Schmerzstark

Wettbewerbsbeitrag von Luisa, 21 Jahre

Es ist früh am Morgen, meine Augen öffnen sich, ich wache auf.
Ich ziehe mich an, putze mir die Zähne, ich frühstücke und ich verlasse das Haus. In diesem Moment gehen die Scheinwerfer an, meine Schritte wandern nicht über den Asphalt, sondern führen mich über die Bühne, die ich mein Leben nenne. Meine tägliche Maske, hinter der ich mich in der Schule verstecke, reflektiert die Scheinwerfer so überzeugend, dass jeder in meinen Bann gezogen wird. Oder besser gesagt: In den Bann meiner sogenannten Lebensfreude.

Ich weiß, ich kann auch nur darüber lachen. Ich und lebensfroh. Doch gleichzeitig schmeichelt mir diese Bezeichnung, weil es mir zeigt, dass mein Spiel so gut ist, dass keiner hinter die Kulissen schauen kann. Niemand merkt überhaupt erst, dass es ein Spiel ist, dass sie stille Zuschauer in meinem Theater sind.
Ich bin zufrieden in diesem Spiel. Ich gehe gerne tanzen, ich treffe gerne Freunde, ich lache viel. Doch in meinem Leben, da plagt mich die Angst, die Traurigkeit und die Einsamkeit. Tiefe Narben in meiner Seele ermöglichen es mir einfach nicht mich selbst zu lieben.

Wer früh gebrochen wird, erholt sich vielleicht nie wieder davon.

Die Schule beendet, ich gehe tanzen. Ich tanze nicht schlecht, ich darf bei jeder Aufführung mitmachen, ich bekomme die Möglichkeit aufzutreten, doch nie bin ich gut, nie bin ich gut genug. Ich bekomme nie ein Solo, ich bekomme nie ein Duett. Ich gehe in der Masse der Gruppe unter.
Ich würde mir nie anmerken lassen, dass ich gern mehr hätte, da ich gar nicht weiß, ob ich mehr verdient habe. Deshalb spiele ich weiter, ich bin lebensfroh. Ich bin zufrieden.
Lachend verlasse ich die Halle, ich albere mit meinen Freundinnen herum, dann steigen wir auf unsere Fahrräder und alle biegen nach links ab, nur ich muss rechts.
Der Scheinwerfer wird schwächer, mit jedem Tritt in die Pedalen bricht das Holz der Bühne auseinander, meine Maske schmilzt je näher ich meinem Zuhause komme.
Ich spüre die Tränen in meinen Augen und ich beeile mich so sehr ich kann.
Doch ich muss funktionieren, es darf nichts auffallen.
Ich schmeiße mein Rad nicht ins Gras, ich stelle es vorsichtig hin, ich renne nicht ins Haus, meine Schritte sind ruhig und meine Bewegungen kontrolliert. Ich betrete das Haus meiner lieben Eltern, rufe noch, dass ich heimgekehrt bin, dann gehe ich die Treppen hoch, öffne meine Zimmertür, schließe sie hinter mir wieder und alles bricht zusammen.

Es ist nicht nur der Scheinwerfer, der auf mich herabfällt, die Bühne die unter meinen Füßen zu Staub zerfällt und die Maske die meine Haut verbrennt, ich bin es selbst auch. Ich breche zusammen. Ich falle auf die Knie und ich breche zusammen.
Ich weine ein paar Stunden bitterlich, aber leise, damit es keiner hört. Ich mache meine Hausaufgaben, ich weine.
So läuft es jeden Tag.

Die nächsten Wochen verfliegen, laufen genauso ab wie jeder Tag. Ich bin traurig, ich habe keine Ahnung, wer oder was ich bin, aber ich habe eine gute Strategie entwickelt.

Nur heute ist etwas anders. Ich habe fürchterlich geschlafen, ich hatte tausende Alpträume und fühle mich schwach. Ich trinke heute morgen ausnahmsweise einen Kaffee, obwohl ich eigentlich keinen Kaffee mag.
In der Schule ecke ich an, Mitschüler machen die gleichen Witze wie sonst, doch heute reagiere ich anders als sonst. Ich lache nicht, ich bin zickig.
Als ich dann auch noch feststelle, dass ich meine Deutsch-Hausaufgaben vergessen habe, bin ich schockiert von mir, und die Scheinwerfer über mir fangen an zu wackeln und zu flackern.
„Darf ich bitte zur Toilette gehen?“ frage ich meinen Lehrer und er nickt.
Kaltes Wasser läuft über meine Handgelenke, ich atme schwer und schließe meine Augen. Langsam beruhige ich mich, die Scheinwerfer strahlen ihr übliches Licht, ich lächle mir selbst im Spiegel zu und gehe gestärkt und gefasst zurück ins Klassenzimmer.

Ich denke, ich habe alles im Griff, doch sehe ich den Direktor in der Klasse stehen, er fragt nach mir. Ich bitte ihn darum, mir direkt zu sagen was los sei, und er überbringt mir vor allen Mitschülern gezwungenermaßen die fürchterliche Botschaft.
Ich bekomme nichts mehr mit, ich höre nur „Unfall“ und „es tut mir schrecklich leid“, dann sinke ich zu Boden.
Ich schreie, ich weiche den herabfallenden Scheinwerfern gar nicht mehr aus, ich sinke immer mehr in mir zusammen, ich weine, diesmal nicht leise, sondern aus vollstem Schmerz. Ich reiße mir meine Maske herunter, ich schmeiße sie in die Flammen meiner Persönlichkeit. Meinen Rucksack schmeiße ich durch den ganzen Raum, dann spüre ich die Arme meines Lehrers fest um meine Schultern, er stellt mich auf und begleitet mich raus.

Ich habe keine Ahnung, was dann passiert ist, aber irgendwie bin ich heimgekommen, nach Hause, dort, wo jetzt keiner mehr auf mich wartet. Wo niemand mehr ist außer mir.
Doch wer bin ich bloß?
Ich reiße alle Fotos von den Wänden, ich spüre so viel Feuer in mir, so viel Wut. Ich breche nicht nur zusammen, ich breche auch auseinander. Es fühlt sich an, als würde ich mit jedem Schritt ein Stück von mir verlieren, liegen- und zurücklassen.

Monatelang gehe ich durch die Hölle. Ich gehe auf Beerdigungen, ich muss das Haus verwalten, ich muss Dinge erledigen, die mir das Herz brechen.
Ich fühle mich alleine, weil ich es bin.
Jede Nachricht meiner Freunde habe ich abgewiesen, niemandem die Tür geöffnet und auf keinen Anruf reagiert, ich gehe auch nicht mehr tanzen.
Ich bin alleine mit mir, ohne zu wissen wer ich bin.
Nach 4 Monaten ungefähr gehe ich wieder in die Schule, ich rede mit niemandem und niemand redet mit mir.

Doch dann.. ist es früh am Morgen, meine Augen öffnen sich, ich wache auf.
Ich weine zum ersten Mal nicht und ich fasse einen Entschluss: Ich habe keine Lust mehr auf schwarz! Auf Einsamkeit! Auf Trauer!
Ich ziehe mich an, putze mir die Zähne, ich frühstücke und verlasse das Haus.
Als ich. Ohne alles andere, nur als ich.
Ich gehe auf meine Freunde zu, ich melde mich im Unterricht, ich weine, ich lache, ich tanze.
Ich weine und weine und weine, doch dann lache ich wieder.
Meine Freunde sehen mich jetzt zwar traurig, doch sehen sie mich zum ersten Mal auch wahrhaft lachen. Sie sehen mich, so wie ich bin.

Ich schaue hoch und ich sehe keinen Scheinwerfer, ich sehe den blauen Himmel. Regenwolken am Horizont, doch einen riesigen blauen Himmel.
Die Regenwolken werden mich für immer an den Regen in meinem Leben erinnern, an das Gewitter, das mein Leben und mein Schauspiel niedergebrannt und für immer zerstört hat.

Doch werden sie mich auch für immer daran erinnern, dass ich nur etwas verlieren kann, was ich vorher besessen habe. Dass ein schmerzlicher Verlust voraussetzt, dass man vorher etwas innig lieben durfte.
Und sie werden mich für immer daran erinnern, dass ich alleine zu mir gefunden habe, dass ich weiß, wer ich bin und dass ich es immer wieder herausfinden kann.

Ich bin stark, ich bin mutig und ich bin glücklich. Dank Traurigkeit darf ich endlich die lebensfrohe Person sein, die alle in mir gesehen haben.
Ach ja, ein Solo habe ich auch ergattert. Endlich.

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Autorin / Autor: Luisa - Stand: August 2022