Ungestresst, aber freudlos

Studie: Wie der Körper auf Onlinelehre und -unterricht reagiert

Lernen macht Stress, aber wenn er nicht überhand nimmt, kann er auch das Lernen fördern. Stress hat starken Einfluss darauf, wie gut wir uns konzentrieren, lernen und das Gelernte auch behalten können. Und zwar nicht nur negativen Einfluss. Ein moderater körperlicher Erregungszustand wirkt sogar positiv, wenn er zeitlich in Zusammenhang mit der Lernaufgabe auftritt.

Während der Pandemie fanden viele Unterrichtsstunden und Unikurse nur online statt, deshalb interessierte Forschende der Ruhr-Universität Bochum, ob Stress in gleichem Maße bei Onlinekursen wie bei Vorlesungen im Hörsaal auftritt. „Bislang wurden die Unterschiede zwischen Präsenz- und Onlinelehre häufig mit Fragebogenstudien untersucht, in denen subjektive Parameter wie Motivation oder empfundener Stress erhoben wurden“, schildert Morris Gellisch. „Da Lernen aber eine klare physiologische Komponente besitzt, hat sich die Frage aufgedrängt, ob es hier ebenfalls Unterschiede gibt.“

Anatomie-Kurs digital und in Präsenz

Für ihre Studie analysierten die Forschenden die Herzratenvariabilität und die Speichel-Cortisol-Konzentrationen von 82 Studierenden während eines Anatomie-Kurses. Dieser fand als Blended-Learning-Veranstaltung statt: Die Studierenden waren in Gruppen eingeteilt, und für jede Gruppe folgte auf einen Online-Kurstag ein Präsenz-Kurstag. An jedem Kurstag gab es somit eine Gruppe, die im Histologiesaal Präsenzunterricht erhielt, und eine weitere Gruppe, die das gleiche Unterrichtsgeschehen zeitgleich online verfolgte. An einem repräsentativen Kurstag maßen die Forschenden die Herzratenvariabilität mit speziellen Sensoren über die gesamte Kurszeit von 120 Minuten. Außerdem nahmen sie zu Beginn, nach 60 Minuten und zum Ende des Kurses Speichelproben. Die Studierenden, die über eine Videoplattform teilnahmen, führten die Messungen mit den gleichen Materialien und einer Schritt-für-Schritt-Anleitung selbst durch.

Das Ergebnis: Obwohl die Kurse mental genauso fordernd waren, zeigte die Online-Gruppe einen signifikant niedrigeren Stresslevel. Das zeigte sich in geringeren Cortisol-Konzentrationen, geringerer sympathischer Aktivität und erhöhter parasympathischer Aktivität. Die beiden letzten Werte lassen sich aus der Herzratenvariabilität ableiten und sind ein Maß für die Anspannung: An Online-Kurstagen waren die Studierenden entspannter.

Zusätzlich zu den physiologischen Werten ermittelte das Team mit Fragebögen auch subjektiv empfundene Parameter, etwa wie viel Freude die Kursteilnahme machte. Ein Ergebnis: Je höher die Aktivität des sympathischen Nervensystems war, also je mehr Stress sie hatten, desto mehr Freude hatten die Studierenden auch während der Präsenzlehre. Diese Korrelation fand sich dagegen nicht in der Online-Gruppe.

Ein gutes Argument dafür, dass Online-Lernen zwar eine gute Alternative in Lockdown-Zeiten ist, aber doch dann eher dazu führt, dass man abschlafft. Ein bisschen Stress muss also sein ;-)

Die Ergebnisse beschreibt ein Team um Morris Gellisch und Prof. Dr. Beate Brand-Saberi in der Zeitschrift „Anatomical Sciences Education“, online veröffentlicht am 29. Juli 2022.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 23. August 2022