Vom ersten Blick an

Wettbewerbsbeitrag von Lara Conrad, 17 Jahre

Es war ein Dienstagnachmittag, als Lisa zum ersten Mal in den Spiegel schaute. Wie jetzt? Mit vierzehn? Das kann doch nicht sein! Wie hat sie es vierzehn Jahre ihres Lebens geschafft, sich von Spiegeln fernzuhalten?
Doch nein, das hat sie nicht. Nur an diesem einen verflixten Dienstag hat sie sich zum ersten Mal gesehen: Mit den Augen der Gesellschaft, nicht ihren eigenen. Und die haben ihr eine ganz andere Geschichte erzählt als die, die sie bereits vierzehn Jahre gelebt hatte. Binnen Sekunden hat sie ihren Körper auf eine Art gescannt, die ihr nicht nur fremd war, sondern vor allem Angst machte. Es war ein Scannen von scharfer, zerstörerischer Art, wie eine Schere eine Strumpfhose zerriss. Ganz ohne Aufwand, ganz nebenbei. Genauso flogen ihre Augen über ihren Körper; ganz ohne Aufwand, ganz nebenbei. Und trotzdem rissen sie unzählige Laufmaschen in Lisas Selbstbild. Niemals hätte Lisa gedacht, dass ihr Selbstbewusstsein so dünn wie eine Strumpfhose war… Oder war es einfach die Schere, die zu scharf war?

Ein bisschen moppelig war sie doch schon immer gewesen, dachte sie sich. Mit ihren breiten Armen, dem beim Laufen wackelnden Bauch und… den Streifen an ihren Beinen, die ihr noch nie zuvor aufgefallen waren. War das Zellulite? Dieses böse Anzeichen von Hässlichkeit und Fettleibigkeit, vor dem jede weibliche Person in ihrer Familie Angst hatte? Und seit wann hatte sie ein Doppelkinn, wenn sie den Blick senkte? Seit wann diese dicken Handgelenke?
„Wie wär´s mit Sport? Und das Naschen lasse ich auch weg, dann lösen sich diese ganzen Unzufriedenheiten in Luft auf.“ Ein Gedanke, ein Ziel, ein Entschluss. Und das war der Anfang. Hätte Lisa nur gewusst, dass man aus einem Kreislauf nicht ausbrechen konnte, wenn man nicht mehr genug Kraft hatte…

Die sechs Wochen in den Sommerferien klangen gut, um schön zu werden. Es sollte ja keine Diät werden; die Videos, die sie sich anschaute, waren schließlich nur Tipps für eine gesunde Ernährung. Und auf jeder Seite stand zudem, dass Abnehmen ein Teil des Gesundseins war. Also keine Diät. Nur eine Umstellung. Das würde sie schon schaffen, auch wenn´s am Anfang schwer sein würde. Jeden Tag ein bisschen Seilspringen, das Mittagessen auf eine Portion statt zwei reduzieren und nachmittags die Schoki weglassen… kleine, unwichtige Veränderungen, die sie am Ende doch glücklich machen würden. Gesagt, getan.

Und dann kamen die Kalorien. Lisa lernte in ihren Recherchen schnell, dass die kleinen Energielieferanten ihre Feinde waren. Genauso Kohlenhydrate – aber auch Fette! Und Eiweiß war gut… nur bitte nicht zu viel. Je weniger, desto besser, verstand Lisa nach nur wenigen Webseiten. Also gut, ist ja kein großes Opfer. Und meine Hose sitzt schon ein bisschen lockerer. Wenn die Tipps erfolgreich sind, dann können sie ja nur gut sein.

Aus sechs Wochen wurden sechs Monate, in denen Lisa nicht nur fast 30 kg verlor, sondern ihre Energie gleich mit. Aus Kontrolle wurde Zwang, aus Lust auf Abnehmen Angst vorm Zunehmen. Es passierte schnell, aber doch irgendwie schleichend. Aus der Portion zum Mittagessen wurden 45 g, später 40 g abgewogene Nudeln. Das Abendessen bestand aus zwei Knäckebroten mit Gemüse und nicht mehr als 15 Nüssen – aber bitte nicht zu viel Karotte, da sind recht viele Kohlenhydrate drin. Es ging von Waage zu Waage: Nach dem Aufstehen das Körpergewicht, beim Kochen das Essen, vor dem Schlafengehen das Körpergewicht. Es war… anstrengend. Es war gefährlich.

Nach sechs Monaten konnte Lisa nicht mehr. Alles, alles war anstrengend. Und trotzdem wollte, musste sie funktionieren. Es soll ja keiner von meinem Problem mitbekommen, dachte sie sich. Ja, sie wusste, dass sie eine Essstörung hatte, aber zugeben? Nein, wie peinlich. Was würden die Leute von ihr denken? Was für eine Demütigung, anderen zu sagen: „Ich habe seit Monaten keine Periode mehr. Ich bin magersüchtig.“! Ich muss da irgendwie raus. Wenn ich nur laut genug schreie, vielleicht hört mich jemand?
Nein, sie konnte nicht laut genug um Hilfe rufen – ihr fehlte ganz einfach die Kraft, ihrem Umfeld das Wissen. Denn natürlich teilte sie sich nicht mit, natürlich zog sie sich zurück. War dauergereizt. Schämte sich in der Öffentlichkeit. War unzufrieden, unglücklich. Und doch in einem Teufelskreis gefangen, aus dem sie alleine nicht rauskam. Sie hätte die Hilfe gebraucht, nur war sie alleine nicht stark genug, danach zu suchen.

Und dann kam Corona. Eine Pandemie, ein Lockdown und ganz viel Angst. Aber vor allem ganz viel Zeit, ganz viel Ruhe. Der Alltag, den Lisa in ihrem Untergewicht kaum managen konnte, stand plötzlich still. Zeit zu atmen. Zeit, einen – oder auch zehn – Schritte zurückzugehen und dann langsam, Schritt für Schritt, vorwärtszugehen. Wieder zu leben, nicht mehr bloß zu überleben. Es war inmitten einer weltweiten Pandemie, als Lisa ihren Kampf aus der Magersucht startete. Es war Fluch und Segen zugleich. Es war Glück im Unglück. Für Lisa war es aber vor allem eins: notwendig.

Sie lebte. Sie kämpfte: Sie schaffte es. Monatelang, voller Momente der Schwäche und Rückschritte, voller Breakdowns und Stimmen, die sie zurück in die Dunkelheit rufen wollten, beschäftigte sie sich mit ihrer mentalen Gesundheit. Hinterfragte all das, was sie für knapp acht Monate als „Lebensstil“, als „gesund“ und als „richtig“ geglaubt hatte. Wer – was – hatte ihr gesagt, sie sei „fett“? Wer hatte dieser Körperform ein „Hässlich“-Label aufgedrückt? Warum hatte sie sich selbst als die einzige Person geglaubt, die nicht dem Schönheitsideal der Gesellschaft entsprach? Sie begann sich umzuschauen – nicht mehr mit den Augen der Gesellschaft, die sie in diesen Teufelskreis gesogen hatten, sondern mit ihren eigenen, grau-blauen Augen, die inmitten dieser Essstörung ihren Glanz verloren hatten. Den sie nun wiederfand, als sie verstand, dass im Leben so viele Dinge wichtiger waren als ihr Körper. Dass Schönheit kein von der Allgemeinheit vorgeschriebener Wert war, sondern eine individuelle Sache. Und dass wahre Schönheit weit, weit über das Aussehen hinausging.

Es ging bergauf, es ging bergab, aber es ging vor allem vorwärts. Es dauerte ein Jahr, bis Lisa wirklich sagen konnte, sie hatte ihre Essstörung überwunden. Heute war sie stark. Heute war sie glücklich. Heute nahm sie die Menschen um sich herum endlich wieder wahr, die ihr das größte Geschenk im Leben gaben, das man sich wünschen konnte: Freude, Vertrauen, Liebe. Heute verstand sie, dass während ihres gesamten Kampfes niemals sie selbst das Problem gewesen war. Es war, es ist schon immer die Gesellschaft gewesen. Doch an Lisa kommt sie nicht mehr ran. Und das sollte sie an keinen von uns.
Denn wir sind, wer wir sind – alle verschieden, alle wunderschön. Einfach wir selbst.

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Autorin / Autor: Lara Conrad - Stand: August 2022