Alle zusammen gegen Hass

Studie zeigt, dass vor allem kollektiver Widerstand gegen Hassrede die toxische Wirkung mildert - nur Widerspruch von Einzelnen ist zu wenig

Hatespeech, rassistische und sexistische Anfeindungen begegnen uns inzwischen fast überall: im Netz, auf der Straße, in der Bahn und manchmal sogar bei einer Party, die eigentlich ganz nett begonnen hatte. Leider bleiben solche Äußerungen von unbeteiligten Zuhörenden häufig unwidersprochen. Welche Bedeutung haben die Reaktionen von Umstehenden auf solche Angriffe für die Bildung sozialer Normen? Dieser Frage gingen nun Forschende der Ludwig-Maximilians-Universität München auf den Grund und sie widersprechen bisherigen Annahmen.

Die in der Fachzeitschrift Humanities & Social Sciences Communications veröffentlichte Studie wirft Zweifel an der gängigen Hypothese auf, dass es ausreiche, wenn nur eine einzelne Person dem Hass widerspreche. „Es ist wichtig, die Reaktionen von Unbeteiligten auf der Gruppenebene und nicht individuell zu untersuchen“, sagt Dr. Jimena Zapata, Hauptautorin der Studie. „Eine kollektive Reaktion, insbesondere eine einstimmige, spielt eine entscheidende Rolle bei der Bildung gesellschaftlicher Normen, wie auf Hassreden zu reagieren ist, indem sie entweder eine billigende (durch Schweigen oder Gleichgültigkeit) oder eine ablehnende soziale Norm (durch Widerstand) zum Ausdruck bringt.“ Das sei besonders wichtig, da die Meldung und Erfassung von Hassverbrechen in den meisten Alltagssituationen davon abhänge, wie Opfer und Umstehende die Situation wahrnehmen.

Aktiv gegen Hassrede vorgehen

Für ihre Studie führten die Wissenschaftler:innen Online-Experimente durch, in denen die Teilnehmenden mit unterschiedlichen Schaubildern konfrontiert wurden. Einige Bilder bildeten Vorfälle von Hassrede im Beisein unbeteiligter Personen ab, die nicht darauf reagierten, andere Bilder zeigten, wie die  unbeteiligten Personen ihren Widerstand dagegen zum Ausdruck brachten. Dabei stellte sich heraus, dass es einen Unterschied machte, ob Umstehende schwiegen oder eingriffen: Die Reaktionen beeinflussten den wahrgenommenen Schaden, der durch die Hassreden entstand.
Die Reaktion eines einzelnen Zuschauers hingegen hatte kaum einen Einfluss. Außerdem konnten sie zeigen, dass die schadensmindernde Wirksamkeit des Widerstands von Unbeteiligten davon abhängt, wie stark dieser ausfällt: Nur wenn einstimmig eine soziale Missbilligung signalisiert wird, kommt das als hilfreich an, um durch den verursachten Schaden zu verringern.

Laut den Autor:innen ist es also notwendig, die vorherrschende passive Haltung gegenüber Hatespeech zu überwinden. Sie betonen, wie wichtig kollektiver Widerstand von Unbeteiligten bei Hassredenvorfällen sei. „Die Implikationen unserer Forschung gehen über den akademischen Bereich hinaus und haben Auswirkungen auf die öffentliche Politik, die Moralphilosophie und den breiteren gesellschaftlichen Diskurs über Hatespeech“, so Zapata. Die Ergebnisse zeigten, wie wichtig Maßnahmen seien, die das öffentliche Engagement gegen Hassreden fördern. Man müsse auch die weit verbreiteten sozialen Normen in Frage stellen, die das Schweigen angesichts von Diskriminierung aufrechterhalten. „Eine zentrale Erkenntnis unserer Arbeit ist, dass unbeteiligte Zeugen bei der Gestaltung gesellschaftlicher Normen gegen Hassrede eine große Rolle spielen.“

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 12. März 2024