Unter Zeitdruck zuverlässiger

Studie: Zeit zum Grübeln verzerrt Zeugenaussagen

Diese Situation kennen die meisten wahrscheinlich nur aus Filmen: Da stehen mehrere Personen mit Nummern nebeneinander aufgereiht hinter einer Glasscheibe. Jetzt ist der Augenzeuge gefragt: wer war der Täter? Wenn der nebenstehende Polizist in diesem Moment sagt „Nehmen Sie sich ruhig Zeit“, ist wahrscheinlich alles verloren. Denn auf die Entscheidung von Augenzeugen kann man sich eher verlassen, wenn sie innerhalb von wenigen Sekunden getroffen werden müssen. Das zumindest berichten australische ForscherInnen um Neil Brewer im Fachmagazin „Psychological Science“.

Machen Zeugen, wenn auch ungewollt, eine falsche Aussage, ist das natürlich fatal. Immer wieder werden in den USA Menschen unschuldig verurteilt. Seit dem Jahr 1989 sind es schätzungsweise 2000 Personen, die in den USA zu Unrecht im Gefängnis saßen - und dies sind nur diejenigen, bei denen man später die Unschuld nachgewiesen hat. In fast drei Viertel der Fälle, in denen nachträglich ein Beschuldigter durch eine DNA-Analyse entlastet wurde, hatte eine falsche Zeugenaussage zur Verurteilung geführt.

Deshalb haben Neil Brewer und sein Team über einen Zeitraum von drei Jahren mit mehr als 900 TeilnehmerInnen eine Methode getestet, die die Zuverlässigkeit bei der Identifizierung eines Tatverdächtigen erhöhen soll.

In jedem Experiment sahen die Testpersonen Kurzfilme, in denen Verbrechen begangen wurden. Entweder fünf Minuten oder eine Woche danach sollten die Teilnehmenden die Täter auf Fotos identifizieren. Einem Teil der Gruppe legten die ForscherInnen die zwölf Fotos nacheinander vor. Bei jedem Foto sollten die Testpersonen innerhalb von drei Sekunden angeben, wie sicher sie sich sind, ob der Abgebildete der Täter ist. Die andere Hälfte der Teilnehmenden bekam die gleichen Fotos vorgelegt. Sie hatten allerdings so viel Zeit, wie sie wollten, um sich zu  entscheiden, ob der Abgebildete schuldig ist.

Mussten sich die Testpersonen innerhalb weniger Sekunden entscheiden, so lag ihre Trefferquote um 20 bis 30 Prozent höher als bei denjenigen, die unendlich viel Zeit hatten. Auch erhöhte sich die Trefferquote, wenn die Testpersonen alle möglichen Täter einzeln beurteilen und nicht aus einer Gruppe den Richtigen wählen sollten.

Vorherige Studien hatten bereits gezeigt, dass korrekte Zeugenaussagen schneller getroffen werden als falsche. In der klassischen Gegenüberstellung haben die Zeugen zu viel Zeit zum Nachdenken, kritisieren die ForscherInnen. Je länger man überlegt, umso mehr fließen externe Faktoren in die Entscheidung ein: etwa der soziale Status der Verdächtigen, wie sympathisch jemand wirkt oder auch das Umfeld, in dem sich die Zeugen momentan befinden oder der Druck, die eine Person identifizieren zu müssen.

Manchmal scheint es also von Vorteil, nicht zu viel Zeit zum Grübeln zu haben, und wie die Studie zeigt, ist die erste Eingebung doch meist die beste – und das vielleicht nicht nur bei Zeugenaussagen ;-).

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung; - Stand: 6. September 2012