Dienstag/Sonntag

Wettbewerbsbeitrag von Finn Rose, 25 Jahre

Es ist schon wieder Dienstag. Dienstag ist Unitag. Es fühlt sich nicht an wie Dienstag. Denn gestern war erst Freitag und davor war auch schon ein Dienstag und auch der Dienstag hat sich nicht wie ein Dienstag angefühlt. Uni ist von 10 bis 16 Uhr, aber niemand kontrolliert mich außer von 14-16 Uhr, das heißt, ich habe noch Zeit vor meinem Spiegel zu stehen und mich anzuschauen und versuchen herauszufinden, wie ich es schaffe, aus meinem Kopf und Körper auszusteigen. Einfach herauszugehen. Ich würde weglaufen, wenn ich könnte. Nach irgendwo hin, wo es nicht so verdammt leise-laut ist. Komme nicht mehr wieder bis um 14 Uhr, weil dann habe ich ja Uni. Denn es ist Dienstag.

Ich bin bei meinen Eltern zuhause. In diesem Zimmer war ich als ich 8 war und 10 und 14 und 18 und dann nicht mehr und jetzt wieder, aber dabei bin ich jetzt 22 und wohne eigentlich in einem ganz anderen Zimmer. Nein, 23. Denn es war ja schon März und dann April vor einiger Zeit und dann war es Mai und Juni und jetzt ist es Juli. August. September bald, glaube ich. Lineare Zeit und so.

Es ist morgens und ich auf dem Boden und Instagram-Whatsapp-Tiktok-Instagram-Whatsapp-Twitter-Tiktok-Twitter-Tiktok-Instagram. Meine morgendliche Routine war mal ganz anders. Aber viele Dinge waren mal ganz anders und man kann jetzt wirklich nicht allem hinterhertrauern. Nur nicht länger als bis 5 vor 10, weil um 10 habe ich Uni. Da wird was hochgeladen, was ich mir angucken muss. Im Laufe der Woche. Irgendwann.

Meine Mama kocht für uns Mittagessen. Meine jüngeren Geschwister sind auch hier. Mein Bruder geht alle 2 Wochen für 4 Stunden am Tag in die Schule mit der Hälfte seiner Klasse und wenn sie den Klassenraum für die Pause verlassen wollen, müssen sie über die Feuertreppe nach unten gehen. Ich habe in 12 Jahren Schule nie die Feuertreppe benutzt.

Es ist jetzt halb 2, und ich schaue noch immer auf mein Handy, aber jetzt sitze ich wieder in meinem Bett und nicht mehr auf dem Boden. Ich habe keinen Schreibtisch in meinem alten Kinderzimmer, ansonsten würde ich bestimmt mehr für die Uni machen, auch wenn ich nicht viel für die Uni machen muss, denn es ist Mittwoch und mittwochs habe ich keine Uni dieses Semester. Und ich bin auch viel zu müde. Viel zu langsam.

Dieses Semester habe ich nur dienstags Uni und Dienstag ist erst nächste Woche wieder, ich hatte diese Woche schon einen Dienstag, glaube ich. Ich weiß nicht so genau, wann, weil es sich nicht wie ein Dienstag angefühlt hat. Ich atme ein und dann aus. Instagram zu TikTok zu YouTube zu TikTok. Coping Mechanismus und gleichzeitig zu viel, viel zu viel, denn es gibt keine Ecke des Internets, in die ich mich verkriechen kann, die das echte Leben nicht einholt. Und ich will das auch gar nicht. Mich abschotten und so. Das ist nicht gut. Generell nicht und nicht, wenn so viel in der Welt meine Aufmerksamkeit verdient. Die Umwelt und Black Lives Matter und Polizeigewalt und Amerika und Italien und Deutschland und der Libanon und die Uighur Muslime in China. Und die Nachrichten, die ich beim Mittagessen mit meinen Eltern gucke, gehen darauf gar nicht so wirklich ein. Und ich habe ja die Freizeit, mich mit sowas auseinander zu setzen, wenn es nicht gerade Dienstag ist. Und dann wird mir übel und ich kann nichts mehr essen und ziehe ich mich zurück in mein Zimmer, in dem ich nicht mehr gewohnt habe, seit ich nicht mehr dort wohne und ich wasche mir die Hände und dann sitze ich auf dem Boden vor meinem Spiegel.

Aber der Spiegel ist kein Spiegel, sondern ein Handy und das bin nicht ich, sondern all die anderen Menschen auf der Welt und alle rufen und rufen und rufen und ich antworte und teile und lese und höre zu und ich bin nicht mehr so allein und ich habe niemanden mehr gesehen seit Wochen. Die einzige Person, die ich sehe, ist die, die in meinem Spiegel wohnt und mit mir in die Küche geht und wieder aus der Küche heraus, mit leeren Händen.

Es ist Dienstag und ich habe Uni. In meiner Wohnung habe ich einen Schreibtisch, an dem ich sitzen kann, während meines einen Seminars, welches über Video stattfindet. Ich muss meine Kamera aber nicht anstellen und darum bin ich nur ein Buchstabenkürzel im Chat. Nur vier Buchstaben. Nicht mal ein ganzes Wort, geschweige denn ein ganzer Name. Es ist Dienstag und es ist 14:30. Ich habe den Text zu dieser Woche nicht gelesen, ich war zu abgelenkt von der Art und Weise, auf die meine Beine an meinem Körper festgeschraubt sind. Und die Leute auf TikTok. Und all die Toten in Brasilien. Es ist ein Psychologieseminar und das Thema ist gestörtes Essverhalten und es ist 14:45 und ich klappe den Laptop zu.

Und ich würde so gerne einfach aussteigen aus mir und ich schaue mich im Spiegel an und schaue die anderen im Internet an und ich gebe mein bestes, das tue ich wirklich. Doch es ist alles so schwer und so laut und so leise und so viel und zu wenig und ich kann nicht mehr. Aber es ist Dienstag und dienstags ist Uni, also sitze ich an meinem Schreibtisch und starre an die Wand hinter meinem Laptop und ich denke an den Tweet, den ich gelesen habe, von Schülern, die keinen Zugang zu einem Laptop haben und deshalb ihre Hausaufgaben nicht machen können, und ich gehe und wasche mir die Hände.

Sonntag

Es ist ein Sonntag. Es ist Sonntag und es ist 2 Jahre später, und wenn ich ehrlich mit mir bin, und das bin ich in letzter Zeit wieder etwas häufiger, erinnere ich mich nicht daran, den vorigen Text geschrieben zu haben. Zu welchem Anlass wurde er verfasst?

Es ist immer noch Pandemie. Aber jetzt tun die meisten so, als ob alles wieder normal sei. Das macht mir Angst. Und der Krieg in der Ukraine macht mir Angst. Und Affenpocken machen mir Angst. Und die Promis, die mit Privat-Jets umherfliegen machen mich wütend.

Die Uni ist wieder in Präsenz. Als ich zum ersten Mal in meinem Seminar saß (Montag Abend um 6) da habe ich fast weinen müssen. Mit FFP2 Maske saßen wir da, 10 Studis und haben uns angeguckt und geredet und es war toll. Nicht, dass ich sonderlich gerne zur Uni gehe, immer noch nicht wirklich, aber dieses Onlinelernen war nichts für mich. Zu viel der gleiche Bildschirm. Zu viel die gleiche Einsamkeit.

Nicht mehr auf einen Button drücken, um sich zu melden. Nicht mehr Mikro ein und ausschalten. Nicht mehr nebenbei am Handy Instagram-Whatsapp-Tiktok-Instagram-Whatsapp-Twitter-Tiktok-Twitter-Tiktok-Instagram. Jetzt fühle ich mich mehr da. Ich muss nicht mehr aussteigen. Ich bin dabei, anzukommen.

Ich glaube, was ich hier schreibe, ist ein Brief an mich selbst. An das Ich, das den "Dienstag" Teil schrieb, das Ich, welches so wenig aß und so wenig Hoffnung hatte. Das Ich, das mit 23 zurück nachhause zog, als die Straßen wie leergefegt waren und das Ich, welches dachte, dass es sich für immer so fühlen würde.

An dich schreibe ich das, glaube ich.
Du wirst montags und donnerstags Uni haben. Und ja, auch dienstags.
Es wird regnen, an dem Sonntag, an dem du ich wirst und wir den zweiten Teil schreiben. Es wird sich, im Großen und Ganzen, okay anfühlen.

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Autorin / Autor: Finn Rose