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Am 6. September ist "Kämpfe-gegen-die-Prokrastination-Tag"

Bild: Luise Weber

Das Wort allein ist schlimm. Es klingt nach Krankheit und einer Mischung aus Proktologe, Kratzen und Stagnation. Und es ist wirklich ein sehr lästiges und weit verbreitetes Leiden: die Aufschieberitis, das Morgen-morgen-nur-nicht-heute und Gleich-ich-muss-nur-ganz-kurz-eine Runde-XYZ-spielen.
Opfer der Aufschieberitis, die nur in ihrer krankhaften Form Prokrastination genannt wird, sind vorzugsweise: Hausaufgaben, der Abwasch, die Steuererklärung und Lernen für Prüfungen aller Art.

Am 6. September wird nun - angeblich - der weltweite "Kämpfe-gegen-die-Prokrastination-Tag" begangen. Niemand weiß so recht, ob es ihn wirklich gibt, ob er nur eine Erfindung für leergebliebene Kalenderseiten ist oder ob er nicht seinerseits nur ein aufgeschobener Tag ist, der eigentlich schon vor Monaten hätte stattfinden sollen. So oder so dürften sich viele Menschen von ihm irgendwie angesprochen oder peinlich berührt fühlen. Und das ist doch ein willkommener Anlass, Liegengebliebenes ausnahmsweise mal nicht länger aufzuschieben, sondern in Angriff zu nehmen. Die Bewerbung, deren Frist in Kürze verstreicht, den Stapel unangetasteter Rechnungen und Briefe oder den Riesenberg Lernstoff, der irgendwann bewältigt werden muss - JETZT ist der richtige Zeitpunkt. Denn das Tolle am Erledigen ist, dass all die Krankheitsgefühle (Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und dieses lästige nagende Gewissen) einem ungeahnten Hochgefühl Platz machen.

Dopamin und Östrogen können eine Rolle spielen

Prokrastination ist nicht einfach Faulheit, die mit Sprüchen wie "jetzt reiß dich mal zusammen" in den Griff zu kriegen wäre. Forschende der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und der TU Dresden haben in einer Studie herausgefunden, dass dieser Charakterzug zumindest bei Frauen häufig mit einer genetischen Veranlagung einhergeht, die einen höheren Spiegel des Botenstoffs Dopamin im Gehirn verursacht. Dopamin hat zwar den Ruf eines Glückshormons und kann sich motivations- und leistungssteigernd auswirken. Es wurde in früheren Studien aber auch mit größerer Ablenkbarkeit in Zusammenhang gebracht. Und wer sich leicht ablenken lässt, tut sich schwerer damit, eine Aufgabe zielstrebig zu verfolgen. Menschen mit einem erhöhten Dopaminspiegel könnten demnach eher dazu neigen, Handlungen aufzuschieben. Weil das weibliche Geschlechtshormon Östrogen besonders empfänglich für Dopamin und seine Wirkung im Gehirn macht, sind besonders Frauen mit einem genetisch bedingt höheren Dopaminspiegel auch anfälliger für die Aufschieberitis.

In einer anderen Studie konnten die Forscher_innen außerdem zeigen, dass Menschen, die Dinge gerne aufschieben, eine vergrößerte "Amygdala" haben. Der auch als Mandelkern bezeichnete Teil des Gehirns ist für Emotionen zuständig und kann Gefühle wie Angst und Furcht verstärken. Die Wissenschaftler_innen vermuten, dass Personen mit einer vergrößerten "Amygdala" mehr Angst vor möglichen negativen Folgen von Handlungen entwickeln und sie darum lieber verschieben.

Aufgaben als Gegenwart begreifen, kleine Schritte planen, klare Zeitpunkte festlegen

Expert_innen empfehlen, Aufgaben möglichst als Teil der Gegenwart zu betrachten, nicht als in ferner Zukunft liegende Herausforderungen.
Helfen sollen kleine konkrete Schritte und feste Zeitpunkte, an denen die Erledigung einer Aufgabe eingeplant wird (wie wäre es mit heute?), außerdem realistische Anforderungen, die auch wirklich bewältigt werden können. Wer sich vornimmt, 100 Vokabeln an einem Tag zu lernen, fängt lieber erst gar nicht damit an. Da ist es besser mit fünf anzufangen. Außerdem helfen Zeitpläne und genau definierte Ziele ("Am Montag fasse ich Kapitel 1 zusammen"), die am besten auch anderen mitgeteilt werden. Checklisten, in denen erledigte Aufgaben abgehakt werden, wirken motivierend. Nach getaner Arbeit sind kleine Belohnungen hilfreich.

Studierende sind übrigens besonders häufig betroffen. Die Eigenständigkeit, die von ihnen bei der Erledigung von Aufgaben erwartet wird und die oft fehlende Kontrollinstanz führen dazu, dass sie der Aufschieberitis besonders leicht anheimfallen.

Wenn die Aufschieberei so belastend wird, dass der Alltag davon schwer beeinträchtigt wird, dann sollte man sich professionelle Hilfe holen. Wer aber einfach nur ab und zu den Abwasch liegen oder die Fleißaufgabe unter den Tisch fallen lässt, muss sich keine Sorgen machen, sondern nur lernen, auch unverdiente Zeiten des Müßiggangs zu genießen. Es wäre ja doppelt blöde, die durch Aufschieberitis gewonnene Faulenz-Zeit mit Hadern und schlechtem Gewissen zu vergeuden.

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Quellen

Autorin / Autor: Redaktion - Stand: 6. September 2022