Stark durch die Zweitsprache

Studie: Zweisprachig aufwachsende Kinder können sich besser fokussieren

Seit Jahren schwelt ein Streit unter PädagogInnen, ob zweisprachige Erziehung Kindern hilft oder sie im Gegenteil verwirrt und überfordert. Jetzt hat eine an der Universität Luxemburg durchgeführte Studie ergeben: Zweisprachigkeit ist nicht nur hinnehmbar, sondern sogar nützlich. Verglichen mit Kindern, die nur mit einer Sprache aufwachsen, fällt es zweisprachig aufwachsenden Kindern - auch aus einkommensschwachen Familien - leichter, ihre Aufmerksamkeit zu lenken und zu fokussieren.

Besonders besorgt sind die PädagogInnen um zweisprachige Kinder aus ärmeren Familien, vor allem, wenn ihre Eltern einen Migrationshintergrund haben. Deshalb hat Dr. Pascale Engel de Abreu, Wissenschaftlerin für Psychologie zusammen mit Forschungskollegen der Universität Minho, Portugal und York Universität, Canada, untersucht, welchen Einfluss das Sprechen von zwei Sprachen auf die geistigen Prozesse einkommensschwacher Kinder hat. „Dies ist die erste Studie, die zeigt, dass zweisprachige Kinder aus einkommensschwachen Familien zwar viele sprachliche Herausforderungen bewältigen müssen, sie jedoch auch wesentliche Stärken haben, was nicht-sprachliche, für das Lernen entscheidende kognitive Fähigkeiten angeht“, so Dr. Engel de Abreu.

Die Studie
Insgesamt nahmen 80 ZweitklässlerInnen aus ärmeren Familien an der Studie teil. Die eine Hälfte der Kinder waren aus dem Norden Portugals stammende Migranten der ersten oder zweiten Generation in Luxemburg, die täglich Luxemburgisch und Portugiesisch sprechen. Die andere Hälfte der Kinder lebte im Norden Portugals und sprach ausschließlich Portugiesisch.

Zuerst untersuchten die WissenschaftlerInnen ihren Wortschatz und baten die Kinder, Gegenstände oder Aktionen auf Bildern zu nennen. Beide Gruppen machten die Aufgabe auf Portugiesisch und die zweisprachigen Kinder machten sie ebenfalls auf Luxemburgisch.

Um zu untersuchen, wie die Kinder Wissen im Gedächtnis darstellten, forderten die WissenschaftlerInnen sie auf, ein fehlendes Stück zur Ergänzung einer speziellen geometrischen Form zu finden. Dann maßen sie, wie viele visuelle Informationen die Kinder im Gedächtnis behalten konnten. Anschließend sollten die Kinder Aufgaben lösen, während derer sie abgelenkt wurden. Damit wollten die StudienleiterInnen herausfinden, wie gut die Kinder sich bei Ablenkung fokussieren können.

Das Ergebenis: Obwohl die zweisprachigen Kinder weniger Wörter kannten als ihre einsprachigen Alterskollegen und nicht besser waren bei den Gedächtnisaufgaben, schnitten sie bei der Kontrollaufgabe, bei der sie ihre Aufmerksamkeit unter Ablenkung lenken und fokussieren mussten, besser ab.

Die ForscherInnen glauben, dass diese Forschungsergebnisse darüber informieren oder dazu anregen, die Leistungsunterschiede zwischen Kindern mit unterschiedlichem sozioökonomischem Hintergrund zu verringern. „Fremdsprachenunterricht benötigt keine teure Ausstattung. Er erweitert den sprachlichen und kulturellen Horizont von Kindern und fördert eine gesunde Entwicklung des Kommandosystems des Gehirns, das für die Planung und Problemlösung wichtig ist“, so Engel de Abreu. „Unsere Studie deutet darauf hin, dass Interventionsprogramme auf Basis von Zweitsprachenunterricht für zukünftige Forschungsarbeiten nützlich sind.“

Die Studie wurde im Journal Psychological Science, dem Journal der „Association for Psychological Science“ mit Sitz in den USA, veröffentlicht.

Autorin / Autor: Pressemitteilung/ Redaktion; - Stand: 5. September 2012