Flügelschläge – Für meine Oma

Wettbewerbsbeitrag von Hannah Felicitas Conrady, 24 Jahre

Mein Herz schlägt schneller, wie die Flügel eines Nachtfalters, den der Wind überrascht hat. Gleichzeitig zucken meine Beine und die Lider fliegen auf.
Der Tag strömt durch das runde Fenster und beleuchtet den Tanz unzähliger feiner Staubpartikel. Fasziniert recke ich meine fleckige Hand ins Licht. Ich lächele angesichts dieses Schauspiels, mit dem mich der Schmutz meines Schlafzimmers willkommen heißt. „Guten Morgen!“, sage ich laut zu mir selbst und lausche meiner Stimme, wie sie sich kratzig ausbreitet, kurz verweilt und schließlich wer weiß wohin entschwindet.
In Kindertagen glaubte ich, Aufregung und Vorfreude seien ein Privileg der Kleinen. In meiner Vorstellung reichten die Gefühlsregungen Erwachsener in Anbetracht eines bevorstehenden Festes nicht über ein leichtes Kribbeln hinaus. Ich war mir sicher, dass sie niemals Nächte lang wach lagen, mit glühenden Ohren und zitternden Händen und sich den Tag in allen Einzelheiten ausmalten. Doch ich hatte nicht geahnt, dass all das ab einem gewissen Alter wiederkehrt. Viele Sehnsüchte und Gewohnheiten sind auf einmal wieder da, wie alte Freunde, die man schon ausreichend vergessen hat, um sie nicht mehr zu vermissen, aber herzlich begrüßt, wenn sie unangekündigt vor der Tür stehen. So sitze ich, wie als kleines Mädchen, auch heute wieder ausgesprochen gern am Fenster und sehe dem Regen zu, wie er die Welt verschleiert. Oder ich hänge stundenlang meinen Gedanken nach, davon träumend, im Wald zu leben und zwischen Bäumen und Rehen zu verschwinden. Und ich bin aufgeregt. Oh, die Aufregung ist im Alter noch größer, da jedes Ereignis ausgesprochen wichtig erscheint.

Nun setze ich mich langsam auf, ordne meine weißen Locken, auch wenn keiner da ist, der sich an meiner Frisur stören könnte, und suche mit den Zehenspitzen nach meinen roséfarbenen Pantoffeln. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen, schreite an der Kommode mit den Büstenhaltern, die ich lange nicht mehr getragen habe, vorbei und ignoriere den Hometrainer, den ich nicht mal mehr im Traum besteigen könnte, bis ich an der gegenüberliegenden Wand ankomme und mich schweratmend auf einem rotgepolsterten Stuhl niederlasse. Da sitze ich nun, vor meinem trüben Spiegel, einem Erbstück mit Goldrahmen, ich habe fast vergessen von wem, und betrachte die Falten, die wie Regenwürmer über mein Gesicht kriechen. Meine Augen liegen wie kühle Pfützen dazwischen und bieten dem Betrachter hoffentlich eine willkommene Abwechslung. Ich seufze theatralisch und krame nach einem roten Lippenstift, als sich das Bild plötzlich verändert:
Der Umriss meiner Gestalt bricht an den Rändern auf, Poren und Härchen fließen auseinander, sammeln sich und ordnen sich gemäß einer geheimen Vorgabe neu. Als blickte ich durch eine Kamera, die langsam schärfer stellt, tauchen erst verschwommen, dann immer klarer zwei Gesichter auf: mein Altbekanntes und daneben ein Kinderkopf, sommersprossig und stupsnasig. Ich erstarre, denn ich sehe mich doppelt: Als kleines Mädchen und als Greisin. Wo kommst du denn her? frage ich mich zerstreut. Mir ist, als fliege eine Motte durch das Labyrinth meiner Gehirnwindungen. Sie kitzelt mit ihren Flügeln die Synapsen und bringt alles durcheinander. Bestürzt schließe ich die Augen, flüstere meinen Namen und ein paar Daten, die ich mir für solche Fälle zurechtgelegt habe, doch als ich wieder aufblicke, hat sich das Spiegelbild nicht verändert: Zwei Versionen meiner selbst blinzeln mir ängstlich aus dem Goldrahmen entgegen. Also wende ich mich dem kleinen Mädchen zu und sehe ihm direkt in die leuchtenden Augen.

Schaben. Dutzende, nein tausende von Schaben. Sie liegen auf dem Boden, stecken in Unterhosen und verstopfen an schlechten Tagen sogar die Gehörgänge, sodass die Welt beinahe verstummt. Ich spüre die feinen Beinchen auf meiner Haut, höre die winzigen Schritte und rieche das Heu, das meine ganze Welt auspolstert. Ich bin wieder zwölf Jahre alt und lebe in einer alten Scheune. Vor wenigen Wochen wurde meine Familie ausgesiedelt. Wir fuhren in einem Güterzug so viele Stunden, dass mir trotz der Angst die Augen zufielen. Schmutzig und mit wenig Gepäck klopften wir schließlich an die Tür des Bauernhofs. Ein Mann mit Knubbelnase, der nach Kuhmist und Unzufriedenheit roch, öffnete, nur um die Tür sogleich wieder zuzuschlagen. Vier kleine und zwei große Fäuste schlugen daraufhin auf das alte Holz ein, bis dem grimmigen Mann nichts anderes übrigblieb, als meine Familie bei sich aufzunehmen. Doch er überließ uns nur seine alte Scheune, schmiss müffelndes Heu hinein und ging ohne ein Wort.

Jeden Morgen, wenn ich erwache, sind sie schon überall: braune, glänzende Tierchen mit viel zu langen Fühlern. Sie verfolgen mich den ganzen Tag und bis in meine Träume. Aber bald trampelt meine Schwester, die so dünn ist, dass man ihre Knochen beim Laufen beinahe klappern hört, jedes dieser Insekten mit ihren schweren Schuhen tot. Auch wenn ihr Stampfen vom Heu abgedämpft wird, lässt es die alte Scheune doch erzittern. Und so verlieren die Schaben ihre ekelerregende Macht und werden von uns für allerlei Spiele benutzt: Sie eignen sich nicht nur für Tic-Tac-Toe, sondern lassen sich auch zu riesigen Kunstwerken legen und in Betten von gemeinen Bauern verstecken. Ich sehe auf dem Heuboden das Gesicht meiner Mutter, das ich aus den Insektenkadavern gelegt habe. Ich erinnere mich daran, an diesem Tag die Liebe zur Kunst entdeckt zu haben.

Ich zucke zusammen, als ich unter meinem Hintern wieder das harte Polster des Stuhles spüre. Meine Hände sind schrumpelig und fleckig wie eh und je. Ich knete sie geistesabwesend, und flüstere: „Ich weiß, du hast Angst. Die Welt ist groß und unübersichtlich, aber du hast die Gabe, selbst aus den erschreckendsten Dingen etwas Schönes werden zu lassen. Denk immer daran: Selbst in tausend Schaben wohnt ein Kunstwerk!“ Und da muss ich lächeln, denn ich bin stolz auf das Mädchen, das noch immer in mir wohnt und mir jeden Tag hilft, die Welt zu begreifen. So verschwindet das Bild des Kindes und ich bleibe nachdenklich zurück. Erinnerungen fliegen durch meinen Kopf, manche schnell, manche schwebend. Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen und auch keine junge Frau und doch bin ich beide und noch viel mehr. Ich wünschte, meine früheren Ichs könnten sehen, dass ich an meinem neunzigsten Geburtstag glücklich bin.

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Autorin / Autor: Hannah Felicitas Conrady