Wenn die Vögel wiederkommen

Wettbewerbsbeitrag von Maja Antonia Goertz, 20 Jahre

Wenn die Vögel wieder da sind, die in Kreisen durch den kleinen Hinterhof meiner Wohnung fliegen, dann werde ich ihnen von meiner Suche nach der verlorenen Zeit, die zwischen den Zeilen liegen geblieben ist und die einmal unsere war, und von dir erzählen. Dann kaufe ich mir Vogelfutter und streue es auf meine Fensterbank, damit sie mir Gesellschaft leisten und vielleicht singen sie bis zu dir, erzählen dir meinen Teil unserer Geschichte und vielleicht zwitschern sie mir das Geheimnis in mein Ohr, wer ich nach dir sein könnte.

Wenn ein Vogel auf meiner Hand landet, dann werde ich ihm zuflüstern, dass ich dir früher Audios von dem Tröpfeln und Prasseln und Rauschen des Regens geschickt habe, die mit meinem ruhigen Atmen getanzt haben und dass ich dir jedes Mal, wenn der Himmel gemalt hat, ein Foto davon geschickt habe. Dunkle Wolken waren darauf nie zu sehen, und ich frage mich, ob du je verstanden hast, dass das heißt, dass ich dich mag. Nach den Fotos, nach den Momenten und Metaphern, habe ich dir den Rest von mir gegeben, auch den Teil mit laufender Nase und rissigen Händen. Ich weiß noch nicht, was du mir zurückgegeben hast, was mitgenommen und was irgendwo liegen gelassen. Wo ich nach mir suchen muss und was ich auf dem Weg Neues finde; Dinge, die noch nicht von dir berührt worden sind, die nicht zittern, die keine Kratzer, Schrammen und Erinnerungen haben. Wenn sich der Vogel mit schlagenden Flügeln von meinem Finger erhebt, dann trägt er einen Teil unserer Geschichte mit sich in die Luft und auch wenn ich es versuche, dann werde ich ihn nicht von den anderen unterscheiden können; so wie ich mich nicht mehr von den Schatten an den Wänden unterscheiden kann, nicht von der abgestanden Cola, nicht von den abbrennenden Teelichtern, den roten Ampeln und den Sonderangeboten.

Wenn nach dem Sommer der Herbst kommt und die Vögel davonfliegen, dann habe ich vielleicht verstanden, warum du, wie sie, nicht an einem Ort bleiben kannst, und vielleicht verstehe ich auch, dass ich der Zeit nie entkommen kann, egal wie viel ich renne. Als ich dachte, schon alle Geschichten erzählt zu haben und du meine Hand genommen und mich an- statt festgehalten hast. Du hast meine Uhr immer wieder aufgezogen, die in der Küche fünf Minuten vor gestellt und ich habe lauter als das Radio über dem Herd geredet, ich habe meinen Mund mit Lachen gefüllt und ich habe seltener Halsschmerzen gehabt, seltener drei Zigaretten hintereinander geraucht und gesagt, das ist mein Marathon, das ist eine Atemübung, das ist auch eine Art des Selbstgesprächs.

Jetzt vermisse ich dich still und du wirst mich in dem Zwitschern der Vögel nicht suchen, du gibst mir meine Worte nicht zurück und ich suche noch nach neuen, nach welchen, die sich nicht wie Sekundenkleber anfühlen, nach welchen, die kein Echo in den Raum werfen und dann in spitzen Scherben auf den Boden fallen.
Deine Stimme war meine Musik, deine Hand hat mich beim Balancieren gestützt und für dich bin ich in jede Bahn gestiegen, statt nur den verschwimmenden Lichtern der vorbeifahrenden Züge zuzusehen.  Jetzt gehe ich jeden Abend zu der Kreuzung eine Ecke weiter, stelle mich auf die Verkehrsinsel und sehe den Autos zu, die hupen, die sich überholen und an mir vorbeirauschen, so wie du es getan und mich dort hast stehen lassen, ohne Jacke und mit noch nassen Haaren. Ich bleiche sie so oft, dass sie kurz, spröde und  faserig geworden sind und wenigstens das fühlt sich natürlich, wenigstens das fühlt sich nach Ehrlichkeit und nach mir an.

Wir haben uns drei Lottoscheine gekauft und uns ausgemalt, was wir mit dem Gewinn machen würden, aber nachdem die ersten beiden Nieten waren und wir uns bei der dritten die Ziehung der Zahlen nicht mehr angesehen haben, ist unsere Fantasie von einem großen Haus am Waldrand verpufft und wir haben es nie wieder erwähnt. Als du aufgehört hast, mich bei meinem Namen zu nennen, wusste ich, dass du gehen wirst.

Das Ticken der Zeiger ist immer lauter geworden und ich habe erkannt, dass du in meinem Leben doch  immer nur ein Gast gewesen bist. Dass du mir keine Definitionen oder Blumen mehr schenken wirst, dass ich dir keine Euphemismen mehr für uns auf das Kopfkissen legen werde, dass wir bald wieder Fremdwörter füreinander werden. Letzte Woche habe ich die Dinge, die du zurückgelassen hast, an Fremde verschenkt, aber mich selbst habe ich behalten, auch wenn ich mich immer wieder auf Sperrmüll-Sofas setze, nur um zu  sehen, wie sich das anfühlt. Als du gegangen bist, weil du sagtest, es sei an der Zeit und unsere vorbei, habe ich meine Uhr in den Fluss geworfen. Die Nachrichten, die du mir nicht schreibst, sind lauter als du, als du die Tür hinter dir ins Schloss gezogen und mich sitzen gelassen hast. Auf dem Boden im Schlafzimmer, neben der letzten Wärmflasche, die du mir gemacht hast, statt mich in den Arm zu nehmen. Gegenüber von dem Spiegel an der Wand, in dem ich nichts mehr gesehen habe, nur ein Bild von Augenringen, von schwachen Armen, von Mundwinkeln, in die die Worte geschrieben stehen, die ich nicht mehr zu dir gesagt habe.

Wenn der Herbst gegangen und der Winter gekommen ist, dann kennt mich meine Therapeutin länger als ich dich und vielleicht kenne ich endlich mich, ohne dich, ohne deine Spitznamen, ohne Synonyme für Angst und Umwege, mit denen ich versuche, Traurigkeit zu buchstabieren. Vielleicht beginne ich dann, mich mit mir selbst zu verabreden, meinen Namen mit Rotstift in meinen Kalender zu schreiben und mehr als Speed Dating mit mir zu machen, wenn ich meine Wimpern ausreiße, um mir doch noch einmal etwas wünschen zu können. Vielleicht fange ich an, mit zuzuhören und höre auf, meine Augenfarbe mit deiner zu vergleichen. Vielleicht probiere ich ein paar neue Gangarten aus, vielleicht finde ich eine, die mir passt und vielleicht stolpere ich dann seltener. Wenn die ersten weißen Flocken vom Himmel regnen, werde ich deinen Namen in den schweigenden Schnee schreien, weil mein Herz noch immer keine Kompromisse machen kann; aber im  nächsten Frühling kommt der Vogel, der sich bei mir niedergelassen hat, zurück und wenn er von dir singt, dann wird der Schmerz schon leichter sein und du nur noch eine Erinnerung in verblassenden Farben. Dann reichen meine Haare bis zu meiner Hüfte und ich kaufe mir neue weiße Unterwäsche, die du nicht zu Gesicht bekommen wirst. Ich wische häufiger Staub, statt ihn als Beweis für die Zeit zu nehmen, ich werde meinen Lebenslauf neu schreiben und meinen Namen unterstreichen, ich werde lernen, deine Nummer nicht mehr  auswendig zu können und ich werde häufiger „ich“, statt „du“ sagen.

Wenn dann der Wind durch die Bäume rauscht, dann werde ich die Augen schließen und seinen Geschichten lauschen, statt deine Stimme darin zu hören und wenn der Himmel nach einem Gewitter aufbricht, dann werde ich kein Foto davon schießen, sondern mich auf den Rücken legen und nach oben sehen, so lange ich kann.

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Autorin / Autor: Maja Antonia Goertz