Ich gegen mich

Wettbewerbsbeitrag von Emilia, 23 Jahre

Einen kurzen Moment der Stille. Nur einen könnten sie mir gönnen. Die Kreise aus Gedanken. Kreise, Pyramiden, Spiralen, aufwärts und abwärts. Viel zu viel. Denken tun wir alle, auch grübeln, das kennt jeder. Aber es wäre so schön, wenn ich mir nur einmal einen Ausweg geben könnte, nur einen stillen Moment. Denn mit meinen Gedanken ist es so: Sie führen zu keinem Ergebnis, bringen mich nicht weiter, haben keinen Zweck. Nur den Zweck, mir das Leben ein kleines bisschen schwerer zu gestalten. Und mit den Gedanken kommt die Angst. Alltägliche Situationen werden zu Todesfallen, winzige Konflikte führen in die soziale Abgeschiedenheit für immer, jede Entscheidung ist die falsche. Von innen, von außen, du bist nicht deine Gedanken, das ist nicht die Realität? Für mich ist es die Realität und die hab ich immer dabei. Die Gedankenpyramide wird immer höher, immer steiler, schneller, schwindelig, heiß. Ich zittere. Die Panik ist neu. Je mehr Zeit vergeht in meinem Leben, desto mehr Neu kommt dazu. Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Schulangst. Schulangst, Meiden von Menschenmassen. Schulangst, Meiden von Menschenmassen, Essstörung. Gute Reise. Ein bisschen Krise ist immer. Zumindest für mich. Ist die eine Macke überwunden und es fühlt sich alles gerade ein bisschen normal an, geht es wieder von vorne los. Denken tun wir alle, auch grübeln, das kennt jeder. Schaffe ich die Prüfung, Bin ich genug, Komme ich gut an. Ich kenne die Probleme der normalen Leute. Ich habe die Probleme der normalen Leute. Und dann habe ich noch die Probleme, die ich gar nicht habe, die ich aber haben könnte.

Sonderbar, eigenbrötlerisch, Außenseiterin - könnte man denken, bin ich aber nicht. Ich frage mich, wie ich es mein Leben lang geschafft habe, die Illusion einer Frau aufrecht zu erhalten, die nicht gestört ist. Die nicht vor jedem Essen sicher ist, dass es diesmal wirklich vergiftet ist. Die keine Panik ohne ersichtlichen Grund in der U-Bahn bekommt. Die nicht jede mögliche Katastrophe in jeder möglichen Situation kennt und erwartet. Vor den Anderen kann ich spielen. Meine Rolle: Eine normale Person. Eine von Ihnen. Aber sie wissen nicht wie das ist. Es ist mir egal, ob mein Projekt zu spät fertig wird. Wenigstens musste ich mich heute nicht im Konferenzsaal vor allen Kolleg_innen übergeben. Es ist mir egal, dass mein Freund unsere Verabredung vergessen hat. Wenigstens musste ich nicht die Wohnung verlassen und habe mich mit einem unentdeckten Virus infiziert. Es ist mir egal, dass ich keine Karten mehr für das ausverkaufte Konzert bekommen habe. Wenigstens bin ich nicht bei einer Massenschießerei dabei gewesen. Meine Freundinnen erfahren nur, dass mein Projekt zu spät fertig geworden ist, mein Freund die Verabredung verpasst hat und das Konzert ausverkauft war. Die ständige Krise in meinem Kopf kenne nur ich. Die Krise macht einsam. Ich bin zwei Menschen - einer nur für mich und einer, den ich dem Rest der Welt anbieten kann. Ich für mich gegen Ich für den Rest der Welt. Wenn ich Ich mit dem Rest der Welt bin, bin Ich für mich ziemlich still. Dann bekomme ich für eine gewisse Zeit die Chance, zu spüren, wie es sein kann. Und plötzlich trage ich das gleiche Gewicht wie die anderen. Und im Stillen verdoppelt es sich, die realen Probleme vermischen sich mit den potentiellen, die, die ich haben könnte und dann: Zittern. Hitze. Schwindelig. Hilf mir!

Aber wie könnte ich davon erzählen, wenn ich es selbst nicht verstehe. Wenn ich selbst weiß, dass es die Probleme gar nicht gibt. Weiß, dass es alles in meinem Kopf ist. Und dass ich mich auf die Realität fokussieren muss. Was ist es mit mir und der Realität? Warum flüchte ich vor ihr, indem ich mir meine ganz eigene zusammenstelle? Collage aus Krisen, Katastrophen, Worst-Case. Schnipsel von Blamage, Krankheit, Ausgrenzung. Dazwischen Bilder von mir und meinen Freundinnen am Strand, auf einer Party, Cappuccino. Pastellfarben, Blumenwiesen, Flohmarkt-Sonntage. Retten mich. Immer wieder. Und dann, Abends im Bett, wenn es draußen dunkel ist, kommt sie wieder. Die Krise in meinen Gedanken, die gar nicht wirklich da ist. Und mit der ich allein bin.

Die Schlucht zwischen Ich allein und Ich mit anderen wird größer. Soziale Isolation, Distanz, Kontaktbeschränkung. Regeln, die eine globale Krise bekämpfen sollen und meine Krise neu entfachen. Sozialer Kontakt ist nicht nur ein Bedürfnis für mich, er ist meine Rettung. Wer bin ich noch ohne die Anderen? Nur noch Ich. Mit Kreisen, Spiralen, Pyramiden aus Gedanken und niemand ist mehr da, um sie zu bremsen. Niemand?
Was ist, wenn ich auch die anderen sein kann?
Was ist wenn ich gar nicht Zwei bin sondern Eins?
Was ist wenn es eine Welt gibt, in der normale Probleme meine Probleme sein können?
Was ist, wenn die Illusion einer normalen Person die ganze Zeit Ich war?
Und was ist, wenn es erst eine globale, echte, katastrophale Krise für alle geben musste, um mich aus meiner persönlichen zu befreien?

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Autorin / Autor: Emilia - Stand: August 2023