen wie ich fühle
Ich will mit dir durch die Nacht fahren, die
sanften Hügel hinab,
Und ich muss, ich werde dir sagen, was du
nicht wirst hören wollen,
Und ich muss, ich werde dir die düstere
Nacht zeigen,
doch es wird okay werden, ich bin okay, hab
keine Angst)


Ich denke über dein* Dach nach, auf das wir nachts an deinem Geburtstag gestiegen waren und bis zur Alster blicken konnten. Die Stadt hatte geleuchtet, der Fernsehturm ragte in der Ferne auf und einer deiner Freunde hat über seine Schizophrenie gesprochen. Ich glaube, dort auf dem Dach habe ich zum ersten Mal wirklich verstanden, wie diese Krankheit funktioniert. Ich habe ein Stückchen deines Freundes zutiefst verstehen können, verstehen dürfen und ich denke oft daran, welch wundervolle Ehre es ist, dich* und deine Freunde zu kennen.

Ich stehe auf meinem Balkon, die blaue Wäscheleine in meinem Rücken und blicke auf das Dach der Unisporthalle, in der ich bisher noch nicht drinnen war und in die ich vermutlich auch nicht mehr hineingehen werde. Der Regen plätschert leise auf das Blechdach des Generators unter mir. Es ist dunkel, es ist Nacht, die Humidität vernebelt, mein Schädel drückt und ich denke an das Dach in Hamburg. Und ich denke, wenn ich nur eine Leiter hätte, die von meinem Balkon bis zum Dach der Unisporthalle führte, dann könnte ich den Kyoto Tower sehen. Dann könnte ich die Stadt im Nieselregen leuchten sehen.

Ich bin müde, es ist Nacht, wir haben Ponyo gesehen. L. mag mich nicht, ich hoffe sie hasst es nicht, dass ich auch bei den Ghibli-Filmabenden mitmachen will. Ich hoffe, sie wird mit mir leben können, denn ich finde sie eigentlich ganz nett. Ich hoffe ich löse in ihr keine Panik aus, denn ich weiß wie schrecklich das ist.

Leichter Nieselregen klinkt auf das Blechdach unter mir. Als ich mich beim Zähneputzen im Spiegel anblickte, bemerkte ich für einen schrecklichen Augenblick meine Existenz, vergaß ich für eine schreckliche Sekunde, wer ich war und verwechselte es mit dem, was ich glaube sein zu müssen, auf dass ich niemals wieder erlebe, was ich früher erlebte.

Lichter der Stadt, die ich von hier nicht sehen kann - bin ich zu laut? Reden sie hinter meinem Rücken? Und wenn dem so sei: wird es dafür sorgen, dass sie mich verachten? Was, wenn ich eines Morgens aufwache und mich niemand mehr wahrnehmen will?
Aber ich wurde eingeladen, zu einer Dragshow mitzukommen, es kann nicht sein, dass ich alleine enden werde. Nein, das wird nicht passieren. Ich bin okay.

Ich bin okay.

Ich werde natürlich nicht hingehen, ich will nicht wirken, als wollte ich L. ihren Raum stehlen, als wollte ich sie triggern, um sie zu brechen. Denkt sie das, wer weiß? Ich sollte keine Vermutungen über andere anstellen. Sie sind meistens nicht fair und immer nicht hilfreich. Dinge sind so, wie sie sind und ich respektiere die Dinge, wie sie kommen, denn ich bin ich und muss nicht werden, was ich einst war. Ich werde nicht wieder anfangen mich in schwarz und weiß zu denken, wenn ich doch erst seit kurzem Farben sehen kann, ohne Angst vor ihrer Buntheit zu haben. Ich brauche den ruhigen Komfort eines unterkomplexen Bildes meines Soziallebens nicht mehr. Ich darf Graustufen und rot und grün und gelb sehen. Ich darf beim Ghibli-Filmabend dabeisitzen.

Nun, ich hoffe sie weiß, dass sie mit mir über das reden kann, was sie an mir stört. Ich will schließlich, dass wir beide die letzten zwei Monate eine gute Zeit hier haben. Ich spielte auch Minecraft, sollte ich L. das erzählen? Würde es mich retten? Vielleicht sollten wir mal wieder zusammen eine Runde spielen (Minecraft Party angesagt, erinnerst du* dich noch?)
(Ich vermisse dich* hier so sehr.)

Humidität und Hitze vernebeln mein Gehirn. Die Regenzeit hat noch nicht einmal angefangen. Lichter der Stadt, die ich hinter der Unisporthalle nicht sehe, verschwommen ohne Brille. Ich war gestern auf einem Berg mit Freunden von Jeoteng aus dem Fotokurs und sah das Feuerwerksfestival. 花火 (Hanabi) - Feuerblumen.

Nebel um mein Gehirn, ich bin so müde, ich hoffe morgen wird wunderschön.

Ich hoffe morgen bin ich wieder ich.

There something inside you

It′s hard to explain
They′re talking about you boy
But you're still the same

- Nightcall; Kavinsky

(In dir ist etwas
Es ist schwer zu beschreiben
Sie reden über dich, Liebste
Aber du bist noch immer du

Und ich bin noch immer ich.)


In Liebe,
deine S.

Autorin / Autor: Seraphina W.