Ständige Begleiter

Wettbewerbsbeitrag von Richard Oppong, 22 Jahre

Als Mensch hatte man im Jahr 2020 verkackt. Naja, auch im Jahr 2021 und teilweise auch im Jahr 2022. Warum kann sich jeder, der zu dieser Zeit lebte, denken. Ja, ich rede von Corona.
Corona, der nervige Onkel, von dem man nicht erwartet hatte, dass er zur Weihnachtsparty kommt.
Corona, der Streber in der Klasse, der den Lehrer kurz vor Unterrichtsschluss daran erinnert, dass zu heute Hausaufgaben auf waren.
Corona, der Pickel, der plötzlich auf der Stirn auftaucht an dem Tag, wo man ein Date hat.
Corona, ein Ding, was gerade mal Nanometer groß ist und so einen großen Schaden angerichtet hat.
Es gab auf der Welt keinen Menschen, der von Corona und den Veränderungen, die er mit sich brachte, verschont wurde. Besonders junge Erwachsene hatten es in dieser Zeit nicht leicht. In einer Phase, wo sie Erfahrungen sammeln sollten, wo sie sich selbst kennenlernen sollten und wo sie ihr eigenes Leben aufbauen sollten, waren sie Zuhause eingesperrt. Nicht nur das, sie wurden mit Ungewissheit und Angst konfrontiert, da anfänglich niemand wusste, wie die Zukunft sich entwickeln würde.

Es war eine Zeit, die vielen Schwierigkeiten bereitete. Vor allem Martin hatte es schwer zu dieser Zeit. Martin war zum Zeitpunkt als Corona ausbrach 20 Jahre alt. Martin hatte sich kurz zuvor eingeschrieben für ein Biologie-Studium und war motiviert, sein Wissen zu erweitern. Doch die Wissenserweiterung war nicht das Einzige, worauf er sich freute. Martin freute sich natürlich auch auf das Studentenleben. Er zog in ein Studentenwohnheim und freute sich darauf, neue Freundschaften zu schließen, auf Partys abzugehen und die ein oder andere Lady kennenzulernen. Er sah das Studium als einen Start für sein neues Leben. Er war mit seinem vorherigen Leben nicht zufrieden, weil er in der Schule von Menschen umgeben war, die er nicht mochte. Er hasste es, in der Schule zu sein. In der Uni hätte er die Möglichkeit, frei zu entscheiden, mit wem er abhängt. Dann kam Corona, und er hing nur noch mit seinem Laptop ab. Täglich starrte er sieben Stunden auf den Bildschirm seines Laptops. Eines kann man mit Sicherheit sagen: So hatte er sich Studieren nicht vorgestellt.

Am Anfang war es ja noch akzeptabel für ihn, doch nach einer Woche begann der Spaß und die Motivation abzunehmen. Mit der Zeit musste er sich immer mehr dazu zwingen, um 8 Uhr aufzustehen, seinen Laptop anzuschalten und ihn wieder um 15 Uhr auszuschalten. Da sich das ganze Land im Lockdown befand, konnte Martin nicht ins Fitnessstudio. Er versuchte, sich zu beschäftigen, aber lesen, aufräumen und Serien schauen wurden irgendwann langweilig. Irgendwann kam ihm die Idee, dass er mit seinen Freunden telefonieren könnte. Doch da fiel ihm ein, dass er eigentlich gar keine Freunde hatte. Da war Alex, aber Alex war eher der Sohn des Freundes seines Vaters. Sie verbrachten eigentlich nur Zeit miteinander, wenn sich die zwei Familien besuchten.
So kam es dazu, dass Martin die meiste Zeit, die er nicht lernte, im Bett verbrachte und auf Instagram scrollte.

Wer denkt, dass Corona alleine kam, hat zu kurz gedacht. Corona kam mit seinen beiden Freunden Einsamkeit und Depression. Die Einsamkeit begleitete Martin schon vor Corona, doch Corona verstärkte das Einsamkeitsgefühl. Er wäre sogar lieber von seinen blöden Klassenkameraden von damals umgeben, als so allein zu sein. Es dauerte nicht lange, bis die Depression auch bei ihm ankam. Die Depression war ein lästiger Begleiter. Sie beanspruchte die ganze Aufmerksamkeit von Martin für sich. Er fand immer weniger Kraft für das Lernen und lernte dadurch auch immer weniger, bis er gar nicht mehr lernte. Selbst als der Lockdown vorbei war, blieb er in seinem Zimmer. Nicht aus Angst vor dem Virus, sondern weil er nicht rausgehen konnte. Seine Begleiter ließen es nicht zu. Jedes Mal, wenn seine Eltern ihn anriefen, um zu fragen, wie es ihm geht und wie er mit dem Lernen vorankommt, log er sie an. Er behauptete, dass alles gut lief. Auf der einen Seite wollte Martin nicht, dass sie sich Sorgen machten und auf der anderen Seite glaubte er daran, dass er den Lernstoff, den er verpasste, irgendwann aufholen würde. Dass dies nicht der Fall war, erkannte er erst bei den Prüfungen. Er bestand lediglich eine von fünf Prüfungen. Als er die Ergebnisse bekam, spielte er mit dem Gedanken, das Studium abzubrechen und erstmal wieder zu seinen Eltern zu ziehen. Er war demotiviert und psychisch am Ende. Doch dann erfuhr er eine Sache, die den Abbruchgedanken verwarf. Die Professoren verschickten Statistiken, auf denen man erkennen konnte, wie viele Studenten durchfielen, und zu Martins Erstaunen fielen sehr viele Studenten durch. Im Schnitt fielen 40% der Studenten je Prüfung durch. Martin erkannte, dass er nicht der Einzige war, der gelitten hatte, dass er nicht der Einzige war, der es nicht schaffte, zu lernen. Diese Tatsache bewirkte, dass er sich nicht mehr allein fühlte, und das gab ihm Kraft. Inwiefern es moralisch vertretbar ist, Kraft aus dem Misserfolg anderer zu ziehen, sei mal dahin gestellt.

Martin erkannte, dass Corona Schuld daran trug, dass er so viele Prüfungen nicht bestand. Er erkannte aber auch, dass es eine hohe Wahrscheinlichkeit gab, dass man Corona unter Kontrolle bekommen würde, sodass Vorlesungen sowie Partys wieder stattfinden würden, und das gab ihm Hoffnung. Hoffnung ist etwas, was seine Begleiter gar nicht abkönnen. Es ist so, als würde man versuchen, einem Kindergartenkind Spinat schmackhaft machen zu wollen. Im neuen Semester fing Martin wieder an, die Online-Vorlesungen zu besuchen. Mit dem Wissen, dass es irgendwann wieder richtige Präsenz-Vorlesungen geben würde, fand er wieder Spaß am Lernen. Es dauerte zwar ein paar Monate, aber das Warten lohnte sich. Studenten war es wieder erlaubt, die Uni zu besuchen. Es war das erste Mal, dass Martin einen Fuß in die Uni setzte, es war das erste Mal, dass er eine Vorlesung besuchte, und es war das erste Mal, dass er seine Kommilitonen sah. Er hatte Angst, dass er keine Gesprächsthemen finden würde, um sich mit anderen zu unterhalten und sie kennenzulernen. Diese Angst war jedoch unbegründet. Denn alle hatten eines gemeinsam: eine Scheiß-Zeit während Corona. Diese Gemeinsamkeit verband sie mehr als die Tatsache, dass sie alle das Gleiche studieren. Martin fand am gleichen Tag zwei Freunde, mit denen er auch später eine Lerngruppe bildete. Diese beiden wurden dann zu seinen neuen ständigen Begleitern. Später als Studentenpartys wieder erlaubt waren, ging er mit ihnen hin. Martin hatte die Zeit seines Lebens. Das Studentenleben, das er sich von Anfang an wünschte, wurde mehr und mehr Realität. Er war sich selbst dankbar, dass er diese schwere Zeit und auch den Rückschlag bei den Prüfungen aushielt und nicht aufgab. Auf einer Studentenparty trafen sich die Blicke von ihm und einer Kommilitonin, mit der er bisher kaum gesprochen hatte. Der Rest ist Geschichte.

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Autorin / Autor: Richard Oppong