Wie grün sind H&M und Co.?

Kann Mode umwelt- und klimafreundlich sein oder ist das alles nur Greenwashing? Pia hat sich den neuesten Circular Fashion Index angesehen, der einen Überblick darüber gibt, wo europäische Modemarken schon auf dem Weg sind und wo es noch hapert

Bild: Kathi

Es gibt manche Dinge, die mich aufregen. Wenn ich zum Beispiel durch die Stadt laufe und an einem großen Modeladen vorbeikomme, über dessen halbe Wand ein Plakat gekleistert ist, auf dem etwas steht wie: „Wir sind so grün wie der Wald!“ Oder so ähnlich.
Klar, genau das ist jetzt kein Werbespruch, den irgendein Fast-Fashion-Label für sich beanspruchen würde, aber es ist doch auffällig, dass viele Modemarken seit einiger Zeit plötzlich nachhaltig und umsichtig wirken wollen. Kurz, seit das Thema publik und aktuell ist. Bei Werbung in diese Richtung denke ich oft, dass diese Firmen stattdessen auch gleich die Greenwashing-Waschmaschinen vor der Tür hätten stehen lassen können. Kauft denen das jemand ab? Ist die Strategie, die Leute durch die alleinige Wiederholung der Message zu überzeugen?
Oder tue ich allen unrecht? Vielleicht hat sich bei manchen ja tatsächlich etwas geändert. Vielleicht hat sich das Umweltbewusstsein durch Fridays for Future, die Erfahrung einer Krise und die immer deutlicher werdenden wissenschaftlichen Erkenntnisse ja tatsächlich geschärft.

Welche Modemarken sind dabei, ihre Produktion auf ein zirkuläres Modell umzustellen?

Genau wissen wollten das die Ersteller_innen des Circular Fashion Index 2022. Es geht darin um die Frage, welche der großen europäischen Modemarken am erfolgreichsten dabei sind, ihre Produktion auf ein zirkuläres Modell umzustellen – ein Modell also, das noch einen Schritt weitergeht als ökologische Produktion. Es geht hier darum, das meiste weiterzugeben, wiederzuverwerten und zu recyceln und überhaupt nur sehr wenig neu zu produzieren. Die Studie wurde erstellt von der internationalen Consulting-Firma Kearney, die eigentlich in der Unternehmensberatung tätig ist.
Bei dieser Information stutze ich kurz. Ich hätte erwartet, dass solche Statistiken eher von Umweltschutzorganisationen erstellt werden. Zumal Kearney zumindest auf seiner internationalen Website nicht so aussieht, als sei die Firma sonderlich auf Ökologie fixiert.
Wie dem auch sei, der Artikel über die Statistik stellt sich jedenfalls als sehr interessant heraus. Er beginnt mit einer Erklärung, warum gerade Zirkularität in der Modebranche so wichtig ist, wenn diese zukunftsfähig werden will.

Was getan wird. Was getan werden muss.

Viele Modemarken versuchen dem Bericht zufolge bereits, ihren ökologischen Fußabdruck durch unterschiedliche Initiativen zu verringern. Keine Plastiktüten an der Kasse. Bio-Baumwolle. Weniger giftige Chemikalien. All das sei richtig und wichtig – für die Umwelt, aber auch für das Weiterbestehen der Firmen an sich. Allerdings seien solche Maßnahmen wenig effektiv, wenn das Geschäftsmodell dabei so bleibe wie bisher. Neuproduktion wird immer Rohstoffe verbrauchen und CO2 freisetzen. Der Artikel beschreibt, dass durch ökologische Anstrengung erreichte Erfolge oft durch das kontinuierliche Wachstum der Marken zunichte gemacht werden.

Ich halte kurz inne und denke daran, dass das mit dem Wachstum ja das Konzept unserer gesamten Wirtschaft ist und versuche, mir die unglaublichen Mengen an CO2 vorzustellen, die dabei freigesetzt werden.

Spielt die Modeindustrie überhaupt eine Rolle?

Nicht zuletzt wird laut dem Artikel erwartet, dass die Emissionen der Modeindustrie bis 2030 um 60 Prozent wachsen werden. Also die Emissionen, die laut Kearney bereits jetzt drei bis fünf Prozent aller globalen Emissionen ausmachen. Wenn man bedenkt, dass wir nach manchen Modellierungen des IPCC zu diesem Zeitpunkt schon die 1,5 Grad Erderwärmung erreicht haben könnten, und dass wir laut António Guterrez, dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, momentan noch zwei bis drei Jahre haben, um die Emissionen zu senken, klingt das nicht nur ein wenig nach der falschen Richtung, sondern auch nach sehr viel Regen im Ahrtal. Oder nach anderen Naturkatastrophen an anderen Orten.

Es ist also Wandel nötig. Und es macht Sinn, dass der Artikel sich um Zirkularität dreht. In einem zirkulären Modell wäre viel Produktion schlicht nicht nötig, und eine ständig wachsende schon dreimal nicht. Die CO2-Emissionen würden durch mehr Wiederverwendung rasend schnell zurückgehen, ohne dass irgendwer von uns auf Kleidung verzichten müsste.

Welche Faktoren untersucht der Circular Fashion Index?

Der Circular Fashion Index wird aus acht verschiedenen Faktoren berechnet, die sich unter anderem um Recycling, Möglichkeit zur Reparatur, Second-Hand-Verkauf und Kleider-Mietkonzepte drehen. Aus diesen wird eine Punktzahl zwischen 1 (am schlechtesten) und 10 (am besten) berechnet, anhand der die Marken in eine Reihenfolge gebracht werden können.
Der Artikel stellt etwas ernüchternd fest, dass nur drei der hundert analysierten Firmen überhaupt ein akzeptables Ergebnis erzielt hätten. Uff.
Diese drei heißen Patagonia, The North Face, und Levi’s.
Levi’s? Ich bin überrascht. Wenn das alles so stimmt, bin ich begeistert, dass eine so große Marke in so einem Thema so gut sein kann.

Was macht manche Marken nachhaltiger als andere?

„Alle diese drei Marken kommunizieren offen, dass ihre Produkte länger halten sollten und ermutigen ihre Konsumenten, die ökologischen Auswirkungen in Betracht zu ziehen, bevor sie noch ein Kleidungsstück kaufen“, so der Artikel. „Außerdem werden Konsumenten mithilfe von Gutscheinen und Rabatten dazu ermuntert, alte Kleidung in den Läden abzugeben.“
Nun könnte man anführen, dass Rabatte wiederum möglicherweise unnötigen Konsum fördern – das Leben ist schwierig als Modemarke. Das beiseite genommen, finde ich aber, dass all das beeindruckend gut klingt.

Die drei in dem Bericht als Spitzenmarken bewerteten Unternehmen sortieren die alten Kleider und spenden sie, verkaufen sie second-hand oder recyceln sie in zunehmendem Maß. Es werden außerdem Angebote zur Reparatur von Kleidung gemacht, und es wird in neue Geschäftsmodelle investiert, die sich auf Second-Hand-Angebote konzentrieren, was eine längere Lebensdauer der Kleidungsstücke fördert. Nicht schlecht. Jetzt bin ich nur neugierig, wie viele Punkte diese drei Marken ergattern konnten, das steht nämlich nicht dabei.

Vielen ist Zirkularität zu viel Aufwand

Schlecht sind dafür allerdings die meisten anderen Modemarken – und zwar so schlecht, dass die durchschnittliche Punktzahl des Circular Fashion Index bei 1,99 liegt. Nicht einmal einen Punkt über dem niedrigsten Wert, wohlgemerkt.

Ganz besonders schlimm sieht es dem Bericht zufolge für jene Maßnahmen für Zirkularität aus, die mehr Anstrengung erfordern. Nur acht Firmen bieten insgesamt Möglichkeiten zur Reparatur, und das sind vor allem Luxusmarken, die hierfür die nötigen Mittel haben und höheren Erwartungen vonseiten der Kunden gerecht werden müssen. Nur fünf Marken ziehen zudem das Mieten von Kleidung auch nur in Betracht, und nur die Marke Lindex hat dabei eine etwas höhere Punktzahl erzielt. Insgesamt 12 Marken haben Second-Hand-Verkäufe in ihr System aufgenommen oder testen dies zumindest.

Um mehr zu erfahren, sehe ich mir die Liste noch etwas genauer an. Welche Marken sind denn noch weit oben, die ich kenne? Moment… Adidas?? Das klingt in meinen Ohren sehr unerwartet. Klar, der Index beinhaltet zum Beispiel nicht die Menschenrechtssituationen entlang der Lieferketten, die ja bei Adidas auch nicht gerade bombastisch sein soll. Und natürlich gehört Adidas auch nicht zu den drei Marken, die ein akzeptables Ergebnis erzielt haben sollen. Dennoch kann ich es kaum glauben.
Außerdem finde ich weiter oben in der Liste noch Decathlon und H&M – ebenfalls überraschend. Unter den Schlechtesten der Schlechtesten stehen unter anderem Dressmann, New Yorker und Kik.

Was tun also, um all das besser zu machen?

Der Artikel erwähnt, dass das Recyceln von Textilien auf dem Vormarsch ist. Insgesamt sind recycelte Fasern in Zukunft eher die Regel als die Ausnahme, prognostiziert er.
Er betont zudem, dass die Rolle der Konsumenten bei Mode ganz besonders wichtig ist. Bevor man einkaufen geht, sollte man wissen, was man schon hat. Man sollte zusehen, dass man wirklich nicht mehr kauft, als man braucht. Dass man die Dinge, die man schon hat, auf die richtige Art pflegt und sie bei Mängeln professionell reinigen und reparieren lässt, anstatt sie direkt wegzuwerfen. Dass man, wenn es doch etwas Neues sein solle, auf die richtigen Marken, den richtigen Inhalt und die richtige Qualität achtet. Auch Second-Hand ist heutzutage oft eine fantastische Option. Und für bestimmte, seltene Gelegenheiten, für Babykleidung oder wenn man gerne und oft seinen Stil wechselt, eignen sich Mietkonzepte.

Der Artikel schließt mit der erneuten Betonung, dass eine Änderung des Geschäftsmodells in die nachhaltige Richtung nicht nur für das Wohl der Menschheit, sondern auch für das Wohl der Firmen von essenzieller Bedeutung ist. Der Schlüssel zu einer nachhaltigeren Zukunft sei es, nur die Teile zu tragen, die wir wirklich lieben, und die unsere Persönlichkeit ausdrücken. Keiner ändere seine Persönlichkeit schließlich mehrmals im Jahr, also warum sollten wir unsere Kleidung öfter als nötig ändern? Das, muss ich sagen, ist ein guter Punkt.

Also, was ist das Fazit?

Manches tut sich in der Modebranche, teils auch aus unerwarteten Richtungen. Aber es ist noch viel zu tun. Wir als Konsument_innen können dabei mithelfen.
Und dann werde ich vielleicht eines Tages an den größten Modeboutiquen der Stadt vorbeigehen und mir denken können, dass die ja wirklich toll ökologisch arbeiten. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, und die Zeit drängt. Aber man kann ja hoffen.

Autorin / Autor: Pia Marie Hegmann - Stand: 21. Juli 2022