Grenzen des Multitasking
Studie zeigt: Selbst mit viel Training gelingt es dem menschlichen Gehirn nicht wirklich, zwei Aufgaben parallel durchzuführen.
Wer wünscht sich nicht, mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen zu können? Multitasking gilt in unserer Zeit geradezu als Schlüsselqualifikation, weil erwartet wird, dass man 1.000 Sachen gleichzeitig im Blick hat und idealerweise auch gleichzeitig erledigt. Tatsächlich ist Multitasking eher ein Mythos. Das menschliche Gehirn ist dafür einfach nicht gemacht. Das zeigt auch eine aktuelle Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), der FernUniversität in Hagen und der Hamburg Medical School, in der Forschende untersucht hatten, ob sich Multitasking irgendwie trainieren lässt. Das ernüchternde Ergebnis: Selbst mit viel Training gelingt es dem menschlichen Gehirn nicht wirklich, zwei Aufgaben parallel durchzuführen. Wenn wir etwas ewig einüben, mag es vielleicht halbwegs klappen, bei kleinsten Abweichungen von der antrainierten Routine ist aber wieder alles beim Alten.
In drei Experimenten untersuchten die Forschenden, wie Menschen zwei Aufgaben gleichzeitig bewältigen, die unterschiedliche Sinne ansprechen: Zum einen sollten sie mit der rechten Hand die Größe eines kurz eingeblendeten Kreises anzeigen und zum anderen sagen, ob ein gleichzeitig eingespielter Ton hoch, mittel oder tief ist. Dabei wurde gemessen, wie schnell die Teilnehmer:innen die Aufgaben absolvierten und wie viele Fehler sie dabei machten. Die Aufgaben wurden bis zu zwölf Tage lang wiederholt. Dabei zeigte sich: Je häufiger die Versuchspersonen den Test absolvierten, desto schneller gelang es ihnen, beide Aufgaben fehlerfrei zu lösen.
Auch in früheren Studien hatte es solche Ergebnisse gegeben. Es lag darum nahe, dass das Gehirn grundsätzlich multitasking-fähig ist, weil ausreichendes Training dafür sorgen kann, dass die schlechtere Leistung beim Bearbeiten von zwei Aufgaben fast vollständig verschwindet. „Dieses als Virtually Perfect Time Sharing bekannte Phänomen galt lange als Hinweis auf echte Parallelverarbeitung im Gehirn und als Nachweis dafür, dass unser Gehirn grenzenlos multitaskingfähig ist. Die Ergebnisse unserer Studie widersprechen dieser Annahme deutlich“, sagt der Psychologe Prof. Dr. Torsten Schubert von der MLU.
Kleinste Veränderungen ließen Fehlerquote steigen
Die Studie zeigt nämlich auch, dass Prozesse im Gehirn, die für die Lösung von Aufgaben gebraucht werden, weiterhin nicht vollständig parallel ablaufen. Und: Bereits kleinste Veränderungen an den Aufgaben sorgten dafür, dass die Fehlerquote stieg und die Versuchsteilnehmer:innen wieder länger brauchten, um die Aufgaben zu lösen. „Unser Gehirn ist sehr geschickt darin, Prozesse hintereinander zu reihen, sodass sie sich nicht mehr stören. Allerdings hat diese Optimierung ihre Grenzen. In besonders herausfordernden Situationen ermüdet unser kognitiver Apparat daher sehr schnell und wird fehleranfällig“, so Schubert weiter.
Die Studie liefert auch wichtige Erkenntnisse für die Sicherheitsforschung. „Unsere Ergebnisse zeigen, warum Multitasking im Alltag trotz Routine oft riskant sein kann, zum Beispiel beim Autofahren und gleichzeitigen Telefonieren. Das ist auch für Berufe mit komplexen Tätigkeiten relevant, bei denen mehrere Aufgaben parallel erledigt werden müssen, zum Beispiel Fluglotsen oder Simultanübersetzer“, so Prof. Dr. Tilo Strobach von der Medical School Hamburg.
Wundert euch also nicht, wenn ihr es einfach nicht schafft, beim Puzzlen Vokabeln zu lernen oder beim Einkaufen im Supermarkt mit jemandem zu telefonieren. Das Gehirn ist dafür nicht gemacht.
Die Studie erschien im „Quarterly Journal of Experimental Psychology“.
Quelle
Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: 17. März 2026