Vorsicht, Erreger im Anmarsch

Studie: Der Anblick kranker Menschen ruft eine Immunantwort hervor. Ob sie auch vor Erkrankung schützt, ist aber noch unklar

Wenn Krankheitserreger in unseren Körper eindringen, wird unser physiologisches Immunsystem (PIS) aktiviert und unser Organismus beginnt, die Eindringlinge aktiv zu bekämpfen. Während unser Körper solche Erreger identifziert, kriegen wir selbst erst mal nicht viel davon mit. Wir merken oft gar nicht, dass wir unerwünschten Besuch bekommen haben.
Wenn wir hingegen jemanden sehen, der krank ist, und instinktiv Abstand halten, oder wenn wir bei ekligen Gerüchen automatisch die Schotten dicht machen und die Luft anhalten, dann ist das Verhaltensimmunsystem (engl. behavioral immune system, BIS) im Einsatz. Der Begriff stammt aus der Psychologie und beschreibt unser Vermeidungsverhalten, wenn wir Krankheitsgefahr wittern und uns ekeln.

In mehreren Studien wurden Hinweise darauf gefunden, dass das physiologische Immunsystem und das Verhaltensimmunsystem einander beeinflussen. Die Hinweise bestätigten sich allerdings oft nicht, wenn die Versuche wiederholt wurden.

Wissenschaftler_innen des Fachbereichs Biologie der Universität Hamburg haben nun weitere Erkenntnisse zum Zusammenwirken der beiden Systeme gewonnen.

Ekelvideos erhöhen Antikörper im Speichel

Im Experiment ließen die Forscherinnen 116 Testpersonen verschiedene ekelauslösende Videos schauen. Zwei der Videos zeigten Situationen, die mit ansteckenden Virusinfektionen der Atemwege in Verbindung standen. Das dritte Video enthielt kein Risiko einer Ansteckung, sondern zeigte Situationen, die im Kern Ekel hervorrufen, wie zum Beispiel verdorbene Lebensmittel, verwesende Tierkadaver oder Kakerlaken. Ein viertes Video diente als Kontrolle und zeigte Landschaftseindrücke. Die Forschenden nahmen Speichelproben, um die Konzentration von Antikörpern (sIgA) zu messen und ließen die Proband_innen Fragebögen zu ihrem Empfinden ausfüllen.

„Es zeigte sich, dass die sIgA-Konzentration bei Testpersonen nach der Stimulation – vor allem bei Videos, die Menschen mit Krankheitssymptomen zeigen – anstieg“, sagt Judith Keller, Erstautorin der Studie. Auch nach dem Schauen von Videos mit verdorbenen Lebensmitteln stieg die Konzentration – allerdings nicht so stark wie nach dem Video mit Krankheitsbezug.

Reaktion vor Eindringen des Krankheitserregers

Für Forscherin Keller sind die Erkenntnisse besonders, denn bisher wurde davon ausgegangen, dass das physiologische Immunsystem erst reagiert, wenn der Erreger bereits in den Körper eingedrungen ist. "Der Anstieg in unserer Studie spricht dafür, dass es aber auch aktiv werden kann, bevor das Pathogen [der krankmachende Erreger] in den Körper kommt“, so Keller. Die Forscher_innen nehmen an, dass das Verhaltensimmunsystem in diesem Fall also nicht nur psychologische Maßnahmen auslöst, sondern auch eine Antwort des PIS hervorruft.

Leider bedeutet das Vorhandensein einer höheren Konzetration von Antikörpern im Speichel nicht automatisch, dass wir vor dem jeweiligen Erreger auch besser geschützt wären und eine bessere Immunität haben. Dafür konnte die Studie keine Belege liefern. Es ist aber denkbar, weil die Antikörper im Speichel grundsätzlich eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr spielen.

Zukünftige Studien sollen hier Licht ins Dunkel bringen. Wäre es nicht praktisch, wenn es genügen würde, ein paar Videos von niesenden und schniefenden Menschen anzusehen, um der nächsten Erkältungswelle zu trotzen? Ganz so einfach ist es natürlich nicht, aber es zeigt, dass unser Ekelempfinden mehr sein könnte als nur ein unangenehmes Gefühl. Es bereitet unseren Körper möglicherweise schon vor dem tatsächlichen Kontakt mit Erregern darauf vor, dass er gleich etwas zu tun hat.

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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung