Gemeinsam gegen Fast-Fashion

Textilien und Schuhe turmhoch in Mülldeponien, vergiftete Wasserquellen, Unmengen emittierter Treibhausgase bei gleichzeitig fast wöchentlich neu-designten Kollektionen. Uns platzen die Kleiderschränke, der Natur und den um sie Besorgten die Krägen. Aber das geht doch auch anders, oder? Greenpeace und ich sagen Ja.

Vergessener Pulli (Bild: Konstantina H. ©)

Deutschlandweite Umfrage von Greenpeace

Unter dem Titel „Nachhaltigkeit ist tragbar“ veröffentlichte die Umweltschutzorganisation Greenpeace kürzlich Umfrageergebnisse, die seitens deutscher Kleidungskäufer- und Besitzer_innen auf tatsächlich positive Trends im Einkaufverhalten hinweisen. Mit einem allgemein größeren Bewusstsein für umwelt- und klimabezogene Themen ist – so Greenpeace – Nachhaltigkeit ein immer wichtiger werdender Aspekt beim Neukauf von Klamotten. Zwar werden weiterhin vorrangig Neukäufe getätigt und einzelne Stücke selten getragen, jedoch wird gesamt weniger als bisher geshoppt und weggeschmissen. Auf der anderen Seite lässt sich in der Branche selbst leider weiterhin eine erschreckende Entwicklung von der Fast- zur Ultra-Fast-Fashion abzeichnen: Ganz oben auf der Liste der Giganten mit einem solchen Geschäftsmodell steht die Online-Plattform Shein. In immer höherer Frequenz neuproduzierte Styles in einer Qualität, die zum Wegwerfen bestimmt ist. Was können wir alle tun, um positivere Entwicklungen zu fördern?

Um mehr dazu von Seiten der Konsument_innen aus sagen zu können, befragte Greenpeace 2015, 2019 und 2022 mehr als eintausend Deutsche im Alter von 18 bis 69. Über Online-Umfragen teilten sie Details zum eigenen Konsumverhalten. Das Konsumverhalten stellt aber nur einen Teil der Handlungsnotwendigkeit dar, betont Greenpeace, denn zu tun ist besonders etwas aus (firmen-)politischer Seite – von mehr Transparenz bis hin zu Strafbarkeit umweltfeindlichen Verhaltens. Doch dazu später mehr. Vorerst einmal zurück zu den Umfrageergebnissen: Aufgeteilt in die einzelnen Bereiche Kleidungsbestand, Lebensdauer/Tragehäufigkeit, Erwerb, Umgang und (nachhaltiges) Verhalten arbeitete Greenpeace die statistischen Daten auf und stellte sie mithilfe von vergleichenden Diagrammen dar. Ich möchte meinen eigenen Senf dazugeben und die Ergebnisse kommentieren sowie persönliche Eindrücke und Tipps teilen.

Blick in vergangene Projekte - Greenpeace und die Textilindustrie

Die Organisation Greenpeace setzt sich bereits länger mit dem Thema Textilindustrie und Umwelt(-Probleme) auseinander, fördert und fordert hier vielseitig Veränderungen. Mit der „Detox-My-Fashion-Kampagne“ wurde bereits eine „Produktionsentgiftung“ bei mehr als achtzig Marken bewirkt. Neben "Nachhaltigkeit ist tragbar" machte Greenpeace unlängst auch den Report „Vergiftete Geschenke“ öffentlich, in welchem (auch für mich) enttäuschenderweise offengelegt wurde, dass die von vielen von uns liebevoll aussortierten Altkleider im Endeffekt häufig in Mülldeponien des globalen Südens oder in Verbrennungsanlagen landen. Der Einsatz von Greenpeace zeigt einerseits, wie stark die Themen Kleidung und Umwelt zusammenhängen, andererseits, dass hier noch viele Veränderungen notwendig sind, damit letztere unter unserem Konsum zukünftig weniger zu leiden hat. Kreislaufwirtschaft ist dabei ein bedeutsames Stichwort.

Zurück in den Kreis – Recycling, Fashion und ein notwendiger Systemwandel

Recycling ist in der deutschen Alltagssprache bereits ein eingebürgerter Begriff, aber wie lässt sich das in der Textilindustrie verstehen? Im Wort steckt das englische Wort „cycle“, also Kreis, und steht auch in abfallbezogenen Themen für eine Rückführung der Stoffe in die Produktion. Das bedeutet, dass die Textilindustrie im Optimalfall ermöglichen sollte, dass entsorgte Textilien zur Herstellung von etwas Neuem wiederverwendet werden können und die Materialien im Umlauf bleiben, so dass ihre Lebenszeit nicht auf ein paar Wochen oder Monate beschränkt bleibt. Doch das passiert laut Greenpeace gegenwärtig in noch viel zu geringem Ausmaß. Es ist nicht so, als wurde an den Firmen nicht bereits Kritik dafür geübt und darauf reagiert. Die Reaktionen beschränken sich aber eher darauf, Produkte einfach als zirkulär zu vermarkten. Dabei lässt die neuproduzierte Mode nur selten einen Kreislauf zu, die Materialien sind nicht wirklich recyclebar, kritisiert Greenpeace.
Auch von Produktionsfirmen gibt es kaum Angebote, von Reparaturen angefangen bis hin zu Leihoptionen besteht hier eine totale Lücke. Greenpeace fordert, diese zu füllen und das grundsätzliche Fashion-Produktionssystem zu überarbeiten. Eine Entschleunigung und „Durchgrünung“ sind laut Bericht dabei die ersten Schritte hin zum nachhaltigeren und langlebigeren Produkt, das bei uns dann guten Gewissens im Schrank landen darf. Apropos Schränke: Was und wieviel findet man hier momentan so?

Bild: Konstantina H. ©

Zu Gast in deutschen Kleiderschränken

Weniger, aber länger im Schrank seien Kleidungsstücke heute durchschnittlich. Auf Basis eigener Schätzungen kann bei den Umfrageteilnehmer_innen seit 2015 insgesamt ein Rückgang des Kleidungsbestands festgestellt werden und zwar besonders bei der jüngsten Gruppe, den 18 bis 29-Jährigen. Hier ist auch ein geschlechtlicher Unterschied zu bemerken, so gab es bei den männlichen Befragten kaum Veränderungen: bei den Männern fiel die Anzahl von 73 auf 68, weibliche Personen besitzen 2022 nicht mehr 118 Teile, sondern nur mehr 107 - zusammengerechnet aus Oberteilen, Hosen, Jacken  und Mänteln, Röcken und Kleidern sowie Schuhpaaren. Bei der Zahl werde ich neugierig, ich nehme sie als Anlass, auch meinen Kleiderschrank-Inhalt einmal durchzuzählen (ausgenommen sind übrigens Unterwäsche und Socken etc.). Ich arbeite mich durch mehrere Stapel und erschrecke am Ende etwas, das Ergebnis ein ernüchterndes: 143 Einzelteile. Ganz schön viel und mehr als der Durchschnitt. Gleichzeitig beruhigt mich der Gedanke zu wissen, dass mindestens die Hälfte davon Secondhand-Käufe waren und sich darunter auch Geschenke – meist von Familie bereits Getragenes – befinden. Bei Sale-Angeboten in Fast-Fashion-Läden schnappe ich jedenfalls nicht (mehr) zu und trage lange dieselben Teile.
Auch laut Greenpeace wird allgemein nicht mehr so viel gekauft werden wie noch 2015, aber Klamotten werden genauso lange behalten. Woran das liegt, wird in der Umfrage nicht angesprochen. Von mir selbst kenne ich es aber, entweder emotional an Kleidungsstücken zu hängen, oder manchmal auch wegen den sich schnell ändernden Trends zu zögern, mich von etwas zu trennen. Manchmal hebe ich alte Schätze auch zum „Upcycling“, sprich Umändern zu individuellen Stücken, auf. Dass Klamotten aus diesem Grund von vielen anderen behalten werden, also um etwas Neues daraus zu machen oder zur Reparatur zu bringen, widerlegt die Umfrage aber leider.

Es wird mehr aussortiert als repariert

Denn DIYs sind genauso wie das Reparieren leider nicht ganz so im Aufschwung, wie es zu wünschen wäre. Greenpeace führt das auch auf die mangelnde Infrastruktur zurück – es fehlen Möglichkeiten und Einrichtungen bei allen Alternativen. Man weiß vielleicht auch nicht, wo das überhaupt gemacht wird, wie teuer es ist und so weiter. Meine Mutter wurde auch nur per Zufall über eine Freundin einmal auf eine Schneiderin aufmerksam, zu der sie unsere Sachen seither häufig zum Umnähen oder Reparieren bringt. Es ist weitaus günstiger als ein Neukauf, dauert bei kleineren Arbeiten kaum ein paar Tage und ich verspüre jedes Mal aufs Neue ein schönes Gefühl, die Teile wieder anziehen zu können. Ich habe außerdem herausgefunden, dass kleine Löcher zuzunähen oder mit einem Stickmuster zu verdecken, auch Spaß macht und schnell gelernt ist. Kann ich jeder_m von euch empfehlen, mal zu probieren!
Schuhe hingegen scheinen es da wirklich nicht leicht zu haben. Dem Bericht zufolge sind sie Wegwerfware schlechthin und das Aufsuchen eines Schusters ist kaum mehr Thema. Von Freund_innen weiß ich auch, dass sie Schuhe im Gebrauchtzustand nicht übernehmen oder kaufen würden, der Gedanke an die Schweißfüße anderer ist ekelig. Meine Meinung dazu: Ja, wenn der / die vorherige Besitzer_in diese bereits abgetragen und durchgeschwitzt hat, ist das legitim und selbst da gibt es noch die Waschmaschine als Option. Auf Online-Wiederverkaufs-Plattformen habe ich bisher aber die Erfahrung gemacht, dass Verkäufer_innen oft schon nach dem zweiten Tragen bemerken "hm, die Schuhe drücken" und sie in beinahe Neuzustand wieder anbringen möchten. Und da sage ich nicht Nein. Praktisch fände ich hier auch ein längeres Rückgaberecht bei jeweiligen Läden zu haben, vielleicht könnte man ja je nach Zustand auch Secondhand-Ecken einrichten? Immerhin zeigte sich auch das Kaufen gebrauchter Kleidung als ansprechendste Alternative zum Neukauf.

Secondhand im Trend

Die lässige Männerhose aus dickem Denim-Material oder das ausgewaschene T-Shirt im „Vintage-Look“. Klamotten aus zweiter Hand können oft die besten Funde sein und zu neuen Lieblingsteilen werden. Im Vergleich mit Teil- oder Tauschangeboten wurden laut Umfrage Secondhandshops auch am meisten als Neukauf-Alternative genutzt. Die Umfrage deutet nicht nur auf einen gesteigerten Kaufwillen bei Gebrauchtkleidung hin, sondern zeigt auch, dass Aussortiertes immer häufiger verkauft wird, anstatt in Altkleidercontainer geworfen zu werden. Dafür gibt es laut Greenpeace auch das größte Angebot - vom Privatverkauf am Flohmarkt bis hin zu eigenen Apps bzw. Online-Plattformen für den (Ver-)Kauf von Secondhand-Kleidung. Die Online-Optionen wurden besonders während der Pandemie weitaus häufiger in Anspruch genommen worden als andere, nachdem Tausch-Events oder Leihbörsen aufgrund der behördlichen Beschränkungen oftmals nicht stattfinden konnten. Das mit der Zeit nachzuholen, wäre mein Vorschlag! Tauschen ist ja außerdem auch in kleinem Kreis - ob in deiner Schulklasse oder Freundesgruppe - eine tolle Möglichkeit.

Secondhand Shop Rostock (Konstantina Hornek ©)

Blick in Zukünftiges - Wer sollte wie handeln?

Ich habe jetzt schon viel zu uns Konsument_innen und Besitzer_innen von Klamotten gesagt, Veränderungen in der Textilindustrie sind aber aus drei Blickwinkeln zu betrachten. Mit dem Konsum, beziehungsweise der Nachfrage im Gegenspiel, ist ein weiterer Faktor die Produktion, der dritte große Bereich die Politik. Sie alle gemeinsam bestimmen unter welchen Bedingungen, in welcher Qualität und wie viel auf dem Fashion-Markt landet. Für Greenpeace ist daher auch nur ein Zusammenspiel alternativer Produktionsweisen, politischer Regelungen und Anpassungen auf individueller Basis zielführend. Aber was genau soll das bedeuten?

  • Politisches
    Auf politischer Ebene ist für Greenpeace ein nationales Ressourcenschutzgesetz zur Einschränkung von Fast-Fashion bei gleichzeitiger Unterstützung nachhaltigerer Kreislaufmodelle ein wichtiger erster Schritt. Mit einer Obhutspflicht soll außerdem die Strafbarkeit von Textilienvernichtung, mit einem Reparaturrecht eine uneingeschränkte Reparieroption möglich werden.
    Notwendig ist übergeordnet ein einheitliches weltweites Abkommen über die Kleidungsstücke, die zukünftig überhaupt auf den Markt kommen dürfen: „nur langlebige, reparier-, recyclefähige und wiederverwendbare“, schreibt Greenpeace. Schon im Produktionsprozess sollen beispielsweise durch einen Produktpass Materialien und Herstellungsprozesse offengelegt werden. Das Wiederverwenden von Materialien soll durch eine Textilsteuer versichert werden und nur auch als Kleidungsstück wiederverwendbare Altkleider exportiert werden dürfen. Für alles andere sollte es Verbote geben, fordert Greenpeace. Ein europaweites Lieferkettengesetz kann zuletzt die Verantwortung von Umwelteinflüssen nach dem Verursacherprinzip auf die Produktionsfirmen selbst zurückführen.
  • Firmen / Produktion
    Diese sind Faktor Nummer zwei und für Greenpeace beinahe Hauptverantwortungsträger_innen, um zu einem Wandel beizutragen. Besonders im Globalen Süden werden beispielsweise nach wie vor einige Wasserzugänge durch die Textilindustrie verschmutzt, von anderen Problemen haben wir bereits gehört. Entgiftungs- und "Durchgrünungs-"strategien seien bei gleichzeitiger Produktionsprozessverlangsamung der Weg zu "Destination Zero". Anstatt ständig an neuen Kollektion zu arbeiten, sollten die Firmen ihre Geschäftsmodelle auf alternative Leih-, Reparatur- oder Tauschangebote umstellen. Greenpeace fordert eine so umfangreiche Umstellung auf solche Optionen, dass bis 2035 bereits 60% des Textilienkonsums dadurch abgedeckt werden können.
  • Der / die Einzelne
    Dieses Angebot muss zuletzt aber auch wahrgenommen werden. Und obwohl die Ergebnisse von Greenpeace eine gewachsene und wachsende Bereitschaft zeigen, auf alternativem Wege mit der eigenen Kleidung umzugehen, kann ein/e Jede/r individuell noch mehr zur nachhaltigeren Fashion-Branche beitragen. Erst einmal ist in Bezug auf Neukäufe ein kritischerer Blick notwendig: Ein zweites Nachdenken, ob man das Teil tatsächlich braucht und wenn ja, ob es anderswo in langlebigerer bzw. umweltfreundlicher Qualität oder gebraucht zu finden ist. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, um an Kleidung zu kommen und um den Umlauf kreislaufförmig zu halten, ist unser Einsatz gefragt – sei es durch (Ver-)Kauf aus zweiter Hand, durch Tauschen oder Teilen.
Bild: Konstantina H. ©

Auf diesem Weg geht es nicht weiter!

So wie die Textilindustrie momentan funktioniert, leiden Natur und Umwelt stark. Aber das ist weder notwendig, noch unveränderbar - wie die verschiedenen Alternativen zeigen. Von (firmen-)politischer sowie individueller Seite aus bleibt viel Luft nach oben für Verbesserungen. Luft, die ab sofort von der Textilindustrie weniger verschmutzt werden soll, wozu wir aber alle einen Teil beitragen müssen. Gebt ungewollte Klamotten unter euren Freunden weiter, ändert Einkaufsgewohnheiten, lernt Nähen oder sucht eine/n Schneider/in in der Nähe und unterstützt Unternehmen, die auf Qualität und grüne Produktion achten! Und damit sind nur wenige möglichen Handlungsweisen genannt. Tut es jedenfalls für die Umwelt und auch für euch selbst, denn einen weniger überfüllten Kleiderschrank oder ein neues Hobby zu haben, bringt definitiv Vorteile mit sich!

Weiterführende Links

Mehr zum Thema Kleidertausch in meinem Text:

Die genauen Umfrageergebnisse könnt ihr hier nachlesen:

Autorin / Autor: Konstantina H. - Stand: 8. September 2022