Zeit verschwenden oder spenden?
Wer "Zeit-ist-Geld" denkt, genießt seine Freizeit weniger
Time is money - das ist das Credo unserer Zeit. Alles muss schneller gehen. Die Kinder sollen früher in die Schule, sie sollen schneller ihren Abschluss machen, damit sie noch schneller studieren oder arbeiten gehen können. Bloß keine Zeit verlieren, denn sie kostet!
Wer aber ständig denkt, dass Zeit Geld ist, kann seine freie Zeit nicht mehr richtig genießen und neigt dazu, sie als "verschwendet" zu empfinden. Das meinen zumindest WissenschaftlerInnen der University of Toronto. Sie haben in Experimenten mit mehreren Hundert Freiwilligen herausgefunden, dass das unbewusste Preisetikettieren der Zeit zu Ungeduld und dem ständigen Gefühl führt, Geld aus dem Fenster zu werfen, wenn man gerade mal nicht arbeitet oder an der Zukunft feilt.
Die These der ForscherInnen: wer sich ständig Gedanken darüber macht, wie "kostbar" Zeit ist, kann sie nicht wirklich genießen und ist infolgedessen nicht glücklich. Diese These bestätigte sich in den Experimenten deutlich.
In ihren Versuchen sollten die ProbandInnen ausrechnen, wieviel Geld sie in Zukunft jährlich verdienen werden und daraus einen angenommenen Stundenlohn ermitteln. Andere Testpersonen mussten an Zahlenkolonnen herumrechnen ohne Bezug zur ihrer Person und ihrem Einkommen. Außerdem wurde der Glücks-Level der Testpersonen per Fragebogen ermittelt und zwar vor dem Experiment und nach einer kurzen Freizeitphase, in der die Testpersonen entweder mal Musik hören, mal nach Belieben im Internet surfen durften.
Testpersonen, die zuvor minutiös ihren potentiellen Stundenlohn errechnet hatten, taten sich schwer mit Musikhör- oder Surfpausen. Sie waren ungeduldiger und unglücklicher mit der Situation als Testpersonen, die nur irgendeine belanglose Rechenarbeit hatten verrichten müssen. Das Gefühl, Zeit zu verschwenden, schien sich unter ihnen besonders breit gemacht zu haben. In einem der Experimente wurden die Stundenlohnrechner aber für das Hören der Musik finanziell entschädigt, und schon waren sie weniger unzufrieden und weniger ungeduldig.
Für die ForscherInnen zeigen die Experimente, dass das "Zeit-ist-Geld"-Denken dazu führt, dass Dinge, die einem eigentlich Spaß machen, nicht mehr richtig genossen werden können.
Auch wenn gegen den unbewussten Zeit-Optimierungsdrang noch kein Kraut gewachen ist, sollten sich die Menschen vor Augen halten, was das Denken in materiellen Kategorien mit unserer schönen Freizeit anstellen kann. Vielleicht können sie sich dann die Fähigkeit bewahren, schöne Dinge wieder besser und mit allen Sinnen zu genießen.
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Autorin / Autor: Redaktion - Stand: 7. Februar 2012