Aischa und Yildiz politisch gut informiert!
Jugendliche mit Migrationshintergrund wissen genauso viel über Demokratie wie deutsche.
Wer immer noch glaubt, dass Jugendliche mit Eltern, die aus anderen Ländern in Deutschland eingewandert sind, politisch hinter´m Mond leben und keine Ahnung von der deutschen Gesellschaft haben, lebt wohl selbst hinter dem Mond. Wie eine aktuelle Studie der Universitäten Würzburg, Hamburg und Mannheim zeigt, wissen sie nämlich genauso gut Bescheid über die Demokratie wie deutsche. Die Migrationsdebatten in diesem Jahr haben ein Bild von MigrantInnen gezeichnet, dass offenbar wenig mit der Realität zu tun hatte. Ihnen wurde zum Beispiel vorgeworfen, dass sie selten dazu bereit seien, deutsche Normen und Gesetze zu akzeptieren. Und dass ihre Wertvorstellungen und Auffassungen von politischer Machtverteilung nicht vereinbar seien mit dem Grundgesetz. Eine Studie der Universitäten Würzburg, Hamburg und Mannheim bei über 1.500 Jugendlichen aus Bayern und Hamburg zeigt hingegen, dass Jugendliche mit einem Migrationshintergrund über demokratische Prozesse genauso gut Bescheid wissen wie Jugendliche deutscher Herkunft.
Der Test und die Ergebnisse
Für die Studie mussten die Jugendlichen einen Wissenstest mit Fragen rund um das Thema „Demokratie“ bearbeiten. Dabei ging es beispielsweise um die Häufigkeit von Bundestagswahlen, die gesetzgebenden Institutionen in Deutschland oder um Meinungs- und Religionsfreiheit. Für die Antworten gab es Punkte auf einer Skala von 0 (kein Wissen) bis 10 (hohes Wissen).
Auch türkische Jugendliche haben durchschnittliches Politikwissen
Jugendliche mit Migrationshintergrund erreichten auf dieser Skala einen Durchschnittswert von 6,2 Punkten, deutsche erreichten 6,3. Selbst Jugendliche mit türkischer Herkunft, die in der neuesten PISA-Studie besonders schlecht abschneiden, stehen ihren Altersgenossen im politischen Wissen in nichts nach. Sie erreichen bei dem Test einen Wert von 6,1, was statistisch gesehen ebenfalls dem allgemeinen Durchschnitt aller Jugendlichen entspricht.
Wo Jugendliche sich politisch informieren
Auf der Suche nach Erklärungen untersuchten die Wissenschaftler die Informationswege der Jugendlichen und stellten fest, dass neben dem Unterricht auch andere Quellen zur politischen Information genutzt werden. Hier zeigten sich allerdings Unterschiede je nach Herkunft. Während Jugendliche mit Migrationshintergrund zu 76 Prozent insbesondere das deutschsprachige Fernsehen einschalten, sind es bei deutschen Jugendlichen nur 65 Prozent. Auch das Internet als Informationsquelle ist bei Migrantenjugendlichen (49 Prozent) beliebter als bei deutschen Gleichaltrigen (27 Prozent). Demgegenüber lesen deutsche Jugendliche häufiger Tageszeitungen (40 gegenüber 35 Prozent).
Reinders sieht die Gründe dafür in der PISA-Studie festgestellten Unterschieden in der Lesekompetenz. „Wenn ich nicht so gut darin bin, deutsche Texte zu lesen, dann bieten sich das Fernsehen und kurzweiligere Internetseiten natürlich eher an als Zeitungen“, meint Reinders und ergänzt, dass gleichwohl die Feststellung wichtig sei, dass die Migrantenjugendlichen deutschsprachige Medien intensiv nutzten. Damit räumt die Untersuchung auch mit Klischees über Migranten auf, die angeblich nur Fernsehsender ihres Herkunftslandes einschalten beziehungsweise „heimatliche“ Zeitungen lesen.
Deutsche Politiker sind wenigen bekannt
Beim Bekanntheitsgrad deutscher Politiker wurden dann aber doch Unterschiede deutlich: So erkannten zwar 93,2 Prozent der deutschen Jugendlichen Angela Merkel auf einem Bild. Mit 82,2 Prozent waren es bei den Migrantenjugendlichen deutlich weniger. „Ich denke nicht, dass einige andere Politiker wissen wollen, wie unbekannt sie bei Jugendlichen sind“, sagt Reinders mit einem Augenzwinkern. Den zum Zeitpunkt der Befragung amtierenden Bundespräsidenten Horst Köhler erkannten nur fünf Prozent der deutschen und zwei Prozent der nicht-deutschen Jugendlichen. Insgesamt waren die Gesichter der erfragten Politiker deutschen Jugendlichen etwas vertrauter. Auch kennen deutsche Jugendliche im Schnitt 2,5 Parteien, während Jugendliche mit Migrationshintergrund im Schnitt nur 1,5 Parteien nennen konnten.
Alles in allem, resümiert Reinders, sei zwar das Wissen über Politikernamen und Parteien bei Migrantenjugendlichen geringer. Wie aber eine Demokratie funktioniert, wüssten alle Jugendlichen unabhängig von ihrer Herkunft in gleichem Maße.
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Autorin / Autor: Redaktion - Stand: 21. Dezember 2010