Sei, wer du bist

Anders als die meisten zu sein kann gehörig irritieren. Nicht zuletzt, weil Vorbehalte und Klischees gegenüber Minderheiten immer noch tief sitzen. Der Psychologe Jochen Kramer erklärt, worauf es ankommt, wenn wir uns selbst suchen – und wie aus Unsicherheit Stolz erwächst. Das Interview erscheint in der aktuellen Sonderausgabe von GEO WISSEN zum Thema LGBTQI+

Herr Dr. Kramer, unsere Gesellschaft ist heute vermutlich so offen und liberal wie nie zuvor. Warum fällt es queeren Menschen zum Teil dennoch schwer, offen zu sich selbst zu stehen?

Sie entsprechen nun einmal nicht der Norm. Festzustellen, dass man anders als die allermeisten anderen Menschen ist, irritiert, verunsichert, verstört vielleicht sogar. Denn es stellen sich grundsätzliche Fragen: Wo gehöre ich dazu? Welche Konsequenzen hat es, nicht dem Mainstream zu entsprechen? Wem kann ich mich verbunden fühlen? Es ist nicht trivial, sich zu seinem Anderssein zu bekennen.

Aber viele, gerade jüngere Menschen streben doch genau danach: anders zu sein, besonders.

Ja, aber nicht derart tiefgreifend. Sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität sind nichts, was man wählt oder anstrebt. Sie sind Teil unserer selbst und offenbaren sich uns, oft im Laufe der Pubertät. Man sollte nicht unterschätzen, wie erschütternd dann das Gefühl sein kann, aus dem Rahmen zu fallen. Nicht wenige fühlen sich falsch, unpassend, isoliert, sind beschämt. Da kann man nicht einfach sagen: Ah okay, alles gut, weiter geht’s. Die Akzeptanz oder Nichtakzeptanz der anderen ist da nur ein nachgelagerter Aspekt. Zuvorderst geht es darum, dieses Anderssein für sich und vor sich selbst bejahen zu können.

Zu sich selbst zu stehen...

Das ist die Hauptaufgabe. Bedenken Sie: Noch bis 1990 galt Homosexualität bei der WHO als psychische Störung, im religiösen Kontext – etwa in der katholischen Kirche – gelten gleichgeschlechtliche Handlungen nach wie vor als sündhaft. Zudem sitzen Klischees und Vorbehalte gegenüber Minderheiten oft tief, wir alle kennen entsprechende Sprüche vom Schulhof oder aus dem Sportverein. Als betroffene Person komme ich dann nicht umhin, mich mit diesen Vorstellungen, die ich womöglich sogar selbst in mir trage, zu konfrontieren. Bin ich jetzt gestört? Jemand, über den man Witze reißt? Ein Mensch, dessen Leben wahnsinnig beschwerlich wird?

Wie geht man damit um?

Erfahrungsgemäß hilft es enorm, einen ersten Schritt in die queere Community zu wagen, andere Lesben, Schwule oder Bisexuelle kennenzulernen. Zu schauen, wie die wirklich sind. Oft lösen sich eigene Befürchtungen sehr rasch auf. Auch fällt es so leichter, sich selbst zu verorten: Wo sehe ich mich in dem großen Spektrum queerer Lebensmodelle? Bei welchen Menschen fühle ich mich wohl? Was wünsche ich mir von Freundschaften, was von einer Partnerschaft? Selbstfindung ist immer auch ein sozialer Vorgang – erst im Austausch, in der Begegnung mit anderen reift unsere Identität.
Im Idealfall legt sich irgendwann eine Art innerer Schalter um. Dann weicht der Verunsicherung nicht selten sogar Stolz. Und eine wertschätzende Haltung gegenüber anderen queeren Personen. Jemand kann dann zum Beispiel sagen: Der schrille Paradiesvogel, der es liebt, in der Öffentlichkeit extravagant aufzutreten, ist zwar nicht mein Rolemodel – aber eine Bereicherung!

Haben es Jugendliche heute dank Instagram und Dating-Apps wenigstens etwas leichter?

Die Hürde, online Kontakte zu knüpfen, liegt natürlich wesentlich niedriger, als in der Realität auf Menschen zuzugehen: Eine schwule Jugendgruppe zu besuchen – zumal wenn diese im ländlichen Raum weiter weg liegt – erfordert ungleich mehr Überwindung und Aufwand, als sich auf Websites oder in sozialen Medien umzuschauen und dort auch einmal eine Nachricht oder einen Kommentar zu schreiben.
Zudem bietet das Netz die wunderbare Möglichkeit, sich gewissermaßen virtuell auszuprobieren. Ich kann anonym und relativ gefahrlos mit anderen chatten und einfach mal schauen: Wie fühlt sich das an, wenn ich hier als queere Person poste?
Doch man sollte sich immer bewusst sein: Fast alle Menschen inszenieren sich im Netz, ob queer oder nicht, stellen ihr Leben klischeehaft dar. Ich begegne dort also abermals bestimmten Vorstellungen und Bildern, die nicht unbedingt der Realität entsprechen.

Immerhin haben queere Aktivistinnen, Musikerinnen, Fernsehidole inzwischen Millionen Follower...

Das ist toll! Soziale Medien schaffen eben auch Sichtbarkeit für Menschen mit Haltung, für Mitglieder der Community, die wirklich etwas bewegen, die Debatten anstoßen, Missstände offenlegen. Oder Menschen, die einfach aufgrund ihrer Popularität queere Lebensmodelle immer selbstverständlicher werden lassen. Aber das bedeutet noch nicht, dass sie genau die Fragen beantworten, die für einen selbst wichtig sind.
Es geht ja darum, einen eigenen Weg zu finden und mit echten Menschen in Kontakt, in Austausch zu kommen. Daher ist es so wichtig, auch in der Community selbst anzudocken: Dort, in einem Café, auf einer Party, bei einer Beratungsstelle, herrscht jene Offenheit, die es mir ermöglicht, mich in all meinen Facetten zu erleben!

Wie können Menschen jenseits der Community unterstützen, etwa Eltern, Freunde oder Kolleg*innen?

Zum Beispiel, indem wir alle einander ermutigen, wirklich tief in uns hineinzuhorchen, sensibel für die eigenen Bedürfnisse zu werden. Menschen, die in ihrer Identität verunsichert sind, haben dafür nicht automatisch ein gutes Gespür.
Denn die Normen und Dogmen, die sie verinnerlicht haben – etwa die Vorstellungen darüber, wie Frauen und Männer zu sein haben, oder was ein „richtiges Leben“ ist – sind teils übermächtig. Nicht selten werden sie zur Richtschnur für ein Dasein erklärt, das in Wirklichkeit nicht die ureigenen Bedürfnisse erfüllt.

Worauf kommt es dann an?

Darauf, den eigenen Empfindungen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Wenn wir verliebt sind, wenn wir merken, dass wir im richtigen Körper leben, fühlen wir Stimmigkeit. Die Aufgabe ist also, nach diesem Gefühl der Stimmigkeit zu suchen, den körperlichen Reaktionen zu trauen, nicht den Glaubenssätzen. Denn wer sich seinen Emotionen dauerhaft widersetzt, kann psychisch und körperlich erkranken.

Sind queere Menschen besonders gefährdet?

Im Vergleich zur restlichen Bevölkerung liegt bei ihnen das Suizidrisiko statistisch sechsmal höher, innerhalb der Gruppe der trans*- und genderdiversen Menschen ist es sogar zehnmal so hoch. Ebenso leiden queere Menschen häufiger unter Depressionen, sozialer Ängstlichkeit, Substanzmissbrauch.

Das ist nicht verwunderlich: Zu einer Minderheit zu zählen verursacht in vielerlei Weise Stress. Vielleicht nehme ich wahr, dass es wieder vermehrt tätliche Angriffe gegen trans* Menschen oder Homosexuelle gibt. Vielleicht habe ich eigene Diskriminierungserfahrungen gemacht. Oder ich spüre einen Erwartungsdruck, dem ich nicht gewachsen bin. Immerhin schätzen laut einer jüngeren Erhebung 70 Prozent der Befragten ihre gesundheitliche Situation aber als gut ein.

Gemessen daran, wie herausfordernd die Lebenswege für manche queere Menschen sind, ein hoher Wert.

Er offenbart: Viele sind bewundernswert taff und haben – eben weil sie zu sich stehen – ein hohes Maß an Selbstbehauptung und Resilienz entwickelt. Etliche schöpfen etwa auch daraus Kraft, andere zu unterstützen, ehrenamtlich zum Beispiel in der Aidshilfe oder beim Christopher Street aktiv zu sein.
Das Gesündeste, was wir tun können, ist, den Weg zu finden und zu gehen, der für uns am besten funktioniert. Wer dabei Hilfe benötigt, sollte nicht scheuen, auch eine professionelle Begleitung in Anspruch zu nehmen.

Sollten eine Beraterin, ein Psychologe selber queer sein?

Das muss nicht sein. Doch es bedarf einer besonderen Sensibilität und auch eines besonderen Wissens, um auf die spezifischen Bedürfnisse queerer Menschen adäquat einzugehen. Welche Identitätskonzepte gibt es? Wie sieht der rechtliche und medizinische Rahmen für trans* Menschen aus? Wo existieren LBGTQIA+-feindliche Tendenzen? Bei uns melden sich immer wieder Klient_innen, die sich in ihrer Therapie nicht aufgehoben fühlen, die von ausgebildeten Expert_innen sogar diskriminiert werden.

Als Verband (VLSP*) setzen wir uns daher vehement für eine Psychologie und Therapie ein, die zum Wohle aller Menschen arbeitet. Dazu ist es erforderlich, dass Aspekte wie sexuelle Orientierung und geschlechtliche Vielfalt in Forschung, Lehre, Weiterbildung und Praxis deutlich mehr Aufmerksamkeit erhalten.

Raten Sie manchen Menschen auch davon ab, sich zu outen?

Es gibt Familien, in denen der ideologische Rahmen so streng ist, dass eine geoutete lesbische Tochter oder ein geouteter schwuler Sohn um die eigene Sicherheit fürchten muss. In solchen Fällen ist es wichtig, dass sich betroffene Jugendliche an Erwachsene außerhalb der Familie wenden, an Lehrer_innen, Trainer_innen, das Jugendamt. Im Zweifel auch mit einem Outing warten, bis sie volljährig sind und sich familiär distanzieren können.

Können Sie Eltern verstehen, die sich mit einem homosexuellen Kind schwertun?

Natürlich benötigen manche Mütter und Väter Zeit, diese für sie neue Situation einzuordnen, zumal, wenn das Outing eines Kindes überraschend kommt. Das ist völlig in Ordnung. Nur sollte ihr Interesse nicht verstummen. Sie können Fragen stellen, sich informieren, womöglich auch eine Elterngruppe besuchen oder selbst Beratung in Anspruch nehmen.
Vor allem sollten sie sich klarmachen, dass ein Outing keine Beichte ist, sondern vielmehr eine Einladung: Schaut her, so bin ich, und indem ich euch von mir und meiner Identität erzähle, gebe ich euch die Chance, an meinem Leben teilzuhaben. Wer diese Einladung einmal ausschlägt, hat keine Garantie, dass sie ein zweites Mal ausgesprochen wird.
Ich erinnere mich gern an eine muslimische Mutter, die mich aufsuchte, als sie von der trans* Identität ihres Kindes erfuhr. Es stellte sich heraus, dass die Frau sehr traditionell verwurzelt und zugleich wahnsinnig verständnisvoll und unterstützend war. Sie hatte einfach viele Fragen und wollte bloß nichts falsch machen. Dann wieder gibt es Familien, die im Grunde sehr liberal und offen sind und dennoch – manchmal unbewusst – einen problematischen Druck erzeugen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich habe mal eine bisexuelle Frau begleitet, die sehr darunter litt, wie die Eltern auf ihre Liebesbeziehungen reagierten. Die Eltern hatten sich immer für die Rechte homosexueller Menschen stark gemacht und schwule Freunde. Als ihre Tochter sich in einen Mann verliebte, spürte sie viel Zustimmung, der Partner wurde eingeladen, Mutter und Vater freuten sich. War sie aber mit einer Frau liiert, wurde ihr diese Freude nicht vermittelt. Die Familie gab sich zurückhaltend, wenig unterstützend. Das hat meiner Klientin sehr zu schaffen gemacht. Verständlicherweise wünschte sie sich, dass sich die Eltern mit ihr freuen, ob nun eine Frau oder ein Mann an ihrer Seite war.

Trotz solcher Erlebnisse: Sind wir gesellschaftlich auf einem guten Weg?

Die Fortschritte der letzten Jahrzehnte sind beachtlich, zugleich erleben wir heute teils heftige Auseinandersetzungen an verschiedensten Fronten. Ob es um die Belange der queeren Community geht, um die Situation der People of Color, um Geflüchtete, Sexismus, Gewalt gegen Frauen. Dort, wo Gleichberechtigung eingefordert wird, wo Minderheiten sich behaupten, entsteht Reibung. Das ist verständlich.
Nur sollten wir allesamt nie vergessen: Ganz gleich, wie wir uns definieren, welcher Gruppe wir uns zugehörig fühlen, ob wir schwul, lesbisch, heterosexuell, transident sind: Als Menschen haben wir alle die gleichen Bedürfnisse, möchten geliebt werden, gleichberechtigt sein, wollen Wertschätzung, Sicherheit, Gesundheit. Verbindet uns nicht mehr, als uns trennt?

Cover Geo Wissen

Der Text erscheint in der aktuellen Extra-Ausgabe von GEO Wissen zum Thema LGBTQI+

"GEO WISSEN erklärt Lebensphasen und Emotionen, beleuchtet die neusten Entwicklungen und Trends aus den Human- und Naturwissenschaften und deren Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft. Die aktuelle Extra-Ausgabe von GEO Wissen widmet sich dem Thema LGBTQI+ und richtet sich an alle, die mehr über Sexuelle Vielfalt und Identität erfahren möchten. Es beantwortet Fragen wie: Was bedeutet trans*? Was ist der Unterschied zwischen Geschlechtsidentität und Sexualität? Wo finde ich Rat, wenn ich Opfer von Diskriminierung geworden bin? Das Magazin soll auf journalistische Weise helfen, Antworten auf solche Fragen zu finden und miteinander ins Gespräch zu kommen."

Autorin / Autor: GEO WISSEN - Stand: 10. Juni 2022