Wenn alle auch noch zuschauen
Zwei Drittel der jungen Menschen haben digitale sexualisierte Gewalt, sexuelle Beleidigungen oder Belästigung erlebt
Große Demonstrationen haben das Thema sexualisierte Gewalt - besonders im Netz - in den letzten Wochen auf die Straßen und in die Öffentlichkeit gebracht - und das ist gut so, denn nicht erst seit den Vorfällen um Collien Fernandes, die ihrem Ex-Mann Christian Ulmen vorwirft, Fake-Profile mit pornografischen Inhalten über sie erstellt zu haben, wissen wir: Gewalt gegen Frauen ist ein widerlicher Bestandteil des Alltags von Frauen, der trotz eigentlich gestiegenen Bewusstseins weiter zunimmt.
Auch viele junge Menschen in Deutschland machen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt: Rund zwei Drittel der 5.855 befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben zumindest schonmal sexualisierte Gewalt ohne Körperkontakt erlebt, und knapp ein Drittel körperliche sexualisierte Gewalt. Das zeigt eine aktuelle Sonderauswertung der 10. Welle der Jugendsexualitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG).
Zu den Formen ohne Körperkontakt zählen z. B. das gezielte Anbahnen sexueller Kontakte mit Minderjährigen im Internet (Cybergrooming), sexualisierte Beleidigungen oder das Zusenden von Nacktaufnahmen oder pornografischen Bildern und Filmen. Fast jede vierte Person hat schonmal intime Fotos bzw. Videos gegen ihren Willen erhalten oder wurde dazu aufgefordert, solches Material zu schicken.
Sexualisierte Gewalt im Beisein von anderen Personen
Zu den körperlichen Übergriffen zählen ungewollte bzw. erzwungene körperliche Berührungen oder sexuelle Handlungen. Jungen Frauen wird sexualisierte Gewalt doppelt so häufig angetan wie jungen Männern. Bei den Gewalt ausübenden Personen handelt es sich übrigens häufiger um Jugendliche (45 %) als um Erwachsene (34 %) und 71 Prozent der Täter:innen sind männlich.
Geschieht eine solche Tat, sind nicht selten andere Gleichaltrige dabei oder wissen davon. Diese nennt die Wissenschaft Bystander, das heißt, sie sind in der Situation anwesend, mitwissend oder werden später von anderen Gleichaltrigen ins Vertrauen gezogen. 38 Prozent der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben schon einmal mitbekommen, dass andere Personen zu sexuellen Handlungen gedrängt oder gezwungen wurden. Etwa ein Drittel der ersten Gewalterfahrungen mit Körperkontakt geschah im Beisein bzw. mit Kenntnis von Dritten.
Deshalb empfehlen die Forschenden, dass Präventionsmaßnahmen gegen sexualisierte Gewalt sowohl die Perspektive der Betroffenen, der Täter:innen als auch derjenigen berücksichtigen sollten, die bei Übergriffen dabei sind oder davon erfahren.
Mechthild Paul, Abteilungsleiterin Sexualaufklärung, Verhütung, Familienplanung und stellvertretende Leiterin des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit: „Unsere Jugendsexualitätsstudie zeigt sehr klar: Viele junge Menschen erleben sexualisierte Gewalt unter Gleichaltrigen, online genauso wie offline. Deshalb ist es wichtig, dass sie lernen, Übergriffe zu erkennen und klar zu benennen. Gleichzeitig müssen wir sie darin bestärken, in riskanten Situationen sich und andere zu schützen sowie Betroffenen zur Seite zu stehen. Dafür brauchen junge Menschen sexuelle Bildung in Schule und Elternhaus sowie kompetente Ansprechpersonen in ihrem direkten Lebensumfeld. Mit dem Gesetz zur Stärkung der Strukturen gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen hat das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit seit Anfang 2026 den gesetzlichen Auftrag, Prävention und Schutz bundesweit auszubauen. Daran arbeiten wir jetzt: Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse werden wir zielgruppenspezifische Maßnahmen zur Prävention sexualisierter Gewalt entwickeln, die an den Lebensrealitäten der jungen Menschen ansetzen.“
Hilfsangebot für betroffene Personen von sexualisierter Gewalt, Angehörige, Fachkräfte und alle Interessierten:
Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch (0800 22 55 530)
Quelle
Was Tun gegen sexualisierte Gewalt?
Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: 31. März 2026