The holes in the wall

Wettbewerbsbeitrag von Lena E., 14 Jahre

Es schien mir, als träfe ich nach geraumer Zeit des Suchens, einen meinesgleichen. Jemand, von dem ich dachte, er würde niemals von meiner Seite weichen. Jemand, von dem ich dachte, er hätte die selben Ängste. Jemand, von dem ich dachte, auch er wäre jemand, der kämpfte. Weil bei ihm Hass und Liebe in derselben Seele wohnen. Die Ängste beide fräße und nicht mal die Erinnerungen verschonen. In meinem Herz für immer „Der Punk aus der Straßenbahn“…

Er wusste, genau wie ich, stundenlang gesellschaftskritisch zu reden und zu zeigen, dass wir nicht die Systemsprenger waren. Sondern das System zu klein für unsere großen Gedanken, weshalb wir sie nie ehrlich offenbaren. Ich dachte, er wäre wie ich. Ein Rebell innerlich. Ich dachte, er würde mich verstehen. Ich dachte, als wir redeten, dieser Moment bliebe für ewig bestehen. Aber Ewig-keit ein unwirkliches Geschehen, vielfach so groß wie er und ich. Dennoch ich dachte, er würde mir helfen, es zu sehen, doch auch nur einen Gedanken daran verschwendet zu haben, ist im Nachgang lächerlich.

Aber dieser Abend ließ mich seit Ewigkeiten wertvoll fühlen. Wertvoller als je zuvor, ganz ohne Mühen. Wir liefen von der Haltestelle aus zurück, ich lehnte dankend eine Zigarette ab. Brauchte nichts mehr für mein Glück, strahlte hellwach. Jedes seiner Worte, wie ein kleiner goldener Funke, welcher sich tief in meiner Brust einnistete. Ich dachte er… wäre der Richtige. Zwei gebrochene Herzen würden zu einem werden, die Vergangenheit, die uns immer wieder einholte, es aber nicht mehr sollte – wollte nicht, dass er mich liebte, wollte nur, dass er mich wollte.

Es war, als wären wir gemeinsam in einem Raum, blickten durch die Löcher in den Wänden hinab auf alle anderen, so klein, man sah sie kaum. Diese Löcher als einziges Überbleibsel der Realität, von welcher ich mich mehr und mehr entfernte, denn noch nie schien ein Moment so verdammt perfekt. Hörte Autos nur noch aus der Ferne, verlor mich so in seinen Augen; wollte nicht, dass mich auch nur ein einziges Bild aus den Löchern in der Wand wieder erweckt. Ich fürchtete diese Löcher; dachte, sie wären von Pistolenkugeln geschlagen. Wusste nicht, dass es Sprengsätze aus jenen goldenen Funken waren.

Es war, als tanzten wir auf Wellen aus Parallelen, hörten auf, uns gegen die Gefühle der Vollkommenheit zu wehren. Dann sein letzter Satz: „Pass auf dich auf.“ Ich hatte mich noch nie so golden gefühlt, stieg eine Leiter zu den Sternen hinauf.

Aber es dauerte nur etwa eine Woche, bis die Sprossen einstürzten, ich mir meine Hände aufschürfte, auf dem steinigen Boden der bewussten Vergangenheit. Wunden, die niemand wieder heilt.

Ich realisierte: Ich war ihm niemals so wichtig wie er mir.

Dieser Moment ließ mich wertlos fühlen. Wertloser als je zuvor. Denn wir verblieben genauso, wie wie wir uns trafen – mit einem Bündel Scherben immer noch suchend nach etwas Wahrem’. Aber später sah ich ihn, auf einem Bild, ein anderes Mädchen im Arm haltend. Ein klassisches Teenage-Drama, aber mein Mut zu lieben, ließ es erneut erkalten…
Ich verstand nun, warum Menschen dir immerzu von gebrochenen Herzen erzählen, wenn du sie nach der Liebe fragst.

Aber ich wollte mich nicht an der Vergangenheit anbinden, denn das wäre ja so, als würdest du über Dinge stolpern, die weit hinter dir liegen. Aber auch wollte ich niemals ganz vergessen, mich einfach weiter in diesen Funken wiegen. Doch wenigstens einen behalten, denn ein einziger Funke kann ein ganzes Feuerwerk anzünden. Wenn das die Menschen doch bloß verstünden…

Ich hatte noch nie zuvor so viele Schmetterlinge im Bauch, zwar Schmerz im Kopf, aber Liebe auch.

Ich wollte das Lieben lernen. Aber in der Realität, mich von dem Raum entfernen. Die Löcher in der Wand waren für mich immer die bösen Wecker, welche mich aus den wunderbaren Träumen rissen.
Und vielleicht werde ich den Raum gar nicht so vermissen, wenn ich beginne, mein Feuerwerk draußen zu zünden. Denn dann verbrennt man nicht so schnell ein Haus voller Liebe, sondern sie schweben in freierer Luft, ohne Sünden. Die Löcher versuchten mir doch bloß zu ermöglichen, dass das Feuer brennen könnte, mit einem lieblichen Duft. Sie wollten mir nie wehtun, waren niemals darauf erpicht. Sie hätten größer sein müssen. Dann wären wir vielleicht nicht in dem Qualm erstickt, hätten weniger schlechtes Gewissen. Die Löcher in der Wand bedeuten freie Liebe. Freie Gefühle. Ich war nun endlich mal genug. Spürte das Leben in jedem Atemzug.

Ich lernte: Dies sind Geschichten, die das Leben schreibt, also ist es wahrscheinlich, dass kein Mensch in dem ganzen Buch für ewig bleibt. Aber du verpasst das Gold in jeder Sekunde, hältst du fest an jeder Wunde. Akzeptiere, dass das Leben Narben hinterlässt. Aber man muss auch erst den Boden aufreißen, um Blumen zu säen; jeder Mensch wird zu einem nächsten Tattoo eines wunderschönen Gewäches…

Zu lieben in einer Welt, die von unseren Zweifeln profitiert, ist ein Akt der Rebellion – lasst uns durch die Löcher in diesen Wänden voller Hass, raus in unser Leben, denn wer will uns aufhalten? Wer kann das schon?

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Autorin / Autor: Lena E., 14 Jahre