Deletia

Wettbewerbsbeitrag von Joshua Clausnitzer, 26 Jahre

Existenziell. Verführerisch. Bedrohlich. Das ist Deletia. Wer oder was soll das genau sein? Delete. Existenziell. Verführerisch. Deletia, die Hauptstadt der Ahnungslosen, die Hauptstadt des Seins. Delete. Existenziell. Tom wacht auf, wieder einmal in Schweiß gebadet. Sein Körper zittert, er hat schon wieder von Deletia geträumt. Wirre Gedanken, verschwommene Bilder ziehen durch seinen Kopf. Was hat er durchgemacht? Delete.

Mora ist Reporterin, besser gesagt fliegende Reporterin. Hoch über den Wolkenkratzern von Deletia ist ihr Zuhause. In ihrem eigens für sie designten Helikopter, der zudem auch noch autonom fliegt, kreist sie über die Stadt. Das blühende Leben in der Innenstadt fasziniert sie immer wieder. Sie hat definitiv den besten Job der Welt, den ihr keiner mehr nehmen kann. Ihr Helikopter kann sogar Fotos schießen. Dafür wurde extra eine kleine Kamera an die Spitze des Helikopters angebracht, welche eine Auflösung von 20k hervorbrachte. Manchmal fragten Mora Leute, was es denn mit diesen 20k auf sich habe. Mora konnte immer nur mit dem Kopf schütteln, in einer so tollen Stadt wie Deletia war es doch klar, was es mit 20k auf sich habe. Delete.

Mira lebt im Exil. Einst arbeitete sie für die Stadt, für Deletia. Sie war eine ranghohe Beamtin. Doch was ihr damals zustieß, würde sie niemals vergessen. Nach nur einigen Tagen im Amt der Stadtverwalterin, wurde ihr bereits klar, dass etwas nicht stimmen konnte mit ihrer Stadt. Ihre Aufgabe war es, Struktur und Einheit in die Straßen Deletias zu bringen. So weit, so gut. Doch weit gefehlt! Es war alles zu einfach, alles zu glatt. Weder ihre Vorgesetzten, noch ihre Delegierten, hatten jemals eine Meinung gehabt zu den Thesen und Wünschen, die Mira äußerte. Sie versuchte, neutral zu bleiben, doch es war bereits viel zu spät. Mit der länger ausgeführten Amtszeit wurde sie immer mehr genau zu dem, was sie nicht sein wollte. Eine funktionierende Maschine, in einem Apparat, der vermeintlich als der Beste galt, allerdings viel mehr Schein als Sein war. Emotionen gab es nicht und Mira hatte Probleme, überhaupt welche kreieren zu können. Eines Tages überfiel sie ein Gedanke, den sie nicht mehr loslassen konnte. Sie war glücklich, dass sie trotz ihrer emotionalen Kälte es schaffte, nicht komplett sich dem Sog Deletias hinzugeben. Wie ein Donnerschlag, wusste sie, was sie zu tun hatte. Eine Lücke in der Gesellschaft gab es nicht, um zu entkommen, das war ihr klar. Allerdings konnte sie einfach abhauen. Sie würde ins Exil gehen, ihr Eigenes erschaffen. Sie wäre der erste Mensch, der dies getan hätte, aber wer, wenn nicht sie? Es würde sowieso keinem auffallen, wenn sie an ihrer Arbeitsstelle nicht mehr antreten würde. Keiner hatte sich je um sie gekümmert, und innerhalb weniger Tage wäre der Posten anders besetzt. Es war Miras Revolte, eine kleine Revolte gegen Deletia. Es musste der Anfang einer neuen Bewegung sein. Das schwor sich Mira! Delete.

Mura wacht auf, wo genau sie sich befindet, weiß sie nicht. Alles um sie herum sieht aus wie ein Kerker. Folterinstrumente prägen die Wand. Kann das realistisch sein? Sie weiß es nicht. Sie versucht sich zu bewegen, doch scheitert. Sie scheint fest gekettet zu sein an einer hölzernen Liege. Es kann nicht mehr schlimmer werden, denkt sich Mura. Sie hört Schritte. Der Angstschweiß auf ihrer Stirn nimmt zu. Realität, Traum? Realität, Traum? Mura wägt ab und plötzlich steht ein alter Mann im weißen Kittel vor ihr. Er begrüßt sie und lädt sie ein, mit ihm in die wundervolle Welt der Freiheit, der Zufriedenheit zu kommen. Sie kommt erst gar nicht dazu, ihren Mund zu öffnen, als der alte Mann ihr ein komisch aussehendes Serum in ihren Arm spritzt. Das letzte, was sie vernimmt, sind einzelne Buchstaben. D L T A. E E I. DEL.E.T.I.A. D.E.L.E.T.I.A. Delete...

Deletia, was ist das für eine Stadt?, Deletia, warum bist du bloß voll mit Freiheit und Zufriedenheit? Deletia, wer machte dich zu dem, was du bist? Deletia, wer kann es wirklich mit dir aufnehmen?

Deletia, du bist doch Perfektion. Deletia, du bist das einzig Wahre. Deletia, du bist existenziell. Deletia, du kannst dich niemals selbst vernichten.

Mik wacht auf. Stimmen in seinem Kopf haben ihn dazu gebracht, seinen geliebten Schlaf zu unterbrechen. Schlafen, ja, das kann man freilich am besten tun, in Deletia. Keiner stört einen. Keiner unterbricht einen. Keiner durchdringt die Ruhe. Mik ärgert es, dass er sich im Prinzip selber eine Standpauke halten kann. Nur durch sein eigenes Verhalten, hatte er aufgehört zu schlafen. Doch was genau waren das für Stimmen, die er vernommen hatte? Mik ist sich nicht sicher, was mit ihm geschehen war. Er hatte noch nie seinen Schlaf wegen komischer Gedanken unterbrechen müssen. Soll er sich nun deswegen Sorgen machen? Eher nicht, denkt er sich und versucht, weiter zu schlafen. Deletia, Göttin der Sorgen, Deletia, Göttin der Unbekümmertheit. Wieder bricht Mik aufgrund seiner ungewöhnlichen Strapazen seinen Schlaf ab. Warum musste ihm das bloß passieren? Wütend steht er auf. Es hat keinen Sinn mehr. Es hat keinen Sinn mehr zu schlafen. Es hat keinen Sinn. Delete.

Muk schreibt gerne über Deletia. Es ist schon immer ihr Lieblingsthema gewesen. Muk ist die Starjournalistin in Deletia. Immer auf dem neuesten Stand, immer den neuesten Trend parat. In einer sich so schnell verändernden Stadt, musste man ja schließlich up to date sein. Wenn Leute Muk fragen, wie sie all dies immer schaffe, dann muss sie schmunzeln. In einer Stadt wie Deletia habe Informationsbeschaffung stets die oberste Priorität. Seien es die vielen 15k Auflösungsdisplays oder Monitore, die überall in der Stadt hingen, oder seien es die 5 mal 5 Meter großen Leinwände, die über aktuelle Aktionen informierten. Muk ist vehement der Meinung, dass in Deletia jeder informiert wird, auch wenn er oder sie es nicht wollen würde. Diese Vorstellung verwirft sie dann jedes Mal, denn ein Mensch, der kein Bedürfnis an Aktualität oder Informationen besitzt, ist für sie nicht der Existenz würdig. Direkt ins Exil und den Deckel darauf machen. So hat es Muk am liebsten. Schnell eilt sie zu der nächsten Informationstafel, um sich einen Überblick der aktuellen Lage zu verschaffen. Die Tafel wird von dem Schriftzug: Deletia - Freiheit und Zufriedenheit geprägt. Delete.

Deletia, Stadtstaat, Deletia, Gottesstaat in ihrer wundervollen Reinheit. Deletia, Name ist Programm. Delete.

Wie geht es weiter mit Deletia? Kann Deletia noch gestoppt werden oder ist sie auf dem Weg, dem Existenzialismus eine Existenz zu geben? Delete. Wie geht es weiter mit? Delete. Kann. Delete. Noch gestoppt werden? Delete. Ist sie auf dem Weg? Delete. Existenzialismus. Delete. Existenz. Delete.

Dauer.
Eleganz.
Lebenslust.
Eifer.
Trend.
Intelligenz
Abenteuer.


Druck.
Existenz.
Leiden.
Einsamkeit.
Trauer
Eitelkeit.














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