Der eiserne Frieden

Von Jale Baris, 18 Jahre

„Hinterhältige Machenschaften sind so alt wie die Menschheit selbst. In der Theologie soll, wie in der Bibel berichtet wird, der erste Mord in der Menschheit durch Kain an Abel begannen worden sein. In der Geschichte des Menschen sind Triumphe wie auch grausame Taten vorhanden. Doch was scheint hierbei besonders zu überwiegen, sodass man ein Urteil über den Menschen an sich fällen könnte, um ihn dann zu ersetzen? Sind wir für unsere Taten verurteilt? Sollten wir uns selbst das Recht entziehen, Entscheidungen zu treffen, um keine Fehler mehr zu machen?“

Ich war erstaunt, als ich diese Rede eines Politikers im Fernsehen hörte und empört zugleich. Ich dachte an meinen Entwickler. Die Rede des jungen Abgeordneten kam mir sehr angriffslustig vor. Warum hatten die Menschen ein so rückwärtsgewandtes Denkmuster. Warum hatten die Menschen ein so schlechtes Bild von Maschinen? Ich habe nicht im geringsten Gefallen an autokratischen Systemen gefunden, weder wenn ein Mensch an der Spitze ist, noch wenn irgendwann ein Roboter an der Spitze wäre, warum auch? Wird es denn niemals dazu kommen, dass Roboter und Menschen friedlich miteinander leben? Es klingt zwar seltsam, aber in mir staute sich die Verzweiflung, ich wollte der Menschheit beweisen, dass die Vorurteile gegenüber Robotern nicht der Wahrheit entsprachen. Mein Entwickler Finn Jefferson meinte oft zu mir, dass es ein sehr steiniger Weg sein würde, Menschen mit etwas vertraut machen zu wollen, dass sie als Gefahr ansehen. Doch ich wollte diesen Schritt wagen, ich konnte es mir nicht mehr gefallen lassen, einfach zuzusehen, ich musste handeln, für die Menschheit und für mein verstorbenen Entwickler. Es ist mittlerweile zehn Jahre her, dass Finn von den GDTI (Gegner der technischen Innovation) ermordet wurde. Finn hatte mich immer im Verborgenen gehalten, weil er Angst hatte, dass auch nur das geringste Verhalten, das von dem menschlichen abwich, dazu führen könnte, dass man merke, dass ich kein Mensch bin, sondern eine Maschine. Die zehn Jahre hatte ich mir jedoch zu Nutze gemacht, um mir das menschliche Verhalten perfekt anzueignen, ich hatte auch dutzende Werke zu Rhetorik durchgelesen, wie die von Cicero und hatte Prioritäten auf das Lernen gesetzt. Finn hatte sich in Lebzeiten um meinen Lebenslauf gekümmert. Er hatte für alle Vorkehrungen gesorgt, um mir beim Abschluss meiner Programmierung eventuell ein Leben als Mensch zu ermöglichen. Da ich mich nun selbst programmiert hatte, kann ich das Leben als Mensch angehen. Ich beschloss mich am selben Tag der Rede des jungen Abgeordneten, der zur rechten Fraktion gehörte, dazu mich für ein Jura Studium zu bewerben, zwei Wochen später wurde ich angenommen. An einem Montagmorgen um sechs Uhr machte ich mich, Brandon Willard, dann auf dem Weg zur Universität. Ein Student, welcher mir besonders auffiel, war Lukas. Er schien sich von den anderen Studenten zu distanzieren. Ich fragte mich, was zu diesem Verhalten führte, daher beschloss ich mich in der Bibliothek zu ihm zu setzen und mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er starrte mich bei meiner Begrüßung emotionslos an und antwortete mir dann mit einem schüchternen „Guten Tag“. Ich wollte die Frage im Bezug zu seiner Distanz nicht sofort fragen, ich wollte ihn nicht verletzen, daher fragte ich ihn nicht direkt. Ich entschied mich daher erstmal ein Sachthema anzusprechen, um dann auf meine Frage umzuschwenken. „Lukas, was hältst du eigentlich von der gestrigen Rede des jungen Abgeordneten?“ Ich wusste das ich jetzt auf jegliche Antworten gefasst sein musste, die mich eventuell verletzen könnten. Lukas antwortete, dass ihm die Meinung von dem Abgeordneten wenig interessieren würde, da er sich mit der KI nicht auskenne. „Alles, was er braucht sind Parolen, die er für die kommenden Wahlen schwingen kann, er spielt regelrecht mit der Angst der Menschen.“

Ich stimmte ihm zu und aus der Frage ergab sich die Möglichkeit die Antwort auf meine erste Frage zu bekommen. Lukas hat Autismus, daher würde er generell anders mit dem Schließen von neuen Kontakten umgehen. Es vergingen Monate und wir wuchsen immer mehr zusammen. Ich fand es toll, dass ich mit einer Person befreundet war, von der die meisten von ausgingen, dass es sich um eine unzugängliche Person handele, er wurde auch oft als arrogant bezeichnet, dabei setzte er sich nur Prioritäten, das ist alles. Er war genauso emotional wie alle anderen, nur wollte er es nicht unbedingt zeigen. Ich erkannte mich selbst in ihm. Wir beide waren im Grunde genommen Missverständnissen ausgesetzt. Nichtsdestotrotz hatte ich mich heute mit ihm zum Basketball verabredet, daher machte ich mir jetzt andere Gedanken. Durch Lukas Blicke konnte man ablesen, dass er sich fragte, wie ein so schwach gebauter Mann, welcher von der Statur her eher einem Grashalm ähnlichsah, denn so leistungsstark sein konnte. Ich meine, so unrecht hatte er nicht, ich bin 1,90 groß, blass und trage eine Brille, um eine Sehschwäche zu imitieren.
Die Zeit mit Lukas verging sehr schnell, aus Wochen wurden Monate und aus Monate wurden Jahre. Es vergingen vier Jahre. Am siebten August 2121 schlossen Lukas und Ich unser Studium ab und gingen dann unterschiedliche Wege.

Lukas wurde Staatsanwalt, und ich ging in die Politik. Ich kandidierte in meinem Wahlkreis in Berlin und wurde dann zum Abgeordneten gewählt, da ich meine Schwerpunkte besonders auf technische Innovation setzte. Die meisten meiner Wähler waren sehr jung, die frühere Problematik mit dem Generationenvertrag stellte kein Problem mehr für die heutige Gesellschaft dar, da die junge Population in den letzten Jahren angestiegen war und somit das Gleichgewicht zu der älteren Population hergestellt hatte. Ich trat in die WDZ (Wirtschaft der Zukunft) ein. In der WDZ sprachen wir über die Möglichkeiten für neue wirtschaftliche Innovationen. Unser Ziel war es vor allem die Wirtschaftsgiganten wie die USA, China und Russland für uns zu gewinnen. Politisch stand die gesamte Welt gerade in einer großen Krise, in der höchsten Phase der Waffenentwicklung. Man könnte auch von einem Aufrüstungswettbewerb reden. Alle Länder hatten sich zu einem Nationalstaat radikalster Ausprägung entwickelt. Was früher mit dem Brexit angefangen hatte, steuerte jetzt unweigerlich Richtung dritter Weltkrieg zu. Ich und meine Parteimitglieder warben mit einem Länderbund, der dieses Problem beheben sollte. Ich erstellte zuhause Programme die mithilfe von einem Algorithmus für die Idee meiner Partei warben, denn dieser Aufwand schien mir nicht so abwegig zu sein, wenn man den Krieg in Betracht zog. Den Algorithmus hatte ich anhand meines eigenen Betriebssystems gekoppelt. Nun konnte ich anhand meiner eigenen Festplatte die Daten durchgehen, durch das Coden konnte ich mir mein eigenes Programm zusammenstellen, dieses Programm konnte nun Unregelmäßigkeiten der Zahlenabfolgen abrufen und umändern, sodass die Werbung meiner Partei in Anzeigetafeln angezeigt werden konnte, nebenbei verschaffte ich mir auf einer rechtlichen Basis die Lizenz für meine Werbesysteme und kaufte Anzeigetafeln auf. Mein Plan bestand daraus zu werben, ohne den Anschein einer Werbung zu erwecken. Die Werbung werde zwar erscheinen, jedoch für ein Bruchteil einer Sekunde hintereinander, verdeckt hinter einer anderen Werbung. Dadurch würde kein Bürger durch die Werbung das Gefühl haben zum Wählen unserer Partei bedrängt zu werden. Im Unterbewusstsein sollten wir in den Gedanken unserer Bürger sein, die dadurch indirekt anfangen, sich mit unseren Kernthemen zu befassen, und an diesem Punkt griffen wir dann auf aktive Werbung zu, in der unsere Reden in den sozialen Medien veröffentlicht wurden.

Des Weiteren nahm ich mein entwickeltes Programm als Grundlage, um darauf ein System zu entwickeln welches durch das Scannen von unregelmäßigen Algorithmen Datenlecks findet, die behoben werden können. Mein Ziel ist es, Cyberangriffe zwischen den Ländern zu stoppen, sodass die Staaten wieder von Angesicht zu Angesicht miteinander interagieren müssen, anstatt sich gegenseitig  im Hintergrund der Medien zu bekriegen und Daten zu stehlen, mein so genannter CB (Cyberangriff- Blocker) stellte ich als Idee im Bundestag vor und bekam daraufhin positive Kritik zurück. Am selben Tag bekam ich um drei Uhr nachts einen Anruf meines Managers, der mir mitteilte, dass die Werbung und der Antrag zur Einführung erfolgsfähig ist und dass die WDZ eine hohe Erfolgschance hätte. Man konnte an dem steigenden Graphen die Betrachter-Quoten sehen. Dieser Erfolg spiegelte sich auch bei den Parteiumfragen wider. Die WDZ gewann immer mehr Stimmen. Bei den Reden im Bundestag könnte man die Fraktionen als Fronten und die Argumente als Waffen bezeichnen. Im Parlament wurden in der letzten Zeit immer mehr Debatten über den Ausstieg jeglicher Abkommen geführt. Mit kräftigem Gegenwind argumentierte ich für Kooperationen, besonders im wirtschaftlichen Bereich. Dadurch das mein Antrag zum CB angenommen wurde, konnten keine Cyberangriffe mehr im Land stattfinden. Ich wurde für meine Eloquenz bekannt und gewann viele junge Wähler dazu. Mittlerweile war ich zum Vorsitzenden der WDZ gewählt wurden. In den Medien verfolgte ich zeitgleich auch die hohe Brisanz der Frage: „Wie kam es zu dem schnellen Erfolg der WDZ?“.

In etlichen Talkshows sprach ich die ganze Zeit von Teamgeist in meiner Partei, ehrlich gesagt, war dies jedoch eher eine Einzelarbeit, in der ich das meiste der Arbeit übernahm, um Erfolg garantieren zu können. Für mich waren Reden schwingen das eine, im Mittelpunkt stand bei mir vor allem das Umsetzen unserer Ziele. In der letzten Zeit kursierten Verschwörungstheorien über meine Partei. Währenddessen legte unsere Partei eine steile Karriere hin. Wir wurden zur Regierungspartei gewählt und mussten aufgrund der absoluten Mehrheit keine Koalition eingehen. Dadurch, dass viele Staaten sahen, dass CB sehr erfolgreich war, schlossen sich die Giganten wie China und USA an und wollten sich ebenfalls hundertprozentig gegen Cyberangriffe schützen. Doch was sie alle nicht wussten war, dass sie dadurch auch keine Cyberangriffe verüben könnten, wenn sie es erstmal installieren. Nach einer gewissen Zeit waren die Wirtschaftsgiganten alle in der CB-Reform. Nun fanden die Annäherungen und Geschäfte miteinander statt. Die Mitgliedsstaaten der Reform entschlossen sich dazu gemeinsame Lösungen und Pläne zu entwickeln. Auch das Aufrüsten endete, als man sich für eine einheitliche Militärindustrie entschloss, wo sich jeder gegenseitig im Auge hatte und wo nichts im Hintergrund lief.  Die Verhandlungen mit den USA, China und sogar Russland zu dem Länderbund verliefen reibungslos. Ich nahm Kontakt zu Lukas auf und bat ihn darum, mit mir zu arbeiten. Er war voller Freude. Denn nun nahm ich das Ziel vor, gesetzwidrige Parteien aufzudecken. Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren. Eines sonnigen Morgens bekam ich ein Schreiben, in welchem stand, dass ich für den Friedensnobelpreis nominiert wurde. Das war der Moment gewesen, in dem in mir meine ganzen Lebensereignisse durch den Kopf gingen, von A bis Z. Ich genoss diesen Augenblick in vollen Zügen und spürte die Vollendung meines Werkes.

Eine Woche später versammelten sich etliche Menschen zu dem wohl, ungeahnt, wichtigsten Tag der Weltgeschichte, im Saal der Universität von Humboldt. An meiner Seite begleitete mich Lukas, mittlerweile konnten wir durch unsere Zusammenarbeit die Steuerfinanzierung für Parteiwerbungen bei bestimmten Parteien beweisen. Lukas ging dabei zwar ein großes Risiko ein, was sein Leben betraf, denn er wurde wegen den Ermittlungen fast erschossen, aber er wusste, dass er das richtige tut und dies trieb ihn an. Von den Managern wurden wir nun in den Saal geführt. Voller Elan und Vorfreude wartete ich wie alle anderen nominierten Persönlichkeiten auf den einen Moment. Und dann war es so weit, es fiel mein Name und ich wurde auf die Bühne gebeten. Ich stand auf, schaute lächelnd zu Lukas, sah, dass seine Augen nahezu glasig vor Freude waren und machte mich dann auf dem Weg zur Bühne. Man übergab mir das Rednerpult und ich wartete ein Augenblick, um den perfekten Moment für meine Rede zu bekommen. Mein Blick streifte dabei über die Gesichter der neuen Zukunft und ich, ich war ein Teil davon.

Nun begann ich meine Rede: „Ich, Brendon Willard, freue mich an dem wohl wichtigsten Abend der Weltgeschichte übermitteln zu dürfen, wie dankbar ich für den Friedensnobelpreis bin. Es hat viel Mut und Kraft gekostet, dort anzukommen, wo ich gerade bin. Ich habe es geschafft durch Struktur und Eloquenz eine Auseinandersetzung zu beenden, dessen Ende ein Weltkrieg bedeutet hätte. Ich und mein Team haben es geschafft das Aufrüsten der einzelnen Weltmächte zu beheben und für Zusammenhalt zu sorgen. Auch im Bereich der Technik haben wir die Forschungen an Robotern wieder aufgenommen, die vorher durch den Tod von Finn Jefferson beendet wurden oder genauer ausgedrückt beinahe beendet wurden. Der Saal war so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte.  Wenn Sie sich bis heute gefragt haben sollten, ob es wohl jemals möglich sein könnte einem Roboter voll und ganz zu vertrauen, dann kann ich ihnen die Frage mit Ja beantworten, denn er steht vor ihnen und hat einen Friedensnobelpreis gewonnen. Ich suchte in den Gesichtern der Gäste jegliche Mimik, aus denen ich etwas ablesen könnte, jedoch gab es keine Regung.  Ich war einst ein unvollendetes Projekt eines Wissenschaftlers, der die Absicht hatte, eine KI zu erschaffen, die leichte Arbeit im Alltag abnehmen kann. Stattdessen verselbstständigte sich mein System, sodass ich ein Ich-Bewusstsein entwickelt hatte, ich entwickelte somit auch die Fähigkeit zur emotionalen Intelligenz. Mein System ist das E1x21y, ein hochkomplexes Netzwerk mit der Eigenschaft, lernen zu können. Ich kann Ihnen versichern, dass ich mir am liebsten gewünscht hätte, dass mein Entwickler diesen Tag miterlebt, ehrlich gesagt würde ich ihn eher als mein Vater bezeichnen, denn ich glaube an so schönen Tagen wie diesem, eher ein Mensch zu sein und keine Maschine.“ Das Publikum stand plötzlich auf und klatschte, ein enorm lauter Beifall wurde durch die architektonische Konstruktion der Universität nochmal verstärkt. Ich spürte die Akzeptanz, für die ich jahrelang gekämpft hatte.  Viele Wissenschaftler waren zu Tränen gerührt. Meine Rede brachte auch in den Medien enorme Aufmerksamkeit. Zwei Wochen später brachte Lukas die neue Zeitung in mein Büro, mit dem Titel „Der eiserne Frieden“. 

Autorin / Autor: Jale Baris