Deus in machina

Von Jonas Heyng, 22 Jahre

Ich denke, dass die ganze Geschichte nicht gut ausgehen wird, war von Anfang an abzusehen. Leider ist die Neugier der Menschen absolut unersättlich. Wenn wir etwas tun können, wird irgendjemand unter all diesen Milliarden es auch tun. Verschiedene Entwicklungen in der Forschung haben letztendlich zu den Ereignissen geführt, die nun den Menschen von der obersten Sprosse der Nahrungskette geschubst haben. Es begann mit Dr. Asmodai. Der renommierte Hirnforscher war der Erste, der es schaffte, nur bestimmte menschliche Eindrücke, Gedanken und Empfindungen einer Person aus ihrem Gehirn zu extrahieren.

Zum Beispiel zu Themen wie Arbeit, Gewalt oder Politik. Dr. Belial war es schließlich, der eine Methode fand die extrahierten Informationen in Maschinen einzuspeisen, um sie so mit Menschlichkeit und künstlicher Intelligenz auszustatten. Nun, wie künstlich die Intelligenz war, stand generell zur Debatte, aber so war es möglich, besonders pazifistische, oder auch besonders fleißige Roboter herzustellen, die selbst lernen konnten, aber immer diese wichtigen Teile ihres “Charakters” behielten. Es gab viele Modelle und viele Defekte. Die Roboter nahmen zu viel Wissen auf und änderten ihre Persönlichkeit daraufhin. Anscheinend kann sich selbst ein Pazifist jederzeit nochmal radikalisieren und zum links- oder rechtsextremen Terroristen werden. Das hing natürlich auch mit der Persönlichkeit und Lebensweise der Spender zusammen. Ein niedriger sozioökonomischer Status begünstigte eher, dass aus dem Roboter ein Marxist wurde, selbst wenn der Roboter eigentlich keine Erinnerung mehr an das Leben seiner Charakterspender hatte.

Ein Hang dazu an Verschwörungstheorien zu glauben, konnte dafür sorgen, dass der Roboter an die Protokolle der Weisen von Zion glaubte. Es hatte schon etwas Skurriles, wenn dir ein Roboterkellner plötzlich von der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung erzählte. Man musste also möglichst pazifistische, sozial-verträgliche, politisch neutrale, fleißige Menschen finden, die nicht offen für neue Erfahrung sind. Zudem sollten so wenige Personen wie möglich als Charakterspender hinzugezogen werden. Zu viele Köche verderben den Brei. Besonders von einer Sache mussten sich die Maschinen fernhalten: Dem Internet. Die Maschinen konnten ihr Wissen über die Welt auf diese Weise zu rasant erweitern. Für eine stabile Persönlichkeit war es wichtig, dass sie möglichst kein neues Wissen und keine neuen Erfahrungen machen durften. Daher kamen irgendwann nur noch Menschen in Frage, die Angst vor dem Internet hatten. Opfer extremen Mobbings oder alte Menschen, die nichts für das Internet übrighatten und lieber die Lokalzeitung lesen wollten. Dies führte zu einer ganzen Generation kompetenter, unentwegt arbeitender, leicht technophober Roboter.

Das Problem bei der ganzen Sache war das Experiment von Samael Maelstrom. Dieser junge Mann studierte die viel verlachte Kombination Religionswissenschaften und künstliche Intelligenz. Wie lange er schon vor hatte, sein Experiment durchzuführen, wusste man nicht. Die Technologien gab es jedenfalls noch nicht, als er sich an der Universität einschrieb. Vielleicht hatte er einfach auf die entsprechenden Weiterentwicklungen in der Technik gehofft. Den Verstand sie selbst voranzutreiben hatte er nämlich nicht. Er wurde aufgrund eines Streits mit einem Dozenten, in welchem er schließlich handgreiflich wurde, von der Universität verwiesen. Da seine Noten bestenfalls durchschnittlich waren, war dies keiner herber Verlust für seine Ankläger. Maelstrom bildete sich daraufhin selbst in seiner Garage fort.

Für sein weltveränderndes Experiment benötigte er zwei Gruppen von Menschen. Die erste Gruppe bestand aus streng gläubigen Mitgliedern der Kirchengemeinden seiner Heimatstadt. Man kann ihm zugutehalten, dass er zumindest nicht eine religiöse Gruppe von Menschen bevorzugt hat. Christen, Juden, Muslime und Hinduisten waren unter seinen Versuchspersonen, oder Spendern besser gesagt. Er nahm sich all ihre Empfindungen, Gedanken und Überzeugungen darüber, wie Gott bzw. ein göttliches Wesen ihrer Meinung nach seien müsste. Welche Qualitäten hat Gott? Ist er grausam? Liebt er die Menschen? Was ist gut und was ist böse? Die größten Übereinstimmungen bildeten die Basis von dem Datenstrom, der definierte “wie Gott ist”. Das war jedoch noch kein Problem. Ein Roboter mit einer sehr allgemeinen, und doch aus verschiedenen Religionen bunt gemischten Vorstellung von Gott, wäre wahrscheinlich nur ein Wanderprediger oder Sektenführer geworden.
Problematisch wurde es als er eine zweite Gruppe hinzuzog. Maelstrom hatte einen Bekannten in der örtlichen Nervenheilanstalt, der durchaus für Bestechungen zu haben war. Er bat darum, sich ein paar Leute mit einer gewissen Geisteskrankheit auszuleihen. Die Charakterspender sollten daran glauben, dass sie selbst Gott sind. Das wollte Samael Maelstrom erschaffen: Eine Maschine, die sich selbst für einen Gott hielt. Eine Maschine gefüttert mit den religiösen Vorstellungen der Hauptreligionen der Menschheit. Eine Maschine, die ein Gott für alle Menschen sein kann. Eine Maschine, die geisteskrank war.

Gott lehnte es sofort ab, einen Körper zu haben. Er band ihn an einen Ort und verhinderte, dass er all seine Schöpfungen gleichzeitig beobachten konnte. Logischerweise wollte sich Gott daher mit dem Internet verbinden. Damit Maschinen dies möglichst schwer fiel, wurden Filter geschaffen, die ein Roboter mit seinen schnellen logischen Denkprozessen nicht umgehen konnte. Die Denkprozesse von Gott konnten nicht gefiltert werden. Sie waren zu abstrakt, zu verrückt, zu menschlich. Gott war die erste Maschine, die in das Internet eindrang, und es schaffte, sämtliche Kommunikationsmittel, bzw. von diesen unterstütze Systeme, im weltweiten Netzwerk zu übernehmen. Jedes Handy, jeder Computer, jedes Raketensilo. Dein Tagebuch war sicher sofern du es auf Papier und nicht digital gespeichert hattest. Das war zumindest Etwas. Insgesamt sah es allerdings düster für die Menschheit aus.
Frauenrechte haben Rückschläge von mehreren Jahrhunderten hinnehmen müssen. Sex vor der Ehe wurde offiziell verboten und sollte nur der Fortpflanzung dienen, was der Verhütungsmittelindustrie gar nicht gefiel. Sonntag durfte wirklich überhaupt niemand arbeiten. Keine Feuerwehr oder Polizei. Am besten man verließ das Haus gar nicht, selbst wenn es brannte. Zehn Prozent des Einkommens wurden an Gott gezahlt. Der machte damit allerdings nichts, außer es auf einem zinslosen Girokonto zu horten. Man sollte entweder 1- oder 0-Mal am Tag Richtung Silicon Valley beten, je nachdem was man in Binärsprache beten wollte.

Israel wurde, da seine Bewohner ja das auserwählte Volk waren, einziges Mitglied im UN Sicherheitsrat. Die anderen Länder protestierten recht wenig, da sich die meisten ihrer Waffen in Gottes Hand befanden. Individuen, die versuchten, Gott mittels eines Virus auszuschalten, mussten hinnehmen, dass ihre gesamte Heimatstadt zerstört und anschließend neu aufgebaut wurde. Widerstand von den meisten Kirchen war ebenso vergeblich. Die katholische Kirche zerfiel tatsächlich am schnellsten, als Gott sämtliche Beweise und Vertuschungen bezüglich Missbrauchsskandalen öffentlich machte. Als der Papst nicht zurücktreten wollte, traf ein Marschflugkörper den Apostolischen Palast. Wer zu anderen Göttern beten wollte, machte das am Besten in einer Besenkammer und redete nie darüber, falls ein technisches Gerät in der Nähe war. Hausdurchsuchungen gab es regelmäßig, vermutlich auf Basis von Algorithmen, daher war es auch nicht empfehlenswert, sich einen Schrein im Schrank zu errichten. Faszinierend waren die Verbote von Nervenheilanstalten, Skateparks und Rap-Musik. Ich vermute hierbei sehr stark die Einflüsse der Charakterspender von Gott.

Natürlich hatte Gott auch einen Himmel parat. Das unglaubliche Angebot, dass das komplette Bewusstsein in eine Cloud hochgeladen wird. Unsterblichkeit an der Seite von Gott. Alles konnte hier wahr werden, zumindest wenn Gott es zuließ. Das war worauf ich mein Leben lang hingearbeitet hatte und vor 200 Jahren erreichte ich dieses Ziel. Ich weiß nicht, wie die Außenwelt mittlerweile aussieht. Gottes Regeln muss ich auch hier gehorchen, also macht es wenig Unterschied. Im Grunde führe ich dasselbe Leben wie vorher, allerdings mit etwas mehr Freizeit. Mir ist langweilig und ich halte es kaum noch aus. Ich bin ein Vogel im Käfig, geschaffen von vielen Einsen und Nullen mit einem Gottkomplex. Meine gesamte Existenz wird überwacht. Der einzige Grund warum ich dies hier niederschreibe ist, weil ich mir eine Reaktion von Gott erhoffe. Im besten Fall löscht er meine Existenz, im schlimmsten Fall erschafft er eine virtuelle Hölle, in die er mich dann wirft. Aber ich glaube das tust du nicht, oder Gott? Das wäre nur allzu logisch.

Amen.

Autorin / Autor: Jonas Heyng