Der Duft von Erdbeeren

Wettbewerbsbeitrag von Julian Fisch, 26 Jahre

Die Worte griffen in mich hinein und drückten zu, bis meine Augen hervortraten.

Ich legte die Zeitung mit zitternden Händen auf den Tisch und glättete die Seiten, wo ich sie umklammert hatte. Langsam legte ich den Kopf in meine Hände und nahm einen zitternden Atemzug. Wenn ich die Wellen, die die Nachrichten in mir geschlagen hatten, nur auch glätten könnte, indem ich sie über Nacht unter ein Buch legte. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte. Aber meine treuen Bücher hatten mich dieses Mal im Stich gelassen. Tolkien und Gaiman konnten nur die Probleme ihrer eigenen Welten lösen.

Vielleicht könnte ich weniger Fleisch essen … Nein, ich aß ja schon keines mehr. Vegan zu leben kam auch nicht in Frage. Ich könnte … Verdammt, warum tat denn niemand etwas gegen das Schmelzen der Polkappen, das Versauern der Meere, das Artensterben … Ich könnte nur noch kalt essen, überhaupt keinen Strom mehr verbrauchen. Kleidung aus China würde ich auch nicht mehr kaufen, nie mehr …

Ich ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken und schloss die Augen, während die Worte in mir wirbelten und verstörende Bilder aufscheuchten wie dunkle Vögel.

Irgendetwas musste es geben, irgendetwas das ich tun konnte, um die Welt zu verbessern. Ich hob den Kopf und zog die nächste Zeitung heran.

Während die Seiten raschelten, schlug mein Herz gegen meine Rippen, lauter als die Vögel draußen, als der Wind an meinem Fenster. Ich zog die Decke enger um mich. Die Frühlingsluft war noch kalt. Die Heizung hatte ich seit Kriegsausbruch nicht einmal angesehen.

Irgendwann bemerkte ich, dass ich an meinen Nägeln knabberte. Der kleine Finger war besonders hartnäckig. Ich zog und zerrte und spürte, dass ich aufhören sollte. Doch ich machte weiter, riss den Kopf herum und den Nagel ab. Mit ihm kam Haut und unter ihm quoll Blut hervor. Ein kleiner Schmerz verglichen mit dem so vieler anderer.

Die Türklingel schrillte. Ich schob den Finger in den Mundwinkel, räumte die Zeitungen beiseite, deckte den stinkenden Müll ab und legte mir eine Entschuldigung für das dreckige Geschirr zurecht, das sich um mich stapelte. Dass ich Besuch gehabt hatte, würde mir eh niemand glauben.

Ich prüfte mein Haar im Spiegel und flocht einen neuen Zopf. Wie lange hatte ich kein Wasser mehr heiß gemacht um zu duschen? Vielleicht sollte ich sie abschneiden, das wäre einfacher …

Ich sah beschissen aus - Augenringe, strähniges Haar und meine Klamotten waren auch nicht grade das Gelbe vom Ei – wobei ich keine mehr aß. Ich war keine Kükenschredderin!

Es klingelte erneut. Eine Kämpferin für das Gute sah nun einmal nicht aus wie Paris Hilton. Wer mich besuchte, musste das akzeptieren. Ich atmete zitternd ein, öffnete die Tür ein wenig und spähte hinaus.

„Hi Alice“, sagte Tom, der Nachbar von gegenüber. Er hatte Grübchen und ein nettes Lachen.

„Oh, hi. Ich... putze gerade“, sagte ich und versuchte ein Lächeln.

„Frühjahrsputz, klar“, sagte er. „Hör mal, du hast in neuerer Geschichte gefehlt. War langweilig ohne dich, ehrlich. Ich hätte lieber wieder mit dir über die schlimmsten Diktatoren der Welt gestritten.“

Ich fuhr mir durchs Haar. „Welcher Tag ist heute?“

„Montag. Der 16te.“

Verdammt, das lange Wochenende war schon vorbei? Seit Kriegsbeginn hatte ich nicht mehr auf die Daten geachtet, außer um die Zeitungen zu sortieren.

„Ich wollte dir meine Notizen bringen. Ich dachte, du bist krank.“

Auf jeden Fall tat mein Kopf höllisch weh. „Das ist lieb von dir.“

„Ich dachte, ich kann die größte Expertin auf dem Gebiet der historischen Tyrannei nicht ohne neues Material lassen." Er zog einen Ordner aus dem Fahrradrucksack, den er immer dabeizuhaben schien.

„Danke“, murmelte ich, öffnete die Tür ein wenig mehr und nahm den Ordner.

„Gern.“

„Ja … und sonst?“

Er blies die Backen auf und spähte in seinen Rucksack. „Sonst habe ich  Bier und ein paar Erdbeeren dabei.“

Meine Wangen brannten. „Ich meinte …“

„Schon gut“, sagte er grinsend. „Sollen wir ein paar essen?“

Ich zog die Tür ein wenig zu. „Ich putze gerade.“

„Dreck ist geduldig“, sagte er abwinkend. „Auf den Stufen vor der Haustür sitzt man gut. Da ist die Sonne. Man kann weit schauen.“

„Ich esse nur regionale Produkte.“

„Die sind von meiner Oma. Sie hat noch mehr, sagt sie. Omas sagen das immer, oder?“

„Meine sagt es jedenfalls“, sagte ich und spürte ein Lächeln.

Er neigte den Kopf ein wenig, eine zweite Einladung. Ich ließ die Wohnungstür los. Er hatte mir Erdbeeren und Unterlagen gebracht, ich schuldete ihm was. Und sicher war es in Ordnung, Erdbeeren von seiner Oma zu essen. Ihr Duft weckte etwas in mir …

„Okay“, sagte ich und schlüpfte in ein Paar Schuhe.

Er pfiff durch die Zähne. „Man kann ja nicht Mal mehr die Marke lesen. Wie lange hast du die schon?“

Sie waren einmal weiß gewesen, doch das sah nur, wer es wusste. „Das weiß ich nicht mehr.“

Auf der Treppe war es tatsächlich warm. Wir setzten uns und Tom reichte mir eine Beere.

„Die Erste des Jahres", sagte er strahlend.

Als er sich auch eine nahm, biss ich hinein. Ich schloss die Augen halb. Sie schmeckte nach dem letzten Sommer, als ich mit meiner Schwester Erdbeeren in der Sonne gegessen hatte. Ich schluckte, doch der Geschmack blieb. Es kam mir länger her vor als letzten Sommer.

Tom sah auf. „Da ist er ja.“ Er deutete auf einen der Bäume, die unsere Straße säumten und die Wege und Mehrfamilienhäuser beschatteten.

„Eine Linde?“, riet ich.

Er schüttelte den Kopf. „Eine Birke. Die erkennt man an der Rinde. Und an den niesenden Leuten, die vorbeigehen.“

Wieder musste ich lächeln. „Du bist gemein. Wusstest du, dass man aus Birkenrinde ein Schmerzmittel bekommt?“
Ich hatte das in einem Roman gelesen.

„Cool! Aber eigentlich wollte ich dir den Specht zeigen.“

Ich kniff die Augen zusammen. Vielleicht brauchte ich mal eine Brille. Sein Klopfen wies mir den Weg .
„Ich sehe ihn!“ Er war weiß und schwarz und saß senkrecht im Stamm. Wie machte er das? „Können wir näher ran?“

Tom stellte die Beeren ab und wir schlichen näher heran. Der Specht unterbrach seine Arbeit und sah aus dunklen Augen zu uns herab. Dann, mit einem Blitzen aus Hell und Dunkel, flog er auf.

„Oh!“, machte ich. „Er ist wunderschön! Jemand sollte ihn malen.“

„Warum nicht du?“

„Ich studiere Geschichte, keine Malerei.“

Er zuckte die Achseln. „Dafür brauchst du nicht zu studieren.“

„Okay. Wenn du mir hilfst“, sagte ich, um ihn zu necken.

„Ich setze mich gern zu dir und fotografiere. Im Abendlicht geht es am besten.“

Der Geruch von Erdbeeren lag noch in der Luft und machte mich mutig. „Dann morgen Abend.“

Er nickte lächelnd. Ich atmete tief ein und sah dem Wind zu, wie er die Blätter übers Pflaster pustete. Es war ein schöner Tag und morgen konnte noch schöner werden.

Alle Infos zum Wettbewerb

Teilnahmebedingungen und Datenschutzerklärung
Bitte lesen!

Die Verwandelbar-Jury
Die Jury verwandelt eure Einreichungen zum Schreibwettbewerb in wohlwollende Urteile :-)

Preise
Das gibt es im Schreibwettbewerb "Verwandelbar" zu gewinnen

Einsendungen
Die Beiträge zum Schreibwettbewerb Verwandelbar

Autorin / Autor: Julian Fisch, 26 Jahre