Die Stadt am Meer

Wettbewerbsbeitrag von Liina Elsner, 19 Jahre

Ich weiß nicht, wie es angefangen hat, irgendwo zwischen einem abgestandenen Bier und einem ersten Hallo. Du bist hierhergezogen, in die Stadt am Meer, den ganzen Weg aus Berlin. Manchmal wusstest du selber nicht genau, was du hier machst, hast du mir mal erzählt, denn alles, was dir wichtig war, hast du dort gelassen. Wir hatten nicht viel gemeinsam, außer dass es uns zufällig zur selben Zeit an den selben Ort verschlagen hatte, mit halbreifen Plänen und ersten Versuchen.
Über die Monate die folgten, bist du Teil eines Lebens geworden, von dem ich früher nie gedacht hätte, dass es mal meins sein wird. Es hätte ungleicher nicht sein können, das mit dir und mir, aber es ist etwas zwischen uns entstanden, das sich wie Freundschaft angefühlt hat.

Ich weiß nicht, wieso es passiert ist, was sich verändert hat, aber ich glaube, es war der Abend, an dem du deinen Kopf an meine Schulter gelegt hast und ich dir von den Dingen erzählt habe, die mich nachts nicht schlafen lassen und den Träumen, die ausgesprochen nur noch halb so gut klingen. Ich glaube, ich habe mich ein bisschen zu sehr in meinen eigenen Worten verirrt, mich ein bisschen zu sehr in deinem Geruch und deiner Wärme verloren und dann hast du mich irgendwann so angeguckt. Und ich habe deinem Blick standgehalten, vielleicht zum ersten Mal, habe meiner Angst standgehalten, der Angst, dass du mich vielleicht zu gut kennst mittlerweile.

Ich konnte nicht mehr nur eine Freundin sein, wenn deine viel zu müden Augen nach einer schon wieder viel zu langen Nacht alles waren, woran ich denken konnte. Auch wenn dir der Alkohol mehr zugelächelt hat als du mir und ich nie wusste, wann du etwas ernst gemeint hast und wann nicht. Auch wenn du manchmal tagelang verschwunden warst, um dich mit Fremden treiben zu lassen und deine krümelige Wimperntusche auf deinen Wangen alles war, was davon übrig blieb.
Ich hätte mir so vieles gewünscht, seitdem, seit diesem Abend. Dass du deinen Kopf wieder an meine Schulter legst und ich dich halten kann, in meinem Arm. Dass die Welt ein bisschen für uns stehen bleibt, mir ein bisschen mehr Zeit gibt, herauszufinden, was das hier ist, wer du für mich bist.

Vielleicht gab es nichts, was ich mir hätte wünschen können, was den Tag verhindert hätte, an dem du mir von ihm erzählt hast. Davon, dass er nun jede Nacht bei dir schläft. Dass du dich verliebt hast. Vielleicht gab es auch nichts, was dich hier gehalten hätte. Du hast oft überlegt, wieder zurückzugehen nach Berlin, auch vor ihm. Ich wollte dich immer unterstützen, habe es zumindest versucht, wollte, dass du glücklich bist und vielleicht kannst du das hier einfach nicht sein, so weit im Norden, mit dem Wind und den Möwen und dem Meer. Aber insgeheim habe ich immer gehofft, dass du bleibst. Mit mir in dieser Stadt, die wir beide nicht wirklich Heimat nennen können.

Vielleicht bist du seinetwegen nach Berlin zurückgegangen. Vielleicht wegen der Kunst, die du machen wolltest oder der Menschen, die dort viel weniger engstirnig sind als hier. Du hättest dich entschieden, so oder so, auch ohne ihn, das weiß ich mittlerweile. Du mit deinen Träumen und Ideen, die immer zu groß für diese Stadt und gerade richtig für Berlin waren.
Ich habe so lange gebraucht, um deine Entscheidung zu akzeptieren, hätte dich so gerne mit aller Kraft festgehalten. Hätte dir so gerne von all den Worten erzählt, die es nie zu dir geschafft haben und all den Berührungen, die wir nie miteinander geteilt haben. Aber irgendwann waren auch deine letzten Umzugskartons gepackt und mit ihnen die Dinge, die ich dir nicht mehr gesagt habe.

Bis zum Bahnhof habe ich gebraucht, wo er dich in den Arm genommen und dir einen Kuss auf die Wange gedrückt hat und ihr beide eingestiegen seid. Aber in dem Moment, in dem sich die Türen der Regionalbahn geschlossen haben und du dich ein letztes Mal nach mir umgedreht hast, da habe ich dich endlich ziehen lassen. Habe dich gehen lassen, mit allem, was nie gewesen ist und nicht hätte sein können. Habe zugelassen, dass der Wind meine Erinnerungen an dich davonträgt. Und es ist erträglich geworden, irgendwie.

Mittlerweile halte ich viel seltener die Luft an und schlafe machmal sogar durch. Du wärst stolz auf mich, wenn du wüsstest, dass ich mich wieder mit anderen treffe und regelmäßig in die Uni gehe, aber ich erzähle dir nicht mehr davon. Frage mich nicht mehr, wo du gerade bist, schaue nicht mehr ständig auf mein Handy, in der Hoffnung, du würdest mir schreiben. Die Stadt fühlt sich nicht mehr so leer an, auch wenn ich sie nun alleine erkunde und die Möwen auch aufgehört haben, auf dich zu warten.

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Autorin / Autor: Liina Elsner - Stand: August 2022