Zwischen Himmel und Erde ein Zeichen

Wettbewerbsbeitrag von Michael Anders, 26 Jahre

Er war entlassen, gefeuert, schlicht und einfach arbeitslos. Schon zum Ende des Monats. „Personaleinsparung“, so hatte es geheißen. „Tut uns Leid! Danke für die Zusammenarbeit! Sie waren ein hervorragender Mitarbeiter! Ich bin mir sicher, dass das Schicksal anderswo einen Platz für sie vorgesehen hat, an dem sie sich genau so gut einbringen können“, diese und andere scheinheiligen Entschuldigungen hatte er sich anhören müssen.
Er war nur still auf seinem Stuhl gesessen, hatte zustimmend genickt und ab und zu ein Wort gemurmelt.

Schweigend lief er nun den Bürgersteig zur Straßenbahn entlang, diesen einen Weg, den er jeden Morgen seit acht Jahren gegangen war. Nun würde er ihn zum letzten Mal entlang laufen. Bis zum Ende des Monats hatten sie ihm noch Urlaub gegeben.
Nie wieder würde er sein altes Büro aufsuchen. Seinen Schreibtisch, mit allen Kitschfiguren, Fotos und anderem Krempel hatte er leer geräumt. Was darauf gewesen war, befand sich nun in seiner Aktentasche. Nur den Wollkaktus hatte er einem Kollegen vererbt.
„Vererbt“, wie sich das anhörte. So, als ob er bereits tot wäre. Für die Firma war er jedenfalls gestorben und sie für ihn.
Zu allem Unglück fing es jetzt auch noch an zu regnen. Seufzend hielt er an und kramte in seiner Aktentasche nach einem Schirm. Aber seine Finger griffen diesbezüglich ins Leere. Er musste ihn wohl zu Hause vergessen haben. Erneut seufzte er und setzte seinen Weg fort, während die Regentropfen auf seinen schwarzen Anzug klatschten.

Sein Weg führte durch einen Park. Normalerweise durchquerte er ihn schnell, ohne sich groß umzusehen. Doch heute hielt er in der Nähe des Ententeichs an und ließ sich auf eine Bank fallen. Der Regen prasselte immer noch auf ihn ein. Aber das war ihm egal. Er wischte sich mit der Hand über das Gesicht und ließ seinen Tränen freien Lauf. Im Regen sah das ja niemand. Außerdem war der Park sowieso menschenleer.

Warum passierte so etwas gerade ihm? Was hatte er nur falsch gemacht? Wie eine zweite Familie war diese Firma für ihn gewesen und nun setzten sie ihn einfach vor die Tür. Ach was, vor die Tür setzen, das war viel zu harmlos ausgedrückt. In den Müll hatten sie ihn geworfen, wie einen alten Lappen.

Seine Trauer verwandelte sich nun allmählich in Wut. Was hatte er sich abgerackert für diesen Betrieb. Noch weit über seinen geregelten Feierabend hinaus, war er regelmäßig in das ein oder andere Projekt vertieft gewesen und hatte nicht aufgegeben, bis es perfekt arrangiert war.
Wie oft hatte er sich mit Sandra deswegen gestritten? Ja wäre damals nicht fast ihre Hochzeit geplatzt, weil sie ihm vorwarf, dass er zu viel arbeitete? Seine Beziehung und seine Gesundheit hatte er für die Firma aufs Spiel gesetzt und das war jetzt der Dank dafür?

Er packte einen Stein, der vor ihm auf dem Boden lag und warf ihn in den Teich.
Trauer und Verzweiflung gewannen nun in seinem Inneren wieder die Oberhand.
„Wie soll ich das bloß Sandra erklären?“, dachte er.
Sie verdiente in ihrem Beruf als Hebamme doch nur einen winzigen Bruchteil von dem was er an Lohn erhielt, nein erhalten hatte. Von was sollten sie beide nun leben? Und dann noch ihr Kind, sie war doch erst im dritten Monat schwanger. Wie sollten sie diesen kleinen Menschen, auf den sie sich so sehr gefreut hatten, jetzt mit allem versorgen, was er zum Leben brauchte?
Er ließ seinen Blick über den Himmel schweifen, der verhangen mit schwarzen Wolken war. Nur seine Gedanken waren noch dunkler und von Minute zu Minute wurden sie finsterer.
„Verdient so ein Versager wie ich es überhaupt zu leben?“, ging es ihm durch den Kopf.
Er sah den Teich an.
„Nein, zu flach“, dachte er. „Wenn ich es tun will, muss ich es richtig machen. Vielleicht das Straßenbahngleis?“
Doch sogleich fasste er sich wieder und wischte diesen schrecklichen Gedanken beiseite. Das konnte er Sandra nicht antun. Schon gar nicht jetzt, wo sie ihr Kind erwarteten.

Resigniert betrachtete er, wie die Tropfen auf die Wasseroberfläche fielen, als er plötzlich Stimmen vernahm. Eine Frau mit zwei kleinen Kindern kam durch den Park geeilt. Offensichtlich waren sie vom Regen überrascht worden. Sie liefen so schnell, dass eines der Kinder ins Stolpern kam und hinfiel. Sogleich fing es an zu weinen. Seine Mutter beugte sich zu ihm hinunter, half ihm aufzustehen und tröstete es. Dann liefen sie weiter, in Richtung Parkausgang.
Er sah ihnen nach.

„So sind die Kinder“, dachte er. „Sie schämen sich nicht zu weinen, wenn sie stürzen. Wir Erwachsenen dürfen nicht weinen, wenn wir hinfallen. Nicht einmal fallen dürfen wir. Oder doch?“
Auf einmal fielen ihm Erlebnisse aus seinem eigenen Leben ein. Damals in der Schule zum Beispiel, als er große Schwierigkeiten gehabt hatte sich das kleine Einmaleins zu merken. Aber er hatte nicht aufgegeben und schließlich konnte er es so gut, dass er es im Schlaf hätte aufsagen können.
Oder ein paar Jahre später, als er sich in dieses Mädchen verliebt hatte. Er war ihr Hals über Kopf verfallen. Doch sie hatte seine Gefühle nicht erwidert und ihn abgewiesen. Damals war ihm beinahe das Herz zersprungen. Viele Nächte hatte er sich in den Schlaf geweint, aber dann hatte er doch realisiert, dass er sich neu verlieben konnte und sie bei nüchterner Betrachtung sowieso nicht zusammengepasst hätten.

Dann war da noch sein Reitunfall, bei dem er sich den Fuß gebrochen hatte. Auch danach hatte er sich überwinden müssen, wieder auf ein Pferd zu steigen. Aber auch das hatte er geschafft.
Wenn er so darüber nachdachte, war er schon viele Male in seinem Leben gefallen und wieder aufgestanden.
So ließ er sein Leben vor seinen Augen passieren. Daher bemerkte er zunächst auch gar nicht, dass die Wolken sich verzogen und einige zaghafte Sonnenstrahlen durch die Decke hindurchbrachen. Erst als der Regen beinahe aufgehört hatte, erhob er seinen Blick nach oben und sah den Regenbogen am Himmel. Er war zwar etwas verschwommen anzusehen, aber dennoch wärmte er sein Herz. Neuer Mut stieg in ihm auf.
„Nein, ich werde nicht alles hinschmeißen“, sagte er laut zu sich selbst. „Ich kann es schaffen. Ich darf meine Familie nicht im Stich lassen. Meine echte Familie, die Menschen, die mir etwas bedeuten und die mich nicht bei nächstbester Gelegenheit auf die Straße werfen.“

Er streckte eine Hand aus. Der Regen hatte aufgehört. Zielstrebig klappte er den Schirm zusammen und griff nach seiner Tasche. Dann stand er auf und lief davon.
Seinem neuen Leben entgegen.

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Stand: Juni 2022