56,25 %

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Ben, 18 Jahre

56,25 % – exakt der Anteil der Mitschüler in der 5. Klasse auf der weiterführenden Schule, die aus meiner alten Grundschulklasse stammen. Von den 32 Schülern am Gymnasium kannte ich 18 Schüler bereits aus meiner alten Klasse. Nun mache ich dieses Jahr Abitur und es verbleibt genau eine Mitschülerin aus der Grundschulklasse. Alle anderen wurden von der Zeit, Schulwechsel oder Gefängnisbesuchen eingeholt. Von all diesen Personen kenne ich bestimmt nicht mehr alle und diese auch nicht mehr mich. Doch wir kannten uns einmal – egal wie nah wir uns standen. Sie haben Erinnerungen und gemeinsame Momente hinterlassen, die sowohl mich als auch sie in unserem Leben geprägt haben und immer prägen werden.

Ich kann mich noch an einen Mitschüler und Freund erinnern, mit dem ich in der Grundschule in den Pausen die Logos von allen Vereinen der Bundesliga gezeichnet habe, obwohl ich künstlerisch schon immer nicht der Begabteste war. Unsere Sammlung wurde zerstört. Einfach gesagt, könnte ich schreiben, dass er alle Blätter in einer Pause zerrissen hat. Verschwiegen wurde jedoch, dass ich ihn im Sportunterricht vor jener Pause beim Handballspiel provoziert habe und wir uns gestritten haben.

Ein weiterer Moment schwirrt mir durch den Kopf, in dem ich in der 7. Klasse zum ersten Mal „Hurensohn“ zu einem Mitschüler gesagt habe, obwohl ich doch immer der Musterschüler war. Einfach gesagt, könnte ich schreiben, dass ich einem Mitschüler „Du Hurensohn“ ins Gesicht gesagt habe. Verschwiegen wurde jedoch, dass ich zuvor von jenem Mitschüler so provoziert wurde, dass ich vor Wut rot wurde und die Emotion noch nie so wahrgenommen habe wie zu dem Zeitpunkt.

In Gedanken bleibt auch der Mathelehrer der 8. Klasse, der unsere Klasse durch seine Notenvergabe halbiert hat. „Sitzengeblieben“ hieß es am Ende des Jahres für viele, die ich seit der Grundschule gekannt habe. Einfach gesagt, könnte ich schreiben, dass der Mathelehrer nicht das Potenzial der Jugendlichen gesehen hat. Verschwiegen wurde jedoch, dass er bei zwei Mädchen gnädig war. Diese hat er vor dem Sitzenbleiben gerettet, obwohl die Noten in den Klausuren als Begründung vollkommen gerechtfertigt wären. Heute haben beide von ihnen einen Zeugnisschnitt von 1,3.

Aus erster Hand weiß ich, dass einer der 56,25 % für eine Zeit lang ins Gefängnis musste, nachdem die unzähligen Sozialstunden nicht geholfen haben. Kreditkartenbetrug, Schwere Körperverletzung, Nötigung sind nur Teile der Anklageschrift. Einfach gesagt, könnte ich schreiben, dass es ein Asozialer ist. Verschwiegen wurde jedoch, dass er in seiner Kindheit einen Missbrauch erlebt hat und noch weitere familiäre Probleme hatte.

Wir alle haben am gleichen Punkt gestartet, wenn auch mit anderen Startbedingungen. Acht Jahre später ist jeder von den 56,25 % an einem anderen Punkt auf dem Weg des Lebens angekommen. Und genau das macht unser Sein auf der Erde zum echten Leben. Denn man darf es nicht vergessen: Hinter den mathematischen 56,25 % stecken echte Menschen, die auch zum ersten Mal leben.

Autorin / Autor: Ben