Distanzen

Wettbewerbsbeitrag von Valerie B., 15 Jahre

Die Nacht war kalt und voller Schatten, und die junge Frau auf der Bank in dem kleinen Park vor dem Krankenhaus zitterte.
„Du solltest reinkommen“, ertönte eine Stimme hinter ihr. Es war ein Mann, der gesprochen hatte; ein wenig älter als sie. Er trug eine dicke Winterjacke, schauderte aber dennoch im Wind. „Ich will ihn nicht sehen“, sagte die Frau, selbst ihre Worte waren mit Gänsehaut überzogen.
Der Mann setzte sich neben sie. „Du hast eine 2 Stunden lange Fahrt auf dich genommen, um hierherzukommen, und jetzt willst du die letzten 100 Meter nicht gehen?“ Ein Moment Stille. „Er würde es tun, weißt du? Wenn er könnte, würde er die letzten Meter zu dir gehen. Er fragt ständig, wo du bleibst.” „Er hat zu lange gewartet“, meinte sie müde. „Ich habe ihm nichts zu sagen.“ „Du hast zu viel zu ihm zu sagen, glaube ich“, sagte der Mann, erschöpft klingend. Der Mond kam hinter einer Wolke hervor; die Gesichter der beiden Menschen auf der Bank waren fast identisch im silbernen Licht. „Ich habe nichts Nettes zu ihm zu sagen“, korrigierte sich die junge Frau. „Nichts, was man einem Sterbenden sagen sollte.“ „Dann hör ihm nur zu“, bat der Mann. „5 Minuten, mehr verlange ich nicht von dir.” Sie schüttelte den Kopf. Ihre Hände tasteten nach einem Taschentuch in ihrer Jacke. „Ich bin nicht seine Tochter. Das hat er selbst beschlossen.“ Der Mann legte eine Hand auf ihre Schulter. „Er hat gefragt, ob Melanie mit dir kommt“, sagte er leise. Die Frau sah hinab auf ihren Ring.
In der Ferne läuteten Kirchenglocken Mitternacht ein. „Er hatte 5 Jahre lang Zeit, sie kennenzulernen, und er hat sich geweigert.“ Sie schaute dem Mann an ihrer Seite ins Gesicht. „Er kann nicht erwarten, dass ich ihm alles vergebe, nur weil er im Sterben liegt.“ Ihre Augen waren blau wie Wasser; ihre Stimme voll mit allen möglichen Farben. Der Mann schwieg, stand dann auf. „Ich weiß nicht, ob er es bereut“, sagte er. „Ich weiß nicht, ob er seine Denkweise geändert hat. Aber ich weiß, dass er seine Tochter vermisst – schon seit langem, und dass er es jetzt endlich zugibt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich kann dir nicht sagen, ob du es morgen bereuen wirst, hier draußen geblieben zu sein; oder ob du ihn noch mehr hassen wirst, falls du jetzt mit mir reinkämest.“ Ein kurzes, schweres Seufzen. „Solche Dinge sind kompliziert. Ihr habt beide 100mal behauptet, einander nichts zu bedeuten, und jetzt will er seine letzten Minuten mit dir verbringen und du bist hier, mitten in der Nacht, obwohl du es ihm nicht schuldest und er es nicht verdient.” Er ging ein paar Schritte, drehte sich dann noch ein letztes Mal um. „Die Ärzte sagen, noch höchstens 2 Stunden.“ Dann lief er, bis er in das große, weiße Gebäude treten konnte; 40 Meter, vielleicht auch mehr. Ihr kam die Strecke länger vor. Unüberwindbar. Sie stand auf. 30 Meter bis zum Parkplatz, 40 Meter bis zum Krankenhauseingang. Sie atmete die kalte Nachtluft ein und lief los.

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Am 27. November 2022 fand die Lesung zum Schreibwettbewerb VERWANDELBAR statt, bei der fünf der Gewinner:innen ihre wunderbaren Texte präsentierten. Moderiert wurde die Lesung durch den Autor Manfred Theisen, der auch Mitglied der Jury war.

Autorin / Autor: Valerie B., 15 Jahre