Der Absturz

Wettbewerbsbeitrag von Hütti, 14 Jahre

Lustlos legte er sich auf die Couch und schaltete den Fernseher an. Jeden Tag sah er sich die Nachrichten an, in dem kläglichen Versuch, einen Rest von seinem früheren Tagesrythmus aufrechtzuerhalten.
Er seufzte. Seit er vor einer Woche seinen Job verloren hatte, wusste er nichts mehr mit sich selber oder seinem Leben anzufangen. Sein ganzes Leben seit dem Ende seiner Schullaufbahn hatte bis vor einer Woche aus seinem Job bestanden. Er hatte hart und viel gearbeitet und hatte als Belohnung einen nicht schlechtbezahlten Job bekommen. Allerdings wurden immer wieder Kolleginnen und Kollegen von ihm wegen nicht ausreichender Leistung gefeuert. Einer der intelligentesten oder effizientesten Arbeitenden war er selber nie gewesen, weshalb er sich stets angestrengt und so viel Energie wie möglich in seine Arbeit gesteckt hatte. Er hatte gehofft, dass er so einigermaßen sicher vor der Entlassung sein würde. Leider hatte sich dies nicht bewahrheitet und vor einer Woche hatte ihm sein Chef, aus seiner Sicht überraschenderweise, die Entlassungsurkunde überreicht. Damit war sein gesamtes Leben zusammengebrochen. Alles was er sich in mehr als zehn Jahren aufgebaut hatte, war zunichtegemacht worden, und weil er so hart dafür gearbeitet hatte, nicht gefeuert zu werden, hatte er auch keine Zeit für Hobbys, Freunde oder Beziehungen gehabt. Geschwister besaß er ebenfalls nicht, und seine Eltern waren bereits seit längerer Zeit tot. So lag er also da, ohne Familie, Freunde und Job, auf seiner Couch. Der Schmerz und die Hoffnungslosigkeit überrannten ihn immer wieder, und er konnte nichts dagegen tun.

Er versuchte, sich auf die Nachrichten zu konzentrieren, um nicht mehr an sein eigenes gescheitertes Leben denken zu müssen, aber selbst, wenn ihm das gelungen wäre, hätte es ihn nicht aufgemuntert. Die Nachrichten waren fast so deprimierend wie sein eigenes Leben: Krieg, Klimawandel und Corona. Als die Nachrichten vorüber waren, ohne dass er wirklich etwas von ihnen mitbekommen hatte, schaltete er den Fernseher wieder aus.
Was sollte er jetzt tun? Die schmerzhafte Wahrheit war, dass er seit seiner Entlassung nichts mehr zu tun hatte. Niemand brauchte oder vermisste ihn. Er könnte einfach bis in alle Ewigkeit hier auf der Couch liegen bleiben, und es würde niemanden interessieren.

Da es sowieso niemanden interessierte, machte er sich nicht die Mühe, sich aufzurichten oder gar von der Couch aufzustehen. Seine Gedanken schweiften wieder zu seiner Entlassung. Er hatte so viel in seinen Job investiert. Und dann wurde er einfach so gefeuert. Beseitigt wie ein lästiges Insekt, als sein Arbeitgeber beschlossen hatte, dass er nicht mehr benötigt würde. Er könnte sich natürlich einen neuen Job suchen, aber wer konnte ihm garantieren, dass er nach kurzer Zeit nicht wieder ohne Arbeit dastehen würde? Wurde er überhaupt noch von irgendwem gebraucht?

Schließlich schlief er endlich ein. Doch am nächsten Tag sah seine Welt nicht besser aus. Er war noch immer ohne Job und ohne Hoffnung und zusätzlich dazu schmerzte sein Rücken von dem Schlafen auf der Couch.
Ein paar Minuten lag er einfach nur auf der Couch, bis er sich endlich dazu aufraffen konnte, aufzustehen und zum Frühstückstisch zu gehen. Er schaute auf die Uhr. Es war fast 10 Uhr. Normalerweise würde er jetzt bereits mehrere Stunden arbeiten. Aber was bedeutete schon „normalerweise“? Sein neues „normal“ war es, den ganzen Tag in seiner Wohnung zu hocken und nichts zu tun. Schon wieder versank er in trüben Gedanken.
Er hatte keinen wirklichen Hunger, aber er nahm sich trotzdem eine Scheibe Brot und ein wenig Käse dazu. Er machte sich nicht einmal die Mühe, Butter auf sein Brot zu schmieren. Dazu trank er ein Glas lauwarmes Leitungswasser. Noch vor 8 Tagen hatte er zum Frühstück nur Kaffee getrunken. Aber da hatte er auch noch seinen Job besessen.

Nachdem er sein karges Frühstück gegessen hatte, saß er am Tisch und trank ab und zu ein wenig Wasser.
Plötzlich wurde die Stille vom Klingeln des Telefons durchbrochen. Seit seiner Entlassung hatte er nicht mehr telefoniert. Wenn das Telefon geklingelt hatte, hatte er sich nicht die Mühe gemacht zum Telefon zu gehen und abzunehmen. Aber da er jetzt am Tisch saß, war das Telefon direkt neben ihm und er müsste nur mit der Hand danach greifen, um abzunehmen. Da er sowieso nichts zu tun hatte, könnte er auch genauso gut abnehmen.

Als er abnahm, war er überrascht, die Stimme eines alten Schulfreundes zu hören. Der Schulfreund war nach der Schule in sein Traumland ausgewandert. Sie hatten Kontakt gehalten und sich immer wieder angerufen, allerdings waren die gegenseitigen Anrufe im Laufe der Jahre immer weniger geworden, und in den letzten Jahren hatten sie sich nur noch zweimal im Jahr angerufen, jeweils zum Geburtstag des anderen.
Die Stimme seines Freundes begrüßte ihn freudig: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Wie geht’s dir?“ Für einen Moment war er unfähig zu antworten. Er war zu überrascht von seinem Anruf. Natürlich wusste er, dass sein Freund ihn immer an seinem Geburtstag anrief, aber er hatte nicht mehr daran gedacht, dass er heute, 8 Tage nach seiner Entlassung, Geburtstag hatte. Schließlich war ihm nicht gerade zum Feiern zumute.
Er antwortete schnell, damit sein Freund nicht merkte, dass er log: „Danke. Mir geht’s gut.“ Allerdings hatte er wohl nicht so überzeugend geklungen, denn sein Freund hakte nach: „Wie geht’s dir wirklich? Irgendetwas bedrückt dich, das höre ich.“
Er schwieg für ein paar Sekunden. Sollte er vielleicht versuchen, sich rauszureden und irgendeinen Grund vorzuschieben? Aber was würde das nützen? Er antwortete wahrheitsgemäß: „I-Ich bin seit 8 Tagen arbeitslos.“ Nun war es an seinem Freund, zu schweigen. Nach einigen Sekunden fragte sein Freund ihn: „Und was machst du jetzt?“ Diese Frage traf ihn ins Mark. Die Wahrheit war, dass er nichts tat. Sein Leben bestand nur noch daraus, zuhause rumzuhocken, aber das konnte er seinem Freund nicht sagen, also schwieg er bis sein Freund fragte: „Hast du schon nach einem anderen Job gesucht?“ Er schüttelte stumm den Kopf. Dann ging ihm auf, dass sein Freund das nicht sehen konnte und er antwortete leise: „Nein.“
Sein Freund seufzte: „Du stehst dir also mal wieder selbst im Weg?! Es gibt doch in deiner Branche genug freie Jobs. Die Branche braucht dich!“
Wieder einmal wunderte er sich über seinen Freund. Wie konnte sein Freund sich so sicher sein, dass er gebraucht wurde? Er stellte die naheliegende Frage: „Warum hat man mich denn gefeuert, wenn man mich braucht?“ „Woher soll ich das wissen?“, kam die Gegenfrage von seinem Freund. „Vielleicht ist dein Chef einfach nur blöd.“ Er musste lachen. Das erste Mal seit Tagen.

Vielleicht hatte sein Freund Recht und er wurde tatsächlich gebraucht. Er sollte zumindest versuchen, einen neuen Job zu kriegen. Was hatte er noch zu verlieren?! Sein Kampfgeist kam wieder auf. Er würde es seinem ehemaligen Chef zeigen und es woanders zu Erfolg bringen!
Er sagte zu seinem Freund: „Okay, du hast mich überzeugt! Ich suche mir einen neuen Job!“

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