Verräterische Fingerlänge
Neue Erkenntnisse beleben vorsintflutliche Klischees
Derzeit liegt es offenbar im Trend, Verhaltensweisen, Begabungen und Persönlichkeitsstrukturen an der Länge der Finger abzulesen. Vor allem das Längenverhältnis zwischen dem Ring- und dem Zeigefinger gilt derzeit als Anzeiger für eine ganze Reihe von typischen Verhaltenweisen, vor allem solchen die typisch "männlich" sind oder eben nicht. Hintergrund der kuriosen Fingervermessung ist die Beobachtung, dass Embryos, die im Mutterleib mehr männlichen Hormonen ausgesetzt waren, offenbar zu einem kurzen Zeigefinger und einem längeren Ringfinger neigen. Hohe, pränatale Dosen männlicher Hormone sollen aber außerdem mit einer dominanteren, zu Aggressionen neigenden Persönlichkeit einhergehen.
Langer Ringfinger für Ehering nicht geeignet
Dominante Charaktere haben es leichter in Gesellschaften, in denen es - vor allem in der Partnerwahl - schwer konkurrent zugeht und feste, monogame Paarbindungen eher die Ausnahme sind. Das ist im Tierreich gut zu beobachten. Bei Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans liegt der lange Ringfinger und der kurze Zeigefinger darum vorn, schließlich haben nur die dominanten Tiere eine Chance auf Sex und damit auf Nachwuchs. Beim Menschen hingegen variieren diese Längenverhältnisse stark - ebenso wie die Partnerschaftsmodelle. Die Forscherin Emma Nelson von der University of Liverpool's School of Archaeology glaubt, dass auch beim Menschen das Fingerlängenverhältnis Rückschlüsse auf die Sozialstrukturen zulässt. Sie nahm darum mit ihrem Team fossile Fingerknochen von bereits ausgestorbenen Vorfahren der Menschen unter's Maßband. Die frühen Spezies hatten - ähnlich wie die heutigen Menschenaffen - kurze Zeigefinger, lange Ringfinger. Die Forscherin glaubt darum, diese hätten eher in wechselnden, konkurrierenden Partnerschaften gelebt. Dem jüngeren Australopithecus, der als echter Menschenvorfahre gilt, unterstellt sie aufgrund seines Fingerlängenverhältnisses hingegen eine eher monogame Lebensweise. Beim Neandertaler und auch beim frühen Homo sapiens sind die Ergebnisse weniger eindeutig. Die ForscherInnen glauben darum, sie hätten ebenfalls verschiedene Partnerschaftsmodelle gelebt, insgesamt aber eher zur Promiskuität geneigt als die heutigen Menschen. Möglicherweise könnte ihr also die Wahrscheinlichkeit, dass euer Partner euch treu bleibt am Längenverhältnis seiner Finger ablesen???
Langer Zeigefinger = Technikangst?
Auch andere Forscher haben die Bedeutsamkeit des Fingerlängenverhältnisses auf befremdliche Weise herausgestellt. ForscherInnen der University of Bath wollen nämlich herausgefunden haben, dass ein längerer Ringfinger mit besseren technischen Fähigkeiten einhergeht, während ein längerer Zeigefinger auf eine Ängstlichkeit gegenüber Technik und eine Neigung zu geisteswissenschaftlichen Fächern hindeutet. (Nebenbei bemerkt, ist der Zeigefinger bei Frauen in der Regel länger als der Ringfinger.) Zu diesen Ergebnnissen kamen die ForscherInnen indem sie das Fingerlängenverhältnis von InformatikstudentInnen untersuchten und dann mit dem von StudentInnen der Sozialwissenschaften verglichen. Unter den InformatikstudentInnen hatten die mit dem entsprechenden geringen Zeige-Ringfinger-Verhältnis auch die besseren Noten.
Jetzt fehlt nur noch, dass "bewiesen" wird, dass ein langer Zeigefinger schlechter einparkt, dafür aber besser kochen kann und schon sind wir zumindest gedanklich wieder ganz nah dran an unseren Vorfahren aus der Steinzeit ;-))).
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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung / eurekalert.org - Stand: 5. November 2010