Social Media-Verbot - Ja oder nein?

Was Jugendliche sich wirklich wünschen, hat UNICEF in einer repräsentativen Umfrage herausgefunden

© UNICEF/UNI818518/Sachse-Grimm

In der Verbots-Debatte über Soziale Medien kommen oft diejenigen kaum zu Wort, um die es vorrangig geht: Kinder und Jugendliche selbst. Dabei haben sie eine differenzierte Meinung zu Risiken und Nutzen der sozialen Medien, wie eine repräsentative Befragung von über 1.000 Jugendlichen zwischen 14 bis 16 Jahren für UNICEF Deutschland zeigt. Sie lehnen Verbote für ihre Altersgruppe mehrheitlich als nicht sinnvoll ab – und fordern stattdessen besseren Schutz auf den digitalen Plattformen.

„Die Jugendlichen sagen uns: Verbote allein bringen gar nichts. Was sie brauchen und sich wünschen, ist ein digitaler Raum, der sicher und altersgerecht ist. Die Anbieter der Plattformen müssen Verantwortung übernehmen – mit automatischen Schutzeinstellungen, konsequenter Inhaltsmoderation und echten Schutzmechanismen. Politik und Plattformbetreiber müssen sichere digitale Umgebungen schaffen mit wirksamen, kindgerechten Standards, die das Recht junger Menschen auf Schutz und Teilhabe gleichermaßen sichern", sagt Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland.

Die Umfrage ergibt folgendes Bild: insgesamt finden 38 Prozent, dass die Vorteile überwiegen, für 46 Prozent halten sich Vor- und Nachteile die Waage und 16 Prozent denken, dass soziale Medien überwiegend Nachteile haben.

Positiv wird vor allem die soziale Verbindung hervorgehoben: 82 Prozent nutzen soziale Medien, um mit Freund:innen oder anderen ihnen wichtigen Menschen in Kontakt zu bleiben. 74 Prozent bekommen dort neue Ideen oder Inspiration. Gleichzeitig benennen die Jugendlichen auch klar die negativen Seiten: 74 Prozent verlieren auf den Plattformen häufig das Gefühl für die Zeit. Als größte Risiken nennen sie Mobbing, Hass und Beleidigungen, zu langes Scrollen, ohne aufhören zu können, sowie Falschinformationen und Fake News. Für 40 Prozent der Mädchen ist der Druck, wegen des Aussehens mithalten zu müssen, das größte Problem (bei Jungen sind es 19 Prozent). Jungen nehmen dafür Gewaltvideos häufiger als Mädchen als Gefahr wahr.

Verbote für unter 16-Jährige werden abgelehnt – für unter 14-Jährige aber befürwortet

Trotz der Risiken, die Jugendliche in sozialen Medien sehen, lehnen sie pauschale Verbote für ihre Altersgruppe mehrheitlich ab: Nur ein Viertel hält ein Verbot sozialer Medien für unter 16-Jährige für sinnvoll. Einer Altersgrenze für unter 14-Jährige stimmen dagegen 55 Prozent der befragten Jugendlichen zu.

Ein 16-Jähriger sagt: „Ich würde es eher nicht sinnvoll finden, Social Media für Kinder und Jugendliche zu verbieten, da wir auf diesen Plattformen unsere Kontakte pflegen und für uns persönlich wichtige Dinge tun. Sinnvoll fände ich, wenn nicht die Jugendlichen Verbote bekommen, sondern die Plattformen höhere Sicherheitsmaßnahmen haben würden. Auch das Checken und die Funktion von Blockierungen und Meldungen einzelner Nutzer bei Fehlverhalten sollte eher ausgearbeitet werden, als den Jugendlichen diesen Teil ihres Lebens so plötzlich zu entreißen.“

Verbote halten die Jugendlichen insgesamt für wenig wirksam, denn sie glauben, dass es einfach sei, Wege zu finden, die gesetzlichen Altersgrenzen zu umgehen – etwa über geteilte Geräte oder den Wechsel zu weniger regulierten Plattformen. Fast niemand glaubt, dass eine Altersgrenze allein Jugendliche zuverlässig vom Zugang abhalten würde.

Jugendliche wünschen sich mehr Schutz

42 Prozent sehen vor allem die Plattformen in der Verantwortung. 25 Prozent sagen, es sei eine gemeinsame Aufgabe – einschließlich der Jugendlichen selbst. Nur 15 Prozent sehen den Staat bzw. die Politik in erster Linie in der Verantwortung, 11 Prozent die Eltern.

Konkret sprechen sich sehr viele für bessere Inhaltsfilter und die schnelle Löschung ungeeigneter Inhalte aus. Standardmäßig aktivierte Schutzeinstellungen – wie private Profile und eingeschränkter Kontakt durch Fremde – befürworten 80 Prozent.

Eine 14-Jährige sagt: „Ich finde es sinnvoll, wenn die Inhalte (also Videos und Fotos, welche gepostet werden) auf Social Media strenger kontrolliert werden, damit keine oder wenigstens weniger Fake News, Deep Fakes, Inhalte mit Gewalt, verstörende Inhalte, etc. gezeigt werden. Auch der Schutz für Jugendliche und Kinder soll besser werden, damit Fälle wie Cybermobbing und Cybergrooming nicht mehr vorkommen.“

Eine 15-jährige findet zum Beispiel Einschränkungen für übergriffige Erwachsene sinnvoll: „Ich fände es wichtig, dass Jugendliche im Umgang mit Social Media unterstützt und nicht verurteilt werden. Außerdem sollten Leute, die sich auf Social Media übergriffig verhalten, dauerhaft keinen Zugang mehr haben, also zum Beispiel Erwachsene, die Minderjährige sexuell anschreiben.“

UNICEF Deutschland empfiehlt darum, Kinder und Jugendliche sollten als Expert:innen ihrer eigenen Lebenswelt einbezogen werden, denn sie kennen ihre digitale Lebenswelt aus erster Hand. Ihre Perspektiven und Erfahrungen sollten systematisch in politische Entscheidungsprozesse einfließen.
Medienbildung sollte verbindlich und fächerübergreifend in allen Bildungseinrichtungen verankert werden – unterstützt durch moderne Lernumgebungen sowie gezielte Qualifizierungsangebote für pädagogisches Personal. Nur wer selbst sicher im digitalen Raum navigieren kann, ist in der Lage, Kinder und Jugendliche angemessen zu begleiten.

Sicherheit für Kinder sollte von Beginn an auch in die Produktentwicklung der Technologieunternehmen einfließen. Dazu gehören wirksame Inhaltsfilter, die schnelle Entfernung schädlicher Inhalte sowie standardmäßig aktivierte Schutzeinstellungen. Altersbeschränkungen können ein sinnvoller Baustein sein – müssen aber durch technische Schutzmaßnahmen wie zum Beispiel Jugendschutzfilter, Werbe- und Standortbegrenzung, sichere Kontakte sowie niedrigschwellige Melde- und Notfallwege ergänzt werden.

Kinder und Jugendliche, die online Gewalt, Mobbing, sexualisierte Gewalt oder Desinformation erleben, brauchen verlässliche Anlaufstellen, fordert UNICEF. Verbindliche Hilfs- und Unterstützungsangebote zu Online-Risiken sollten geschaffen und ausgebaut werden sowie mit der Sozialarbeit, der Kinder- und Jugendhilfe sowie im Bereich der mentalen Gesundheitsversorgung verknüpft werden.

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Autorin / Autor: Redaktion  / Pressemitteilung - Stand: 19. Mai 2025