Was kommt nach der Angst?

Wettbewerbsbeitrag von Charlotte, 21 Jahre

Da sind die Stimmen um mich herum, die anschwellen und wieder leiser werden. Ein Rhythmus, geschaffen aus Nervosität und Aufregung. Eine Symphonie, die aus ihnen erwächst und zu einer gemeinsamen Melodie wird. Eine Melodie, die einen mitreißen will, die sich an einen klammert und nicht mehr loslässt. Mich nie mehr loslässt. Sie ist immer in meinem Kopf, egal ob ich immer noch vor dieser Tür stehe, ob ich immer noch darauf warte, dass sich die Tür vor mir öffnet und mein Name aufgerufen wird oder ob ich zuhause im Bett liege. Ob ich die Augen schließe oder sie aufhabe. Ich kann sie nicht abschalten.

Und auch ihre Lautstärke kann ich nicht regulieren. Wenn ich sie runterdrehen könnte. Zu einem leisen Flüstern im Hintergrund, das zwar da ist, aber sich nicht über alle andere Gedanken legt. Doch meistens ist diese Melodie zu laut. Und sie wird immer lauter. Bis da irgendwann nichts anderes mehr ist, bis sie alles verdrängt hat. Dann wird aus der Melodie wieder eine Stimme. Eine einzelne diesmal. Eine die mich anbrüllt, die mich versucht zu überzeugen. Und sie übernimmt die Kontrolle, langsam aber sicher, lässt sie meinen Herzschlag steigen, lässt meine Hände zittern, sorgt dafür, dass mir am ganzen Körper der Schweiß ausbricht. Und am Ende siedelt sie sich in meiner Kehle an, bis ich das Gefühl habe, keine Luft mehr zu bekommen. Sie lässt mir keine Wahl. Sie zwingt mich auf sie zu hören, erst dann lässt sie endlich von mir ab, wird wieder leiser. Lässt mich zurück, auf eine seltsame Art allein. Allein mit meiner Scham, mit meinen Zweifeln, über das was ich getan habe und über das was ich nicht getan habe. Lässt die Tränen der Panik, die über meine Wangen fließen, in Tränen der Trauer und Hoffnungslosigkeit wandeln. Lässt sich mir die Decke über den Kopf ziehen, mit der Hoffnung dann endlich meine Ruhe zu haben, mich vor ihr zu schützen. Und damit vor mir selbst. Denn diese Stimme ist nur in meinem Kopf. Diese Panik ist nur in mir drin. Und sie ist grundlos. Und so muss sich mein rational denkendes Hirn fragen, wieso es in solchen Situationen etwas nicht rational Erklärbares denkt.

Nur nicht aufgeben, immer wieder aufstehen, versuche ich mir selbst zu sagen. Aber wie oft? Wie oft kann ich mich dieser Situation noch aussetzen? Welcher Teil wird als erster rebellieren? Mein Körper, der die Belastung einfach nicht mehr aushält oder mein Geist, der keine Kraft mehr aufbringt, der nichts mehr findet, um mich zu motivieren.

Wir alle haben manchmal Angst. Eine natürliche Schutzfunktion des Körpers, die darauf aus ist, unser Überleben zu sichern. Unser vegetatives Nervensystem wird aktiv, der Sympathikus sorgt dafür, dass ordentlich Adrenalin unseren Blutkreislauf flutet. Wir sind jetzt wach, bereit. Bereit, entweder zu fliehen oder zu kämpfen. Wir müssen nicht mehr nachdenken, wir handeln instinktiv. Auf Grundlage einer tief verwurzelten Überzeugung, dass es in dieser Situation angebracht ist, Angst zu empfinden. Aber was ist, wenn eben diese Angst irrational ist? Und vor allem, wie kann man sie überwinden?

Besonders letztere Frage habe ich mir in den letzten Wochen und Monaten immer wieder gestellt, und auch heute geistert sie noch durch meine Gedanken. Was mir von Anfang an bewusst war, war, dass es hierauf nicht die eine Antwort geben wird. Nicht nur weil sie individuell ist, sondern auch, weil ich nicht einfach eine Änderung in meinem System vornehmen und damit das Problem beheben kann. Und ja, ich wünsche mir, es wäre so!
Aber Änderungen gedanklicher Vorgänge ist ein Prozess. Und den kann man leider nur bedingt beschleunigen.
Ich habe berufliche Ziele, will weiterkommen in meinem Studium, will alles möglichst schnell und möglichst perfekt schaffen. Ich kann keine Behinderung gebrauchen. Unangenehm ist mir mein Problem deshalb schon, aber vor allem will ich es einfach so schnell wie möglich beheben. Und wenn es keine Pille dagegen gibt, die ich schlucken kann, dann gehe ich halt zum Psychologen. Nicht zu einem, sondern direkt zu zweien, weil doppelt bestimmt besser hält. Und ja, ich bin bereit an mir selbst zu arbeiten, aber trotzdem hätte ich immer noch am liebsten eine Anleitung ausgehändigt, die mich Schritt für Schritt von meiner Panik heilt. Aber auch die gibt es nicht.

Ich habe mit so vielen Menschen geredete, so viele Strategien, Tipps und Tricks ausprobiert, nur um am Ende festzustellen: Ich selbst muss die Lösung finden. Und finden bedeutet in diesem Fall auch irgendwie erfinden. Ich kann nur reflektieren, was ich denke und tue und daran kleine Änderungen einbauen. Ich kann mir dafür Hilfestellung geben lassen, aber den Rest muss ich leider selbst erledigen.

Bevor ich angefangen habe zu studieren, war ich mir immer in allem so sicher. Auch mit mir selbst. Ich hatte keine Zweifel und habe daran geglaubt, dass ich alles erreichen kann, wenn ich nur hart genug dafür arbeite. Psychische Hilfe brauche ich sicher nie.
Dann kam die Zukunft, in der ich verzweifelt versucht habe, einen Platz zu finden. Es immer noch tue. Heute weiß ich mehr über mich selbst, aber ich lerne immer noch dazu.

Ich bekomme immer noch Panikattacken. Aber ich weiß jetzt, wie ich damit umgehen kann und wodurch sie ausgelöst werden. Trotzdem können sie mich immer noch überraschen, und trotzdem verliere ich immer noch die Kontrolle. Aber es ist besser geworden. Und ich arbeite daran, dass es weiter besser wird. Denn es stimmt noch immer: wenn man hart arbeitet, kann man alles erreichen. Nur vielleicht ohne den Anspruch, alles perfekt zu machen und immer die Schnellste zu sein. Für manche Dinge muss man sich Zeit nehmen, und Enttäuschungen muss man als Kurve im Lebensweg betrachten und nicht als Versagen. Und auch wenn am Ende des Tages nur ich die Erfolge sehe und mir niemand eine Urkunde dafür überreichen wird, wenn ich mich normal verhalte, so zählt es dennoch als Erfolg, wenn ich über mich hinauswachse und meine Panik einmal mehr bezwingen kann.

Ich werde weitermachen. Jeden Tag, für meine Träume, für meine Wünsche. Aber ich erlaube mir Änderungen vorzunehmen. Denn das Leben zu ändern ist kein Aufgeben oder Versagen. Es ist der Wunsch, das Bestmögliche aus jeder Situation herauszuholen und jeden Tag zu genießen. Ich wollte immer perfekt sein, doch vielleicht ist die Definition von „perfekt“ eine andere als ich immer gedacht habe.

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