Demokratie in Gefahr?
Studie: Rechtsextreme Einstellungen nehmen zu
Jeder zehnte Deutsche wünscht sich einen "Führer, der Deutschland zum Wohl aller mit starker Hand regiert!" Jeder fünfte Deutsche glaubt, "die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen". Solche erschütternden Schlagzeilen sind heute in allen Medien zu lesen, Anlass ist eine aktuelle von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebene Studie, die seit 2002 alle zwei Jahre Erhebungen zu demokratischem Verständnis und rechtsextremen Einstellungen durchführt.
Die Studienautoren hatten in der aktuellen Befragung die "sechs Dimensionen der rechtsextremen Einstellungen" ins Visier genommen: Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus (z.B. "Eigentlich sind die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen") und die Verharmlosung des Nationalsozialismus. Für die Studie wurden 2411 Menschen in Deutschland befragt.
Unwertes Leben?
Während die Autoren der Studie im Jahr 2006 einen Rückgang der rechtsextremen Einstellung verzeichnen konnten, mussten sie 2010 feststellen, dass die Zustimmung in den meisten Dimensionen angestiegen ist. Jeder Vierte wünscht sich nun "EINE starke Partei", mehr als jeder Zehnte wünscht sich gar einen "Führer", etwa jeder Zehnte hält die Diktatur für "die bessere Staatsform". Über 30% der Deutschen glauben, dass "Ausländer kommen, um den Sozialstaat auszunutzen" oder dass Deutschland "durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet" werde. Deutlich mehr als jeder Zehnte meint, die Deutschen seien „anderen Völkern von Natur aus überlegen“, ebenso viele Stimmen der Aussage zu, es gebe „wertvolles und unwertes Leben“.
Kaum Unterschiede zwischen Männern und Frauen, Ost und West
Frauen zeigten in den Befragungen tendenziell weniger Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen, aber der Unterschied ist insgesamt nicht statistisch relevant. Größere Unterschiede gab es hingegen wie in den Vorjahren beim Vergleich der verschiedenen Alters- und Bildungsgruppen: über 60-Jährige stimmen rechtsextremen Aussagen erheblich häufiger zu als die Gruppen der jüngeren. Personen mit niedrigerem Bildungsgrad (kein Abitur) zeigten häufiger eine rechtsextreme Einstellung als Personen mit einem Bildungsabschluss (mindestens Abitur). Im Ost-West-Vergleich offenbarten sich geringere Unterschiede als in anderern Untersuchugnen unterstellt wird. Allein die höhere Zustimmung Ostdeutscher zu Ausländerfeindlichkeit, Sozialdarwinismus und Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur war statistisch signifikant. Dafür stimmten Westdeutsche eher antisemitsichen Aussagen zu oder Phrasen, die den Nationalsozialismus verharmlosten.
Demokratie in Gefahr
Die Studienautoren warnten, dass die Befragung einen Demokratie gefährdenden Trend aufzeige. Demokratie sei "kein Sockel, der – einmal erreicht – langfristig stabil" bleibe. Die wichtigste Voraussetzung zur Teilhabe am demokratischen Prozess sei Bildung.
Zudem müsse Demokratie und Teilhabe für die Menschen im Alltag stärker erfahrbar werden und zwar von Kindesbeinen an. Die Medien, auch die öffentlich-rechtlichen, mahnten sie zur Selbstverpflichtung auf nichtdiskriminierende Berichterstattung und von der Politik forderten sie, Entscheidungen nicht ständig wirtschaftlichen Zielen zu unterwerfen - dies verstärke einen autoritären Kreislauf.
Die Studie im Netz
Autorin / Autor: Redaktion - Stand: 13. Oktober 2010