Zukunft

Wettbewerbsbeitrag von Markus Zwerger, 23 Jahre

Nicht immer standen in der Nachbarschaft so viele Häuser, von den Parkplätzen ganz zu schweigen: Ich erinnere mich gut an die Zeit, in der das jetzige Schotterfeld noch von Bäumen bewachsen und von unzähligen Vögeln bevölkert war, doch sie mussten alle dem Wohl der Gemeinschaft, also einem großen Parkplatz, weichen. Wenn im Hochsommer nun die Sonne unser kleines Städtchen niederdrückt, kommen viele Personen mit dem Auto hierhergefahren, um im nahegelegenen Wald – oder was davon übriggeblieben ist – etwas zu spazieren und die Schatten der letzten noch stehenden Verfechter meiner Kindheit zu genießen. So vieles hat sich verändert, im Zuge des Fortschritts wurde jede Neuerung als zwingend nötig erachtet und so wurde schon bald Veränderung mit Entwicklung gleichgesetzt. Dass die Verantwortlichen dabei oftmals keine Ahnung von ihrem Feld hatten und dass viele meiner Nachbarn gleichgültig mitgegangen sind, führte zu dem, was ich heute erblicken muss: das bereits genannte Schotterfeld, naturnahe Pfade, welche die ursprüngliche Natur bis zur Unkenntlichkeit zurückdrängten und nun wegen mangelnder Pflege teils wieder verwachsen sind, viel eher aber von Jugendlichen beschmutzt und von vermeintlich mündigen Erwachsenen als Mülldeponien verwendet werden, insgesamt ein Naturerholungsgebiet, welches in regelmäßigen Abständen rasiert wird, damit nicht herabfallende Äste ein Auto beschädigen können, was zu einer Anzeige gegen den Bürgermeister führen würde, der deshalb mittlerweile zum Hauptauftraggeber dieser Pflege geworden ist. Es ist kaum drei Jahrzehnte her, dass ich als kleines Kind hier mit meinen Freunden spielte, stundenlang verschiedenste Insekten und Kleintiere sammelte und die Nacht oftmals lange durchwachte, zumal durch die fehlende Beleuchtung jeder Schatten und jede eigentlich bestens bekannte Silhouette zu neuer, unbekannter Kreatur wurde und wir uns oftmals gemeinsam in eines der umstehenden Häuser flüchten mussten, weil die Gruselgeschichten, von unseren älteren Geschwistern in einem sprachlichen und stimmlichen Balanceakt erzählt, zu viel für uns waren. Damals wuchs man mit dem Gefühl der Unendlichkeit auf, welches in dem körperlichen Gefühl der Zugehörigkeit zu dieser Welt gründete, ein Reichtum, den die Kinder von heutzutage, die ich durch diese verstümmelten Gefilde streifen sehe – auf der Suche nach Natur – niemals kennenlernen werden dürfen. Wir lebten in einem Paradies, welches das Gleichgewicht zwischen Urtümlichkeit und Fortschritt zu halten verstand, eine Welt, die die Not vergangener Tage nicht kannte, genauso wenig wie die Armut der heutigen westlichen Welt. Heute ist davon nur mehr wenig übrig – der Tiere gibt es wenigere, des Abfalls mehr, menschliche Infrastruktur wohin man nur schaut; vom wunderschönen Dazumal ist fast nichts mehr übrig. Der Schmerz, der mich jedes Mal übermannt, wenn ich die menschengemachten Wunden erblicke, hat in den vergangenen Jahren sogar einen eigenen Begriff erhalten: Solastalgie, bedeutet: Das belastende Gefühl des Verlustes, wenn man die Zerstörung (oder Veränderung) des eigenen Lebensraumes miterleben muss. Darunter habe ich, als einer von wenigen, bei Weitem aber nicht als einziger, täglich zu leiden. Die schönen einzelnen Häuser, die früher hier standen, in glattem Einklang mit den Bäumen, den Sträuchern und den über allen thronenden Bergen, die niemand anzurühren wagte, sind nunmehr ein Punkt in der Masse geworden, die meisten sind durch Baufirmen und Spekulanten niedergerissen und mittlerweile als Gleiche unter Gleichen neu errichtet worden, von damals übriggeblieben ist nur mehr wenig: Mein und meines Nachbars Haus, der den nahegelegenen Bach abhaltende, mit vielen Bäumen bepflanzte Wall, der alte Fußballplatz inmitten der einstigen Au – zu meiner Zeit ein Platz inmitten vieler, riesiger Bäume und einzelner Häuser, heute ein Spielfeld , das nur durch seine Andersartigkeit, durch seine Nicht-Asphaltierung besticht, und nie mehr aufgesucht wird.
Meine tägliche Meditation auf dem Stuhl vor meinem Haus, Auge in Auge mit dem gewaltigen Berg hinter all dem Erblickten, wird unterbrochen vom dumpfen Klang des Gehstocks meines ältesten Nachbarn. Geboren vor fast hundert Jahren ist er ein wandelndes Erinnerungsbuch, und gerne erzählt er mir wie es früher war: Überall Wald, sein Haus stand noch nicht, er wohnte im heutigen Dorfkern, damals waren es nur wenige Häuser, und in dieser Gegend gab es hauptsächlich Schlangen und Rehe; Menschen kamen nur selten in diese Wälder, höchstens zur Au, um dort ihre Herden weiden zu lassen. Sowie er mir von der vergangenen Zeit erzählt, von seiner Kindheit und Jugend, all dem begangenen Unfug und all der bitteren Not, die er zu leiden hatte, trotz allem mit einem mich im Herzen bewegenden Leuchten in den Augen wegen seiner großen Dankbarkeit, diese Zeit erlebt haben zu dürfen, anders als die nachkommenden Generationen, die allesamt nur Niedergang und Dekadenz erlebten, scheint mir, in einen Spiegel zu blicken. In diesem Moment schaut doch tatsächlich von der angrenzenden Straße ein Kind zu uns herüber, präsentiert stolz den gefundenen Spielzeugsoldaten, der schon seit Monaten zwischen Parkplatz und Laub seine Position hielt, und lässt ihn über Wiese, Asphalt und zuletzt durch die Luft marschieren. Nie habe ich jemanden gesehen, der sich seiner Sache so sicher war.

Leifers, 2022

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Autorin / Autor: Markus Zwerger